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Lisa Paus: "Wir brauchen Programme, die den Zusammenhalt stärken"

Porträt von Bundesfamilienministerin Lisa Paus im Bundesfamilienministerium
Bundesfamilienministerin Lisa Paus© Bundesregierung / Steffen Kugler

BUNTE: Sie sind eine Rarität: eine Unternehmerstochter bei den Grünen.

Lisa Paus: Stimmt. Für mein Leben passt das gut. Mein Vater hat eine Maschinenfabrik gegründet, er war ein großartiger Mann, ein Macher, immer neugierig und empathisch. Auf dem zweiten Bildungsweg hat er sich alles erarbeitet und wurde Ingenieur. Mit meiner Mutter hat er eine Ehe auf Augenhöhe gelebt, sie war Gesellschafterin und Geschäftsführerin, keine Hausfrau, die ihm nur den Rücken stärkt, sondern die geborene Managerin. Ihre Stärke hat mich geprägt. Ich habe als Kind mit ihr Lohntüten geklebt und alle Bereiche des Betriebs kennengelernt.

BUNTE: War Ihr Vater stolz auf Ihre politische Karriere? Sie sitzen seit 1999 in deutschen Parlamenten.

Lisa Paus: Na klar, obwohl er als CDU-Mitglied von der anderen Seite kam. Aber er hat immer Brücken gebaut. Ich komme aus einer tiefschwarzen Gegend im Emsland. Mein Vater war immer sehr stolz auf meine Leistungen, Mathe war mein Lieblingsfach. Und meine Mutter sagte: Du kannst alles werden. Ein wichtiger Satz.

BUNTE: Warum haben Sie nicht die Firma übernommen?

Lisa Paus: Weil meine älteren Brüder vor mir dran waren, drei in der Führung sind einer zu viel, das hat bei uns Tradition. Ich habe dann Volkswirtschaft studiert, Praktika in einem Kinderheim, bei der UNO und bei der Deutschen Bank gemacht und ging dann nach Berlin. Bei den Grünen fand ich meine politische Heimat. Ich wollte die Wirtschaftskompetenz stärken. Es hieß immer: Dafür werden die Grünen nie gewählt werden. Die Zeiten haben sich geändert. Robert Habeck ist als Wirtschaftsminister der beliebteste Politiker.

BUNTE: Beim Amtsantritt sagten Sie, Sie sind eine klare Feministin - was heißt das konkret?

Lisa Paus: Ich will Augenhöhe. Das Geschlecht soll nicht über beruflichen Erfolg entscheiden. Persönlichkeit und Qualität sind die Kriterien. Ich habe mich oft in Männerdomänen durchgesetzt und will die gläsernen Decken durchstoßen. Es kann nicht sein, dass man entweder als giftige Emanze wahrgenommen wird oder als harmloses freundliches Mädchen, das Kaffee serviert. Ich habe das oft genug selbst auf Messen erlebt, wo ich unsere Firma vertreten habe. Die Kundinnen und Kunden waren verblüfft, wenn ich ihnen erklärte, wie der Schrägaufzug funktioniert. Die Erwartung war, dass ich die Männer mit Bockwürsten versorge. Frauen werden oft immer noch erst mal als dienend wahrgenommen. Das muss aufhören.

BUNTE: Haben Sie Vorbilder? Mutter Teresa, Angela Merkel, Heidi Klum - wen würden Sie bevorzugen?

Lisa Paus: Eindeutig Mutter Teresa, auch wenn ich nicht alles an ihr gut finde. Aber mir geht es auch sehr um soziale Gerechtigkeit. Ich komme aus der kirchlichen Jugendarbeit. Und mein Name Elisabeth ist eine Referenz an Elisabeth von Thüringen, die im Geiste von Franz von Assisi den Armen half. Aber ich finde auch Rosa Luxemburg brillant. Ich bin gerne links. Die Welt braucht das.

BUNTE: Sie sind für den Schutz von Frauen zuständig, in Deutschland sterben jeden dritten Tag Frauen an Männergewalt, Hunderttausende werden misshandelt. Was tun Sie dagegen?

Lisa Paus: Gewalt gegen Frauen ist ein Problem, das durch alle Schichten geht. Unser Ziel ist, dass jede Frau einen Anspruch auf Schutz und Beratung bei Gewalt haben muss. Ich finde erschreckend, dass es noch nicht so lange her ist, dass zum Beispiel die Vergewaltigung in der Ehe strafbar wurde. Das war 1997 und Friedrich Merz hat noch dagegen gestimmt. Wir Grünen hatten das Thema schon 1983 im Bundestag angesprochen. Viele Männer sind damals in Hohngelächter ausgebrochen.

BUNTE: Ist die Familie der gefährlichste Ort für Frauen?

Lisa Paus: Ja, statistisch gesehen ist das leider so. Es sind weit überwiegend Frauen, über 120.000 in Deutschland, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Gewalt gegen Frauen wird von Männern ausgeübt, die glauben, dass die Frauen ihnen gehören.

BUNTE: Als Ministerin sind Sie auch für Alleinerziehende zuständig, eine wichtige Gruppe. Da sind Sie sehr kompetent. Sie sind alleinerziehende Mutter eines 13-jährigen Sohnes.

Lisa Paus: Meine Lebensumstände sind nicht typisch für andere Alleinerziehende, ich bin privilegiert. Es gibt ja viele Gründe, warum jemand alleinerziehend wird. Bei mir war es der Tod meines Lebenspartners.

BUNTE: War das der große Crash in Ihrem Leben?

Lisa Paus: Wir konnten uns drauf einstellen, es war klar, dass der Krebs tödlich enden kann. Ich bin meiner Partei sehr dankbar, dass sie mir in seinen letzten Wochen und in der Trauerzeit Freiraum gegeben hat und auch niemand anders meine Schwäche ausnutzen wollte. Das ist in der Politik nicht immer so. So hatten wir ausreichend Zeit, um uns in Ruhe zu verabschieden. Mein Mann hätte auch nie gewollt, dass ich aus der Politik rausgehe. Er war selbst bei den Grünen aktiv.

BUNTE: Sind Sie eine leidenschaftliche Mutter?

Lisa Paus: Oh ja, mein Sohn ist großartig. Und ich bin gut organisiert.

BUNTE: Zwei wichtige Projekte haben Sie bereits geschafft. Ärzte dürfen jetzt offen über Abtreibung informieren. Wird die Zahl der Abtreibungen nach oben gehen?

Lisa Paus: Eine ungewollte Schwangerschaft festzustellen ist immer ein Krisenmoment für eine Frau. Mit der neuen Regelung verschaffen wir den Frauen die Möglichkeit, dass sie sich besser informieren können. Das ist gut so. Der alte Satz 'Mein Bauch gehört mir' ist immer noch aktuell. Ich bin auch dafür, dass Abtreibung zwingender Bestandteil der Ärzteausbildung wird. Junge Ärztinnen und Ärzte müssen das lernen, bevor die Pensionswelle kommt und wir zu wenig Praxen dafür haben. Ich stehe da voll auf Seiten der Frauen, die in einer Konfliktsituation sind.

BUNTE: Sie haben jetzt auch das Selbstbestimmungsgesetz auf den Weg gebracht. Jeder und jede soll sein Geschlecht frei wählen dürfen - ohne quälende Gespräche mit Psychiatern und aufwendige teure Gutachten.

Lisa Paus: Transpersonen, die sich im falschen Geschlecht fühlen, hat es immer gegeben. Wir haben mit Tessa Ganserer und Nike Slavik selbst zwei Abgeordnete in unserer Fraktion. Zukünftig können Betroffene leichter ihre Identität wechseln, also die Angaben in ihrem Pass ändern lassen. Bei Jugendlichen müssen die Eltern zustimmen oder ein Familiengericht entscheidet. Es geht in diesem Gesetz nicht um körperliche Angleichungen durch Operationen, das ist ein ganz anderes Thema.

BUNTE: In England gibt es ein Ministerium gegen Einsamkeit - ist das die neue Volkskrankheit?

Lisa Paus: Einsamkeit macht krank, egal ob alt oder jung. Wir brauchen Programme, die den Zusammenhalt stärken, von Nachbarschaftshilfen bis Mehrgenerationenhäuser.

BUNTE: Haben Sie sich selbst schon mal einsam gefühlt?

Lisa Paus: Im ersten schlimmen Liebeskummer als junge Frau. Da kriegt man eine Ahnung davon, wie sich das anfühlt.

BUNTE: Sind Sie als Single glücklich?

Lisa Paus: Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben, auch dem privaten.

BUNTE: Die Maschine, die Sie bauen würden...

Lisa Paus: ... wäre eine Aufräummaschine. Das würde mich sehr entlasten. Ich habe eine Schwäche für Hausroboter.

BUNTE: Ihre beste Entspannungstechnik ...

Lisa Paus: ... ist schlafen, da verarbeite ich alles. Wusste schon Einstein.