Diskriminierungs- und Rassismusmonitor

Viele Menschen in Deutschland sind bereit zu Engagement gegen Rassismus

Lisa Paus, Prof. Dr. Naika Foroutan und Prof. Dr. Frank Kalter stellen in Berlin die Auftaktstudie zum Rassismusmonitor vor
Lisa Paus (Mitte) zusammen mit Prof. Dr. Naika Foroutan und Prof. Dr. Frank Kalter bei der Vorstellung der Auftaktstudie zum Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa) in Berlin© Ines Meier

Rassistische Vorstellungen sind in Deutschland zwar noch immer weit verbreitet. Es gibt aber auch ein breites Bewusstsein, dass Rassismus existiert und viele Menschen sind bereit, sich aktiv gegen Rassismus zu engagieren. Das zeigt die Auftaktstudie zum Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa) "Rassistische Realitäten - wie setzt sich Deutschland mit Rassismus auseinander?" des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Die Ergebnisse der Studie hat Bundesfamilienministerin Lisa Paus am 5. Mai gemeinsam mit DeZIM-Direktorin Prof. Dr. Naika Foroutan und DeZIM-Direktor Prof. Dr. Frank Kalter in Berlin vorgestellt.

Bundesfamilienministerin Lisa Paus: "Extremismus und Rassismus gehen uns alle an! Spätestens die Anschläge von Halle und Hanau haben klargemacht, dass Rassismus in Deutschland Menschen das Leben kostet. Viele Menschen treten Rassismus bereits entgegen, ob auf der Straße, in der Schule oder Arbeitsplatz. Und viele Menschen sind bereit, sich gegen Rassismus zu engagieren. Das zeigen die ersten Ergebnisse des NaDiRa. An dieses Engagement werden wir beim Kampf gegen Rassismus anknüpfen. Mit unserem Programm 'Demokratie Leben!' fördern wir bundesweit mehr als 600 Projekte und Initiativen, darunter viele, die sich gegen Rassismus engagieren und Betroffenen Unterstützung bieten. Mit dem geplanten Demokratiefördergesetz werden wir den Bund gesetzlich verpflichten, die Strukturen für das zivilgesellschaftliche Engagement gegen Extremismus und Rassismus dauerhafter zu machen. So verstärken wir den Kampf für Demokratie und Vielfalt und gegen Extremismus und Rassismus. Dafür brauchen wir auch den NaDiRa, denn er erhebt regelmäßig Daten, die wir für eine evidenzbasierte antirassistische Politik benötigen."

Professorin Dr. Naika Foroutan: "Rassismus ist Alltag in Deutschland. Er betrifft nicht nur Minderheiten, sondern die gesamte Gesellschaft, direkt oder indirekt. Das Thema beschäftigt die Menschen emotional, wühlt sie auf und lässt sie über lange Zeit nicht mehr los, wie unsere Studie zeigt. So sagen etwa 70 Prozent aller Menschen, die schon einmal rassistische Vorfälle beobachtet haben, dieses Erlebnis habe sie emotional aufgewühlt, und 80 Prozent denken immer wieder über solche Erlebnisse nach. Auch struktureller und institutioneller Rassismus wird von vielen Menschen als Problem gesehen. Rassistische Benachteiligungen werden besonders häufig in den Lebensbereichen Schule, Arbeit und Wohnen erkannt. Das Thema sollte daher von der Politik offensiv und langfristig angegangen werden. Unsere Studie zeigt, dass ein großer Teil der deutschen Bevölkerung das unterstützen würde."

Professor Dr. Frank Kalter: "Die Menschen in Deutschland gehen mit dem Thema sehr unterschiedlich um. Ein Teil wehrt eine kritische Auseinandersetzung mit verschieden Argumentationen und Mechanismen ab. Knapp die Hälfte der Bevölkerung findet, dass Rassismusvorwürfe und 'politische Korrektheit' die Meinungsfreiheit einschränken würden. Unsere Daten zeigen, dass diese Abwehr vor allem aus der alters- und bildungsmäßigen Mitte der Gesellschaft kommt. Erstaunlich viele Menschen in Deutschland - fast die Hälfte - glauben auch noch immer an die Existenz menschlicher 'Rassen', obwohl die Wissenschaft schon lange das Gegenteil belegt hat. Das zeigt, dass hier noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten ist. Hier müssen insbesondere auch die älteren Jahrgänge erreicht werden."

Für die Auftaktstudie haben die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des DeZIM-Instituts untersucht, wie sich Deutschland mit Rassismus auseinandersetzt. Von April bis August 2021 haben sie dazu eine umfangreiche, repräsentative Befragung der deutschen Bevölkerung durchgeführt, für die rund 5000 Personen telefonisch interviewt wurden.

Zentrale Ergebnisse der Auftaktstudie

  • Insgesamt sind zwei Drittel der Bevölkerung schon einmal mit Rassismus in Berührung gekommen - durch eigene Erfahrungen, Beobachtungen oder Schilderungen aus dem näheren Umfeld
  • Mehr als ein Fünftel der Gesamtbevölkerung (22 Prozent) hat nach eigener Aussage selbst schon Rassismus erfahren.
  • Fast die Hälfte (49 Prozent) der Befragten gibt an, eine Person zu kennen, die ihnen von rassistischen Erfahrungen berichtet hat.
  • 45 Prozent der Befragten haben schon einmal einen rassistischen Vorfall beobachtet.
  • Der Aussage "Wir leben in einer rassistischen Gesellschaft" stimmt die Hälfte der Befragten zu.
  • 90 Prozent der Bevölkerung erkennen an, dass es Rassismus in Deutschland gibt.
  • 81 Prozent stimmen der Aussage zu, Menschen könnten sich auch ohne Absicht rassistisch verhalten.
  • Es gibt eine hohe Sensibilität für Rassismus im Alltag: Mehr als die Hälfte der Befragten beurteilt typische Situationen, in denen rassistische Diskriminierung eine Rolle spielt nicht als unfair, sondern als rassistisch.
  • 65 Prozent sind der Meinung, dass es in deutschen Behörden rassistische Diskriminierung gibt.
  • Fast die Hälfte der Menschen in Deutschland (49 Prozent) glaubt an die Existenz menschlicher Rassen; bei den über 65-Jährigen stimmen sogar 61 Prozent der Aussage zu.
  • 60 Prozent sind der Ansicht, Rassismus gebe es vor allem bei Rechtsextremen.
  • Fast die Hälfte (47 Prozent) gibt an, in den vergangenen fünf Jahren schon einmal einer rassistischen Aussage im Alltag widersprochen zu haben. Mehr als ein weiteres Drittel (35 Prozent) würde dies potenziell tun.
  • Ein Großteil der Bevölkerung (70 Prozent) ist potenziell bereit, sich auf unterschiedliche Weise gegen Rassismus zu engagieren.
  • Das Engagementpotenzial ist vor allem in den jüngeren Altersgruppen besonders hoch.

Der Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor

Der Deutsche Bundestag hat 2020 ein bundesweites Diskriminierungs- und Rassismusmonitoring beschlossen, mit dem das DeZIM beauftragt wurde. Ziel ist es, den Grundstein für ein dauerhaftes Monitoring von Rassismus in Deutschland zu legen. Der NaDiRa soll verlässliche Aussagen über Ursachen, Ausmaß und Folgen von Rassismus treffen, um darauf aufbauend Maßnahmen gegen Rassismus entwickeln zu können. Dafür ist ein zivilgesellschaftlicher Begleitprozess vorgesehen, bei dem insbesondere auch die von Rassismus betroffenen Communities einbezogen werden.

Das Deutsche Zentrum für Imtegrations- und Migrationsforschung

Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) wurde 2017 gegründet und forscht zu Integration und Migration, Konsens und Konflikten sowie zu gesellschaftlicher Teilhabe und Rassismus. Das DeZIM besteht aus dem DeZIM-Institut und der DeZIM-Forschungsgemeinschaft. Das DeZIM-Institut hat seinen Sitz in Berlin. In der DeZIM-Forschungsgemeinschaft verbindet sich das DeZIM-Institut mit sieben anderen Einrichtungen, die in Deutschland zu Migration und Integration forschen. Das DeZIM wird durch das Bundesfamilienministerium gefördert.