DIE ZEIT

Dr. Franziska Giffey: "Der Erzieherberuf muss attraktiver werden"

Pressefoto der Ministerin
Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey© Thomas Imo/photothek.net

ZEIT: Frau Giffey, war es ein Schock, als Sie vergangene Woche im Nationalen Bildungsbericht lesen, mussten, wie viele Erzieher in unseren Kitas fehlen?

Dr. Franziska Giffey: Ich weiß, es sind sehr viele. Man kann sich davon kirre machen lassen oder fragen: Was müssen wir jetzt tun?

ZEIT: Das haben sich Ihre Vorgänger auch schon gefragt. Aber getan hat sich wenig. Bis zum Jahr 2025 fehlen nun mehr als 300.000 Fachkräfte, bisher ging man von 100.000 aus. Stehen wir kurz vorm Kollaps unseres Kita-Systems?

Dr. Franziska Giffey: Nein, aber wir müssen die Ärmel hochkrempeln. Jedes Jahr beenden rund 30.000 junge Erzieherinnen und Erzieher ihre Ausbildung. Ich will, dass es künftig mehr werden. Und wir haben zu viele, die die Ausbildung abbrechen, am Ende nicht in diesem Beruf anfangen oder aus dem Beruf wieder rausgehen.

ZEIT: Und was machen Sie dagegen?

Dr. Franziska Giffey: Wir bringen das Gute-Kita-Gesetz auf den Weg, für mehr Qualität und weniger Gebühren. Darin sind neun verschiedene Instrumente zur Qualitätsverbesserung enthalten. Die Länder sollen bei der Verbesserung der Kitas unterstützt werden - von der Gebührenbefreiung über die Verbesserung des Betreuungsschlüssels bis zur Sprachförderung. Für all das brauchen wir Personal. Deshalb starten wir parallel eine Fachkräfteoffensive des Bundes und planen im Haushalt 2019 Geld dafür ein.

ZEIT: Wie viel?

Dr. Franziska Giffey: Das verhandeln wir derzeit. Ich versuche, für Ausbildung, Umschulung und Gesundheitsförderung so viel Geld wie möglich herauszuholen. Für die Qualitätsentwicklung in den Kitas haben wir bereits einen Verhandlungserfolg erzielt. In den nächsten Jahren bis 2022 können wir 5500 Millionen Euro investieren. Das sind 2000 Millionen mehr als im Koalitionsvertrag vereinbart. Da haben wir nochmal ordentlich draufgelegt. Das ist richtg gut! Und wir haben das Ziel, dass es auch langfristig weitergeht.

ZEIT: Nach Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung reicht das nicht. Dort heißt es, der Bund müsste 15 Milliarden in die frühkindliche Bildung stecken...

Dr. Franziska Giffey: ...mit denen hab ich schon gesprochen!

ZEIT: Und?

Dr. Franziska Giffey: Die sind davon ausgegangen, was es kostet, wenn alle Kitas in ganz Deutschland gebührenfrei weden und man zugleich die Qualität auf das höchste Level erhöht. Und dass der Bund all das zahlt. Aber so geht's ja nicht. Der Bund finanziert jetzt mit einer großen Summe mit, das ist ein großer Schritt nach vorn. Aber Kitas bleiben auch Sache der Länder und Kommunen.

ZEIT: Bei der Forderung nach gebührenfreien Kitas sind Sie innerhalb der ersten hundert Tage als Ministerin ziemlich zurückgerudert.

Dr. Franziska Giffey: Nein. Mir ging es von Anfang an um den ersten Schritt, den Einstieg in die Gebührenfreiheit. Viel wichtiger sind mir die Qualität und soziale Staffelung der Elternbeiträge. Jemand, der 5000 Euro im Monat verdient muss nicht alles kostenlos kriegen. Aber Eltern mit geringen Einkommen, die müssen wir unterstützen. Und da haben wir eine große soziale Schieflage, die sogar Mütter oder Väter davon abhält, arbeiten zu gehen. Ich will, dass jedes Bundesland selbst entscheidet, wo der Bedarf am größten ist und welche Maßnahmen die Richtigen sind. Beispielsweise wird Mecklenburg-Vorpommern ab 2020 alle Plätze kostenfrei anbieten.

ZEIT: Bleibt die Frage nach der Qualität.

Dr. Franziska Giffey: Die ist im Moment die gravierendste. Da geht es um den Betreuungsschlüssel - wie viele Kinder versorgt eine Erzieherin oder ein Erzieher - ebenso wie um gute Fachkräfte. Wir haben Kitas, die sind nicht voll belegt, weil nicht genügend Personal da ist. Allein in Berlin betrifft das 10.000 Plätze …

ZEIT: …und Eltern gehen demonstrieren, weil sie nach der Elternzeit nicht wieder in den Job kommen ohne Kita-Platz. Wie wollen Sie denn das Problem lösen?

Dr. Franziska Giffey: Der Erzieherberuf muss attraktiver werden - bessere Ausbildungsbedingungen, bessere Arbeitsbedingungen, bessere Bezahlung. Und es muss auch cool sein, Erzieherin oder Erzieher zu werden. Wir brauchen einen Imagewandel. Wir müssen junge Leute, die vor der Berufswahl stehen, besser ansprechen. Neulich sagte einer, wie wär‘s mit dem Spruch: "Chill die Basis, werd Erzieherin, werd Erzieher!" Das fand ich genial! Es geht um Wertschätzung und Anerkennung und darum, dass sich junge Leute nicht fragen müssen, ob sie es sich überhaupt leisten können, Erzieherin oder Erzieher zu werden. Deshalb streite ich für die Abschaffung des Schulgeldes und eine Ausbildungsvergütung. Klar muss man dabei auch die Frage stellen, was danach kommt.

ZEIT: Danach kommen Lärm, nervenaufreibender Alltag, viel zu große Kindergruppen und miserable Bezahlung.

Dr. Franziska Giffey: Die Arbeitsbedingungen in den Kitas müssen besser werden. Wenn die Gruppen kleiner sind, wird auch der Geräuschpegel erträglicher. Und wenn es mehr Kolleginnen und Kollegen gibt, wird der Krankenstand geringer.

ZEIT: Sie haben sich in den Kitas schnell beliebt gemacht, als Sie sofort nach Amtsantritt forderten, Erzieher wie Grundschullehrer zu bezahlen.

Dr. Franziska Giffey: Ähnlich bezahlen, habe ich gesagt. Die Kita ist die erste Bildungseinrichtung für ein Kind, und dafür braucht es bestes pädagogisches Personal. Erzieherinnen und Erzieher stellen gemeinsam mit den Eltern Weichen für ein ganzes Leben.

ZEIT: Im Moment steigen Erzieher im Schnitt mit etwa 2600 Euro in den Beruf ein. Wieviel wollen Sie drauf legen?

Dr. Franziska Giffey: Wenn jeder 500 Euro brutto mehr hätte, das würde viel verändern. Ich will, dass wir in diese Richtung gehen und soziale Berufe insgesamt aufwerten.

ZEIT: Grundschullehrer verdienen zwischen 3100 und 3500 Euro beim Einstieg. Schreien die nicht alle auf: Wieso die? Erzieher haben ja nicht mal studiert. Was können die schon?

Dr. Franziska Giffey: Natürlich muss am Ende Leistung bezahlt werden und ich sage Ihnen, viele Erzieherinnen und Erzieher leisten hervorragende Arbeit. Trotzdem müssen wir über das Thema Ausbildung sprechen und ehrlich fragen: Was sollten Erzieherinnen und Erzieher können? Wie gut sind sie ausgebildet? Wir brauchen eine Bandbreite an Fachkräften, sowohl die mit mittleren Schulabschlüssen als auch die akademisch Ausgebildeten.

ZEIT: Die Spaltung der Gesellschaft beginnt schon in der Kita. In Brennpunktvierteln bleiben Kinder aus einkommensschwachen Familien oft unter sich. Die besten Erzieher machen einen Bogen darum. Wie wollen Sie für mehr Chancengerechtigkeit sorgen?

Dr. Franziska Giffey: Ein Instrument könnten Anreizzahlungen sein - um gute Erzieherinnen und Erzieher in schwierige Viertel zu bekommen und diejenigen, die schon da sind, zu halten. Solche Ansätze müssen wir diskutieren. Und Menschen, die in einem Brennpunkt arbeiten, müssen auch die Möglichkeit haben, nach einer gewissen Zeit wieder zu wechseln.

ZEIT: Brennpunkt auf Zeit, eine Art Rotationsprinzip?

Dr. Franziska Giffey: Das ist nicht einfach zu organisieren, aber wir müssen darüber nachdenken, wie so etwas gehen kann. Ganz wichtig sind auch Investitionen in die Infrastruktur. Kitas müssen kinderfreundlich ausgestattet sein, mit ausreichend Platz und guten Möglichkeiten, um zu spielen und zu lernen und um pädagogisch zu arbeiten.

ZEIT: Wollen Sie Kitas in Brennpunkten besser ausstatten als in wohlhabenden Vierteln?

Dr. Franziska Giffey: Einen Fokus auf schwierige Stadtteile finde ich richtig, das darf aber nicht dazu führen, dass die Kitas und Schulen in den besseren Stadtteilen vor sich hin rotten und es den engagierten Eltern überlassen bleibt, dort für Ordnung zu sorgen. Sonst heißt es schnell: "Toll, für die Durchschnitts-Familie macht ihr nie was!" Das führt zu Unfrieden. Man muss sehen, dass man die Balance hält. Sonst fühlen sich schnell andere benachteiligt und werden anfällig für Populisten.

ZEIT: Muss man nicht schon lange vor Kita und Schule ansetzen und viel mehr Unterstützung direkt in die Familien geben?

Dr. Franziska Giffey: Das stimmt. Wir geben direkte Unterstützung in die Familien: Elterngeld, Kindergeld, Kinderzuschlag, Unterhaltsvorschuss, Bildungs- und Teilhabepaket. Das hilft Familien konkret im Portmonee. Wir haben gerade auch die Bundesstiftung "Frühe Hilfen" gegründet. Damit unterstützen wir Familien mit Säuglingen und Kleinkindern.

ZEIT: Aber reicht das, um auch die Kinder in den Migrantenfamilien zu erreichen?

Dr. Franziska Giffey: Ich bin für Integration durch Normalität. Das heißt: Alle machen alles mit. Keine Extrawürste. Nehmen Sie den "Neuköllner Schwimmbären", ein Wassergewöhnungsprojekt vor dem eigentlichen Schimmunterricht, das ich in Neukölln eingeführt habe, damit wieder mehr Kinder schwimmen lernen. Das hätten wir nur für die Kinder machen können, die nicht schwimmen können. Dann bleiben aber die einen zu Hause und die anderen sind stigmatisiert. Das ist Mist. Deshalb haben wir alle ins Schwimmbad mitgenommen.

ZEIT: Und so wollen Sie es schaffen, Ihr modernes Familienbild in die konservative Migrantenfamilie zu tragen? Das klingt reichlich optimistisch.

Dr. Franziska Giffey: Grundsätzlich gilt: Das Gespräch ist die Basis des Friedens. Wir müssen sprechen und überzeugen und im Zweifel auch sehr klar sein. Es geht um den Dreiklang aus Prävention, Reaktion und wenn nötig Repression. Die Arbeit mit den Eltern und den Communities ist dabei sehr wichtig. Alle Eltern wollen ja grundsätzlich das Beste für ihr Kind. Davon sollten wir ausgehen und daran können wir anknüpfen.

ZEIT: Trotzdem sagen Sie auch, dass Eltern kein Recht haben, ihren Kindern Chancen vorzuenthalten.

Dr. Franziska Giffey: Natürlich. Etwa wenn das Kind schwimmen lernen soll, damit es im Notfall überlebt, die Eltern sich aber trotzdem weigern. Dann muss man sagen: Das ist hier Schulpflicht. Wer nicht teilnimmt, bekommt ein Bußgeld.

ZEIT: Sie selbst sind das beste Beispiel dafür, dass man es auch schaffen kann, wenn man nicht aus einem Akademikerhaushalt kommt. Ihre Eltern stammen aus dem Arbeitermilieu und wurden nach der Wende arbeitslos. Sie wurden trotzdem Ministerin.

Dr. Franziska Giffey: Meine Eltern haben mich immer unterstützt, nie unter Druck gesetzt, mir stattdessen Rückendeckung gegeben. Es hieß immer: "Du gibst dein Bestes und egal was passiert, wir stehen hinter dir." Das hat mir Sicherheit gegeben. Und es ist immer noch so, dass mir der Rat meiner Eltern viel wert ist.

ZEIT: Was haben Sie Ihre Eltern zuletzt gefragt?

Dr. Franziska Giffey: Soll ich den Schritt gehen und Ministerin werden? Mein Vater antwortete: "Wenn du an die Verantwortung für Deutschland und für die SPD denkst, dann musst du es machen. Schließlich sind in den 82 Millionen Deutschen die 330.000 Neuköllner auch mit drin."

ZEIT: Nicht alle haben so viel Glück mit ihrem Elternhaus. Seit der Pisa-Studie wissen wir, wie groß die Abhängigkeit zwischen Bildungserfolg und Herkunft ist und dass es in unserem Land 20 Prozent Bildungsverlierer gibt - nach wie vor, trotz aller Bemühungen. Müssen wir uns damit abfinden?

Dr. Franziska Giffey: Nein! Das ist ja mein Punkt. Deutschland wird am Ende nur dann stark sein, wenn auch die 20 Prozent ihren Weg machen können und auf eigenen Beinen stehen. Wir müssen uns intensiv um alle Kinder kümmern. Wichtig ist: Dabei geht es nicht nur um Bildung. Wenn ein Kind liebevoll aufwächst, umsorgt wird und Sicherheit erfährt, müssen die Eltern keinen Hochschulabschluss haben. Zuneigung und Nähe haben einen extremen Einfluss auf die Entwicklung.

ZEIT: Was würden Sie Eltern gern beibringen?

Dr. Franziska Giffey: Dass sie sich liebevoll um ihre Kinder kümmern, jeden Tag etwas vorlesen und gewaltfrei erziehen. Das sind manchmal keine Selbstverständlichkeiten.

ZEIT: Wie lassen sich Bildungsferne und soziale Spaltung überwinden?

Dr. Franziska Giffey: Wir müssen früher anfangen. Wir müssen aktiv gegen Kinderarmut vorgehen, in frühkindliche Bildung investieren und Ganztagsangebote in Schulen ausbauen. Kinder in sozial schwierigen Lagen sind ja nicht dümmer geboren oder sind nicht weniger talentiert. Sie sind nur oft zu wenig gefördert. Da müssen wir ansetzen, denn nichts, was Du für Kinder tust, ist jemals verschwendet.