16. Kinder- und Jugendbericht

Junge Menschen demonstrieren auf einer Straße

Demokratische Bildung fördern

"Das wichtigste Ziel politischer Bildung ist, jungen Menschen demokratische Prinzipien wie Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit oder den Schutz von Minderheiten zu vermitteln."

Franziska Giffey, Bundesfamilienministerin


Unser Recht! Politische Bildung steht allen zu

Ein Mädchen mit Megaphon
© iStock/Rawpixel

Junge Menschen haben ein Recht auf politische Bildung. Es muss aber verbindlicher eingelöst und stärker verankert werden - zum Beispiel durch eigene Kinderrechte im Grundgesetz. In der Schule sollte außerdem in allen Schulformen von der fünften bis zur zehnten Klasse zwei Stunden in der Woche Politikunterricht stattfinden. Und es sollte mehr Möglichkeiten für außerschulische politische Bildung geben.

Politische Bildung sollte deshalb vielfältigere Angebote machen: Organisationen junger Menschen mit Migrationsbiografien, People of Color sowie postmigrantische Akteurinnen und Akteure müssen als Anbieter politischer Bildung stärker anerkannt und ausgebaut werden. Auch junge Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen sollten barrierefrei und problemlos an politischer Bildung teilhaben können. Unterschiedliche Angebote für alle jungen Menschen, die an ihren Fähigkeiten und nicht an ihren Defiziten ansetzen - das ist es, was die politische Bildung braucht, um sich zukunftsweisend aufzustellen.

Das heißt auch, dass sie nicht auf Extremismusprävention reduziert wird: Politische Bildung heißt, über das Recht auf Mitsprache, kritisches Denken, Hinterfragen und aktives Mitgestalten in allen gesellschaftlichen Bereichen aufzuklären und Möglichkeiten der Beteiligung aufzuzeigen.

Junge Menschen klatschen sich ab

Mitgemacht und mitgesprochen: Wie Beteiligung Freude an Demokratie ermöglicht

Politische Bildung muss mit politischer Beteiligung Hand in Hand gehen. Denn nur wer wirklich beteiligt wird, kann sich für Demokratie begeistern und fühlt sich gehört und gesehen. Wissen will auch umgesetzt werden. Kinder und Jugendliche sollen ihre sozialen Räume mitgestalten und über Konflikte und Probleme mitentscheiden können. Deswegen sollte auch das gesetzliche Wahlalter auf 16 Jahre abgesenkt werden.

Der Kinder- und Jugendbericht stellt gleichzeitig fest, dass Partizipation zwar notwendig ist, aber allein nicht ausreicht. Denn wie junge Menschen beteiligt werden, muss immer auch daraufhin überprüft werden, was junge Menschen eigentlich lernen, wenn sie sich einbringen. Das heißt: Es darf nicht um zielloses Beteiligen gehen - Engagement junger Menschen muss ihnen wirkliche Einblicke und Erkenntnisse über das demokratische Zusammenleben bringen.

Engagement der 12- bis 25-Jährigen aufgeschlüsselt nach Bereichen:

Engagement der 12- bis 25-Jährigen aufgeschlüsselt nach Bereichen Prozentualer Anteil ...
Eine Mutter mit ihrem Kind auf der Couch und mit Tablet

Demokratiekompetenz heißt auch: Medienkompetenz

Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer digitalisierten Gesellschaft auf. Sie bewegen sich gleichzeitig in analogen und digitalen Welten. 80 Prozent von ihnen nutzen allein YouTube mehrmals in der Woche. Instagram, TikTok und Videospiele gehören zum Alltag dazu. Auch öffentliche Räume und politische Prozesse verändern sich unter dem Einfluss der Digitalisierung. Medienbildung muss zur politischen Bildung unbedingt dazugehören: Junge Menschen müssen in der Lage sein, digitale Medien reflektiert und kreativ zu nutzen.

Ein moderner Kinder- und Jugendmedienschutz spielt hier eine wichtige Rolle - vor allem sollen große Anbieter von Sozialen Medien und Games-Plattformen stärker in die Pflicht genommen werden, um digitale Phänomene wie Cybermobbing oder Hate Speech endlich einzudämmen. Politische Bildung ist auch auf die Unterstützung der klassischen Medien angewiesen: Auch sie sollten ihre Informations- und Bildungsangebote deutlich weiterentwickeln - vor allem für Jugendliche.

1 Frau per Videokonferenz am Schreibtisch

Corona - Herausforderungen unter dem Brennglas

Die Corona-Pandemie zeigt ganz aktuell, wie wichtig politische Bildung für unsere Gesellschaft ist und vor welchen Herausforderungen sie steht. Besonders Heranwachsende haben mit Schulschließungen, geschlossenen Freizeiteinrichtungen und Kontaktbeschränkungen zu kämpfen. Die Corona-Pandemie verstärkt bei vielen jungen Menschen das Gefühl, dass sie nicht mitbestimmen dürfen, ihre Bedürfnisse als nebensächlich gelten und sie auf ihre Rolle als Schülerinnen und Schüler reduziert werden. Gleichzeitig engagieren sie sich tatkräftig für den Schutz der Umwelt und eine ressourcenschonende Zukunft - ihre Zukunft. Die Pandemie macht auch Themen sichtbar, die in der politischen Bildung stärker diskutiert werden können: etwa die Grundrechte und die Möglichkeiten ihrer Einschränkung in Notstandssituationen oder Europa und nationalstaatliche Alleingänge.

Von Kindheit bis Jugend: Politische Bildung als ständige Begleiterin

Kinder in einen Raum mit Schreibmaterialien an einem Tisch
© iStock/Miodrag Gajic

Junge Menschen erlernen und erleben politische Bildung im besten Fall in vielen verschiedenen Situationen und Umgebungen. Von klein auf haben Kinder Kinderrechte und sollen Selbstbestimmung, Mitgestaltung sowie Verantwortung kennenlernen. Jugendliche entwickeln ein immer besseres Verständnis von Politik und Demokratie - geprägt durch Erfahrungen aus Schule, Freizeit oder ersten Engagements in Jugendverbänden oder Vereinen. Politische Bildung durchzieht auch die Lebensbereiche junger Erwachsener, zum Beispiel wenn sie sich für eine Berufsausbildung oder einen Freiwilligendienst entscheiden.

Familie

Die überwiegende Mehrheit der Kinder und Jugendlichen ist gern mit ihrer Familie zusammen und spricht mit ihr regelmäßig über Dinge, die in der Welt passieren. Aber junge Menschen wirken auch auf ihre Eltern ein. Leider ist der Zugang zu (politischer) Bildung aber stark vom sozialen und finanziellen Status einer Familie abhängig - hier gilt es, dafür zu sorgen, dass jedes Kind in Deutschland mit gleichen Chancen aufwachsen kann. Dazu beitragen können auch zielgruppengerechte Angebote der Familienbildung zum Thema Demokratie.

Kita, Schule und Ausbildung

Kinder lernen Regeln, Mitbestimmung, Verantwortung und Teilhabe bereits in ihren frühen Lebensjahren kennen. Die Kindertagesbetreuung hat als erster Bildungsort außerhalb der Familie den Auftrag, Kinder auf das Zusammenleben in einer vielfältigen, demokratischen Gesellschaft vorzubereiten. Hier können Kinder erfahren, dass ihre Stimmen gehört und ihre Rechte geachtet werden. Kinderrechte, Demokratiebildung und Partizipation sollten deshalb fester Bestandteil des pädagogischen Alltags sein.

In der Schule können Kinder anschließend verstehen, wie Demokratie als Gesellschafts- und Staatsform funktioniert und welche Rechte sie als Bürgerinnen und Bürger haben. Doch die Möglichkeiten politischer Bildung in der Schule werden noch nicht ausreichend genutzt. Ein klares Ziel sollte sein, politische Bildung als Unterrichtsfach zu etablieren und Lehrkräfte entsprechend zu schulen. Auch wären mehr Räume für Mitgestaltung durch Schülerinnen und Schüler sowie eine generell demokratischere Schulkultur dringend erforderlich.

Dies gilt besonders für Auszubildende an Berufsschulen, die in Entscheidungsprozessen oft wenig beteiligt werden. Gewerkschaften sollten sich nicht auf betriebliche Interessenvertretung beschränken und mehr Angebote politischer Bildung für den Nachwuchs machen.

Viele Studierende zeigen ein hohes Interesse an Politik. Studentische Mitwirkung sollte gestärkt werden und Studierende brauchen ausreichend Freiräume für eigene politische Bildungserfahrungen neben dem Studium. 

Soziale Bewegungen und Parteien

Proteste und soziale Bewegungen sind Räume für informelles, selbstorganisiertes politisches Lernen. Hier ist politische Mitwirkung soziale Praxis. Besonders im Hinblick auf die großen gesellschaftlichen Herausforderungen wie den Klimawandel lernen junge Menschen, ihre Interessen im öffentlichen und politischen Raum einzubringen. Mit Erfolg: Viele Anhängerinnen und Anhänger der Fridays-for-Future-Bewegung sind beispielsweise überzeugt, mit Demonstrationen etwas erreichen zu können. Demokratische Werte werden hier praktisch erlernt und gelebt - und sollten deshalb stärker unterstützt werden, zum Beispiel durch Plattformen zur Vernetzung.

Auch Parteien, ihre Jugendorganisationen und die parteinahen Stiftungen bieten Räume für Mitgestaltung. Allerdings kritisiert der 16. Kinder- und Jugendbericht, dass der politischen Bildung von jungen Menschen innerhalb der Parteiarbeit eine untergeordnete Rolle zukommt und der Fokus auf reiner Nachwuchsgewinnung liege. Parteinahe Stiftungen leisten zwar einen wichtigen Beitrag für die politische Bildung von Jugendlichen und Erwachsenen, könnten jedoch besser miteinander und dem gesamten Feld der politischen Jugendbildung kooperieren.

Kinder- und Jugendarbeit

Kinder- und Jugendarbeit knüpft an die Interessen vieler junger Menschen an und ist deshalb vielfältig: Dazu gehören außerschulische Bildungsstätten, Jugendverbände (von der Jugendfeuerwehr über Pfadfindergruppen und Umweltverbände bis hin zu politischen Jugendorganisationen), offene Einrichtungen wie Jugendclubs und auch die internationale und sportliche Kinder- und Jugendarbeit sowie die kulturelle Kinder- und Jugendbildung. All diese Angebote haben die Gemeinsamkeit, dass sie Offenheit, Freiwilligkeit, Selbst- und Mitbestimmung fördern. Politische Bildung findet in all diesen Bereichen der Kinder- und Jugendarbeit statt - wenn auch mit sehr unterschiedlichen Schwerpunkten und zum Teil schlecht vernetzt.

Freiwilligendienste

Freiwilligendienste für junge Menschen sind eine besondere Form des bürgerschaftlichen Engagements und sollen Werte einer vielfältigen Gesellschaft vermitteln. Freiwilligendienste unterliegen festen Regeln, sind befristet und strukturieren den Alltag der jungen Teilnehmenden. Gleichzeitig sind die Freiwilligendienste als Lerndienste gestaltet - durch praktische Arbeit in der Einsatzstelle und in Begleitseminaren wird (politische) Bildung direkt erlebt.

Ein Wegweiser

Grenzenlos: Politische Bildung kennt keine Staatsgrenzen

Demokratiebildung darf in einer zunehmend globalisierten Welt nicht an den Grenzen von Nationalstaaten enden. Ein Großteil der jungen Menschen zwischen 15 und 25 Jahren schenkt internationalen Institutionen ein starkes Vertrauen und eine große Mehrheit verbindet mit der Europäischen Union positive Werte. Gleichzeitig wollen laut 16. Kinder- und Jugendbericht 89 Prozent mehr über ihre Rechte und Pflichten als EU-Bürgerinnen und EU-Bürger erfahren.

Politische Bildung in Deutschland beschäftigt sich jedoch zu häufig allein mit Themen, die sich auf die eigene Nation beziehen. Zugleich ist Deutschland aber auch Mitglied der Europäischen Union und als Teil der Weltgemeinschaft vielfältig mit anderen Ländern verflochten. Damit dies alles nicht abstrakt und fremd bleibt, braucht es mehr transnationale Bildungserfahrungen. Dazu gehört auch, Migration als gesellschaftliche Normalität und ein kontinuierliches Element in der deutschen und europäischen Geschichte zu vermitteln. Der politische Umgang mit Migration sollte ein zentrales Thema politischer Bildung sein.

Auslandsaufenthalte als praktische Erfahrung

Internationale Austauschprogramme bieten sich an, um jungen Menschen transnationale politische Bildung näherzubringen. Das Bundesjugendministerium setzt sich dafür ein, dass junge Menschen Gelegenheit für einen Blick über die eigenen Grenzen hinweg erhalten und auch an europäischer Jugendpolitik mitwirken können, etwa durch Programme wie Erasmus+ einschließlich dem EU-Jugenddialog und dem Europäischen Solidaritätskorps.

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Was verbinden 15- bis 25-Jährige mit der EU? Prozentuale Verteilung ...

Kommission des 16. Kinder- und Jugendberichts

Im Oktober 2018 beauftragte Bundesjugendministerin Dr. Franziska Giffey eine unabhängige Sachverständigenkommission damit, den 16. Kinder- und Jugendbericht zu erarbeiten. Der Kommission gehören Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen sowie erfahrene Persönlichkeiten aus der Praxis an. Nach vielen Sitzungen und Arbeitsgruppen, Recherchen und Schreibarbeit hat die Kommission ihren Bericht im September 2020 der Bundesjugendministerin übergeben.

Die Mitglieder der Sachverständigenkommission:

  • Dr. Reiner Becker, Philipps-Universität Marburg
  • Professorin Dr. Anja Besand, Technische Universität Dresden
  • Ina Bielenberg, Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e. V. (stellvertretende Vorsitzende)
  • Professorin Dr. Julia von Blumenthal, Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
  • Professor Dr. Andreas Eis, Universität Kassel
  • Professorin Dr. Frauke Hildebrandt, Fachhochschule Potsdam (stellvertretende Vorsitzende)
  • Cansu Kapli, Türkische Gemeinde in Deutschland (bis Januar 2020)
  • Thomas Krüger, Bundeszentrale für politische Bildung
  • Professor Dr. Dirk Lange, Leibniz Universität Hannover
  • Hanna Lorenzen, Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung
  • Dr. Stine Marg, Georg-August-Universität Göttingen
  • Professor Dr. Kurt Möller, Hochschule Esslingen
  • Professor Dr. Christian Palentien, Universität Bremen (Vorsitzender)
  • Christian Weis, Deutscher Bundesjugendring

Fachtagung zum 16. Kinder- und Jugendbericht

Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) richtet traditionell nach Veröffentlichung eines Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung eine Fachveranstaltung zum aktuellen Bericht aus. Das geschieht in Kooperation mit der Sachverständigenkommission des 16. Kinder- und Jugendberichts. Die Fachtagung markiert den Auftakt des fachpolitischen Austauschs über die Erkenntnisse und Empfehlungen des Berichts. Dafür werden Mitglieder der Sachverständigenkommission die zentralen Ergebnisse des Berichts vorstellen und sie gemeinsam mit den Teilnehmenden diskutieren. Die Fachtagung findet am 28. und 29. Januar 2021 in Berlin und online statt. Anmeldungen sind auf der Internetseite der AGJ möglich. Dort finden sich auch weitere Informationen zu der Fachtagung.

Die Kinder- und Jugendberichte geben wichtige Impulse, die über die Legislaturperiode hinaus Wirkung entfalten. Sie sind regelmäßig Gegenstand breiter Diskussionen von Bund, Ländern und Kommunen, von Wissenschaft und Fachpraxis.

Titelseite der Bundestagsdrucksache 16. Kinder- und Jugendbericht

16. Kinder- und Jugendbericht

Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter (Bundestagsdrucksache)

Titelseite der Kurzbroschüre zum 16. Kinder- und Jugendbericht

Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter

Zentrale Erkenntnisse und Empfehlungen des 16. Kinder- und Jugendberichts (Kurzbroschüre)

Titelseite der Jugendbroschüre zum 16. Kinder- und Jugendbericht

Mitreden! - Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter

Die Jugendbroschüre zum 16. Kinder- und Jugendbericht