Netzwerktagung Nationale Demenzstrategie

Menschen mit Demenz ein gutes Leben und eine gute Versorgung ermöglichen

Sven Lehmann am Rednerpult
Sven Lehmann hält zu Beginn der Netzwerktagung Nationale Demenzstrategie eine Rede © Hans-Christian Plambeck

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Engagierte im Netzwerk,

"Ich segele in die Dunkelheit" - mit diesen Worten hat die britische Schriftstellerin Iris Murdoch ihren Zustand beschrieben. Sie war in den 1990er Jahren an Alzheimer erkrankt. Viele von Ihnen kennen ihre Geschichte vielleicht auch durch den Film "Iris", in dem Judi Dench die Hauptrolle spielt.

In Deutschland leiden etwa 1,8 Millionen Menschen an Demenz, Tendenz steigend. Ich denke, fast jede und jeder bangt um eine Person, die betroffen ist - die eigene Oma, der Arbeitskollege, die Nachbarin.

Wir wissen noch zu wenig und wir können die meisten Demenzformen nicht heilen. Aber wir können etwas tun, damit so lange wie möglich Licht bleibt: Licht für die Betroffenen und Licht für die Angehörigen.

Und genau deshalb ist die Nationale Demenzstrategie von so großer Bedeutung! Denn wir - Sie alle, die Sie sich für diese Strategie engagieren - wollen die Lage von nahezu zwei Millionen Menschen mit Demenz leichter machen.

Wir setzen uns dafür ein, dass diese Menschen eine möglichst hohe Lebensqualität behalten. Wir wollen für bestmögliche Bedingungen für sie sorgen. Und für die vielen Menschen, die Verantwortung für Menschen mit Demenz übernehmen - Angehörige, Freunde, Pflegerinnen und Pfleger, Ehrenamtliche.

Insgesamt sind es über 160 konkrete Maßnahmen, die wir in den kommenden Jahren gemeinsam umsetzen wollen.

Ich bin sehr dankbar, dass die Nationale Demenzstrategie 2020 - trotz der Pandemie - so gut gestartet ist. Mit einem umfangreichen und inhaltstarken Maßnahmenkatalog. Mit starken Akteurinnen und Akteuren. Mit Ihnen!

Allen Mitgliedern und Akteurinnen und Akteuren des Netzwerks sage ich deshalb herzlich danke. Wie schön, dass Sie hier und heute zum ersten Mal persönlich zusammenkommen, seit Sie sich 2020 mit der Nationalen Demenzstrategie gemeinsam auf den Weg gemacht haben.

Und danke, liebe Martina Voss-Tecklenburg, dass Sie weiterhin Botschafterin der Demenzstrategie bleiben.

Erste Erfolge der Nationalen Demenzstrategie

Nach zwei Jahren schauen wir heute auf erste Erfolge der Strategie.

  • Es gibt zahlreiche neue Lokale Allianzen für Menschen mit Demenz. Zu den schon geförderten 500 Lokalen Allianzen sind inzwischen weitere 80 hinzugekommen - und nächstes Jahr werden es noch mehr.
  • Immer mehr Sportvereine schulen ihre Übungsleiterinnen und -leiter für den Umgang mit Demenz, öffnen ihre Kurse und bieten neue für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen an. 
  • Auch aus der Forschung kommen neue, wichtige Erkenntnisse: So zeigen Studien, dass es Menschen mit Demenz hilft, ihre Ressourcen und Bedürfnisse in den Alltag einzubinden. Regelmäßige soziale Kontakte - sich zugehörig zu fühlen - wirkt sich positiv auf den Verlauf einer Demenz aus und unterstützt andere Behandlungen. 
  • Auch in den Kommunen kommt einiges in Bewegung für ein gutes Leben im Alter. Zum Beispiel werden vielfältige gemeinschaftliche Wohnformen geschaffen. 

Menschen mit Demenz sollen weitgehend so wohnen können, wie es ihren Wünschen entspricht - das ist heute Ihr Thema auf diesem Netzwerktreffen.

Unser gemeinsames, übergeordnetes Ziel: Wir wollen, dass Menschen mit Demenz so lange wie möglich in der Mitte der Gesellschaft bleiben können. Wir wollen Angehörige stärken. Wir wollen, dass Licht und Freude bleiben.

Und es sind sehr viele Menschen, für die wir in dieser Legislatur einen Unterschied machen werden: Ende 2021 lebten in Deutschland rund 4,6 Millionen Pflegebedürftige. Vier von fünf Pflegebedürftigen werden aktuell zu Hause versorgt - meist durch ihre Angehörigen.

Drei weitere Ziele im Koalitionsvertrag vereinbart

Im Koalitionsvertrag haben wir deshalb über die Nationale Demenzstrategie hinaus drei weiterekonkreteZiele vereinbart:

  • Erstens wollen wir eine Entgeltersatzleistung einführen - eine Art "Elterngeld" für diejenigen, die Angehörige pflegen.
  • Zweitens wollen wir Freistellungen vom Beruf flexibler gestalten. Denn wenn der von Demenz betroffene Vater plötzlich einen Platz im Pflegeheim braucht oder die Schwiegermutter stürzt, sind Angehörige besonders gefordert. Es soll weiterhin möglich sein, bis zu zehn Tage von der Arbeit fernzubleiben, um Pflege zu regeln. Und wir wollen mit der Familienpflegezeit möglich machen, dass sich Pflegende abwechseln.
  • Drittens wollen wir den Angehörigenbegriff erweitern. Auch Mitglieder aus dem erweiterten Familien- oder Freundeskreis sollen einen Anspruch auf Familienpflegezeit und -geld haben. Denn Familie ist heute vielfältig. Familie ist da, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen. 

Ein gutes Leben mit Demenz, eine bessere Versorgung und mehr Unterstützung - diese und die weiteren Ziele der Demenzstrategie werden wir erreichen, wenn wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Es kommt auf die nächsten Monate an. Noch in diesem Jahr wollen wir zusammen einen beträchtlichen Teil der insgesamt rund 160 Maßnahmen umsetzen.

Ich wünsche Ihnen für die Tagung heute einen inspirierenden Austausch und neue Ideen und Impulse. Und viel Erfolg und Aufmerksamkeit für Ihre weitere Arbeit und die Umsetzung der Nationalen Demenzstrategie.