Ursula von der Leyen im Interview mit der Bild am Sonntag

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat in einem Interview mit der "Bild am Sonntag" Kürzungen beim Kindergeld abgelehnt. Die Ministerin erhofft sich durch die so genannten "Vätermonate" ein verändertes Rollenverständnis der Männer.

Bild am Sonntag: Sie lassen Plakate kleben, die den nackten Bauch einer Schwangeren zeigen. Auf dem Bauch stehen Kinderschuhe. Was will uns die Ministerin sagen?

Ursula von der Leyen: Die Botschaft ist: Kinder sind willkommen. Wir lassen junge Eltern nicht allein, sondern helfen ihnen mit dem Elterngeld.

Bild am Sonntag: Der Spruch auf dem Plakat lautet: "Krabbeln lerne ich bei Mama. Laufen dann bei Papa." Gibt die Regierung jetzt Ratschläge für die Rollenverteilung bei der Erziehung?

Ursula von der Leyen: Es bleibt natürlich den Paaren überlassen, wer welchen Part bei der Kindererziehung übernimmt. Aber wir wollen schon deutlich machen, wie wichtig es ist, dass gerade im Kleinkindalter der Vater genauso dabei ist wie die Mutter. Kinder brauchen den Vater, Kinder haben ein Recht auf den Vater - wie sie auch ein Recht auf die Mutter haben. Die Vätermonate sind eine große Chance, von Anfang an dabei zu sein.

Bild am Sonntag: Es geht Ihnen darum, die Deutschen zu erziehen.

Ursula von der Leyen: Es geht mir darum, dass wir wieder Kinder in die Mitte unserer Gesellschaft stellen. Wir haben Kindererziehung viel zu lange als Frauenthema gesehen. Wir werden in Zukunft nur Kinder haben, wenn Väter und Mütter gemeinsam bereit sind, die Verantwortung für ihre Erziehung zu übernehmen.

Bild am Sonntag: Ist die Wirtschaft darauf vorbereitet, dass zunehmend auch Männer eine Auszeit nehmen?

Ursula von der Leyen: In vielen Unternehmen gibt es enormen Nachholbedarf. Schließlich ist das Thema in Deutschland über Jahrzehnte einfach beiseite geschoben worden. Aber die Diskussion um das Elterngeld hat auch in der Wirtschaft viel Bewusstsein geschaffen, wie wichtig Kinder sind. Familienfreundliche Arbeitsbedingungen bedeuten weniger Auseinandersetzungen, höhere Motivation und bessere Arbeit. Davon profitiert auch das Unternehmen.

Bild am Sonntag: Wie läuft das in Ihrem Ministerium?

Ursula von der Leyen: Wir haben seit vielen Jahren flexible Arbeitszeitmodelle. Und jetzt starten wir ein neues Tagesmuttermodell, weil ich in meinem Haus einen kleinen Babyboom erlebe. Ab Februar können junge Eltern ihre kleinen Kinder mit ins Ministerium bringen und bei uns von einer Tagesmutter betreuen lassen.

Bild am Sonntag: Erwarten Sie das auch von der Wirtschaft? 

Ursula von der Leyen: Die Unternehmen gewinnen, wenn sie auf solche Modelle setzen. Nur so können sie die pfiffigen jungen Mütter und Väter halten. Das Familienministerium wird betriebliche Kinderbetreuung ab diesem Jahr mit einem zweistelligen Millionenbetrag jährlich fördern. Es ist eine gewaltige Kraftanstrengung nötig, um Deutschland bei der Kinderbetreuung auf internationales Niveau zu bringen.

Bild am Sonntag: Die SPD will einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Kleinkinder durchsetzen. Schrittweise sollen die Betreuungsangebote gebührenfrei werden. Unterstützen Sie das?

Ursula von der Leyen: Ich freue mich über jeden, der mitzieht in einer modernen Familienpolitik. Gebührenfreie Krippenplätze einzurichten, und das in ausreichender Zahl, ist ein wichtiges Ziel. Aber vieles, was die SPD jetzt fordert, haben wir längst vereinbart im Koalitionsvertrag.

Bild am Sonntag: Ein Rechtsanspruch zählt nicht dazu.

Ursula von der Leyen: Länder und Kommunen sind gesetzlich verpflichtet, 230 000 Krippenplätze für unter Dreijährige zu schaffen - bis 2010. Wenn sie ihre Aufgabe erfüllen, brauchen wir nicht mit einer Drohgebärde hinterherzulaufen. Sollten sie ihrer Verpflichtung nicht nachkommen, wird es ab 2010 einen Rechtsanspruch geben. So ist es vereinbart worden. 2008 ziehen wir dafür die Zwischenbilanz.

Bild am Sonntag: Zur Finanzierung will die SPD beim Kindergeld kürzen.

Ursula von der Leyen: Das wäre der absolut falsche Weg. Der Verzicht auf Kindergelderhöhungen würde vor allem Familien treffen, die arbeiten und ein kleines Einkommen haben.

Bild am Sonntag: Was schlagen Sie dann vor?

Ursula von der Leyen: Ich sehe drei Möglichkeiten, gebührenfreie Kinderbetreuung zu finanzieren. Erstens werden durch den Geburtenrückgang jährlich mehrere Milliarden Euro im Bildungswesen frei. Die müssen in Bildung bleiben und dürfen nicht in Ampeln oder Kreisverkehre gehen. Zweitens bringt der wirtschaftliche Aufschwung höhere Steuereinnahmen. Und drittens könnte sich der Bund stärker an der Finanzierung frühkindlicher Bildung beteiligen. Das ließe sich im Rahmen der zweiten Föderalismusreform vereinbaren.

Bild am Sonntag: Frau von der Leyen, der bayerische CSU-Fraktionschef Joachim Herrmann stellte fest, die Landrätin und Stoiber-Kritikerin Gabriele Pauli stehe für moderne Frauen in der Union. Ist das auch Ihre Wahrnehmung?

Ursula von der Leyen: Ich kenne Frau Pauli nicht persönlich, daher will ich das nicht bewerten. Grundsätzlich bedeutet für mich modern, dass Frauen und Männer gemeinsam Verantwortung übernehmen - nicht nur für die Kinder, sondern auch für die ältere Generation.

Bild am Sonntag: Nach Ihrer Definition gibt es in Deutschland wenig moderne Männer.

Ursula von der Leyen: Das ist richtig! Zu viele Männer haben Schwierigkeiten, Qualitäten wie Fürsorge und Verantwortung selbstbewusst zu leben. In den nordeuropäischen Ländern ist das anders. Dort haben die Vätermonate das Bewusstsein verändert. Ich bin ganz zuversichtlich, dass es auch in Deutschland bald mehr moderne Männer geben wird.

Bild am Sonntag: Begegnen Sie oft altmodischen Männern, die Schwierigkeiten mit erfolgreichen Frauen in der Politik haben?

Ursula von der Leyen: Es gibt sicherlich Männer, für die es ungewohnt ist, dass eine Frau selbstbewusst auftritt.

Bild am Sonntag: Ein Beispiel?

Urusla von der Leyen: Als junge Ärztin habe ich Situationen im Operationssaal erlebt, wo Oberärzte mich einfach niedergebrüllt haben. So dürfte mir heute niemand mehr begegnen. Aber damals habe ich mich nicht getraut, zu kontern. Manchmal versuchen Männer immer noch, mich einzuschüchtern, indem sie ihre Stimme erheben. Aber das kann ich sofort abblocken.

Bild am Sonntag: Verraten Sie, wie?

Ursula von der Leyen: Ich sage einfach: Dadurch, dass Sie jetzt laut werden, werden Ihre Argumente nicht besser. Das wirkt. Da werden diese Männer unsicher und fangen an zu stottern.

Das Interview ist am 14.01.2007 in der Bild am Sonntag erschienen.