STERN

Lisa Paus: "Wir brauchen eine strukturelle Entlastung für Familien"

Bundesfamilienministerin Lisa Paus
Bundesfamilienministerin Lisa Paus© Bundesregierung/Steffen Kugler

STERN: Frau Paus, jedes fünfte Kind in Deutschland gilt als arm - ist die Zahl übertrieben?

Lisa Paus: Nein, das ist statistisch berechnet. Ich habe in Vierteln von Berlin gelebt, wo jedes dritte Kind in Armut aufwächst. Als mein Sohn, heute 13, in die Schule kam, habe ich mir das ausgemalt: jedes dritte Kind in seiner Klasse! Was bedeutet das für die Kinder, was heißt das für den Zusammenhalt in der Klasse?

STERN: Insgesamt gibt es rund 150 staatliche Leistungen für Familien. Warum helfen die nicht gegen Kinderarmut?

Lisa Paus: Das Steuer- und Sozialrecht ist nach wie vor auf die traditionelle Familie ausgerichtet: Vater, Mutter, zwei Kinder - obwohl die Lebensrealität heute eine andere als vor 40 Jahren ist. Familien, die nicht in dieses Schema passen, haben ein hohes Armutsrisiko. Es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich bei einer Debatte über Alleinerziehende im Bundestag noch Kommentare von Abgeordneten gehört, die sagten: "So was soll man doch nicht auch noch unterstützen!"

STERN: Manche Eltern wissen am 20. des Monats nicht mehr, wie sie ihre Kinder satt kriegen sollen. Was tun Sie, um den Kindern zu helfen?

Lisa Paus: Das ist eine Schande für ein so reiches Land wie Deutschland. Wir brauchen eine strukturelle Entlastung für Familien, etwa übers Kindergeld und höhere Regelsätze.

STERN: Sie wollen eine Kindergrundsicherung einführen. Wie wird die aussehen?

Lisa Paus: Darin werden Kindergeld und Kinderzuschlag, Leistungen aus dem Arbeitslosengeld II und Teile des Bildungs- und Teilhabegesetzes gebündelt. Es soll einen Garantiebetrag für alle und einen Zusatzbetrag geben, gestaffelt nach Höhe des Einkommens der Eltern für die Familien mit geringem Einkommen.

STERN: Im Konzept der Grünen ist von 290 Euro Garantiebetrag und maximal 547 Euro Zusatzbetrag die Rede.

Lisa Paus: Die konkrete Höhe verhandeln wir in den nächsten Monaten, sie ist bedarfsorientiert und hängt von dem Existenzminimum ab. Für die Berechnung ist das Finanzministerium zuständig.

STERN: Bekommen arme Eltern in Zukunft mehr Geld?

Lisa Paus: Es wird auf jeden Fall mehr Geld bei ihnen ankommen. Den Kinderzuschlag etwa beantragen bisher nur ein Drittel der Eltern, die Anspruch hätten, weil ihr Einkommen nicht reicht. Das ist ein Skandal, weil wir allein durch diese Systematik seit Jahren verdeckte Kinderarmut verschleiern. Ich will dafür sorgen, dass alle das Geld bekommen, das ihnen zusteht.

STERN: Wann kommt die Kindergrundsicherung?

Lisa Paus: Bis Ende 2023 soll das Gesetz stehen, dann entscheiden wir, in welchen Etappen wir die Leistungen einführen. 2025 wollen wir das Geld auszahlen.

STERN: Mehr als zwei Jahre. Warum dauert das so lange?

Lisa Paus: Das ist eine komplexe und komplizierte Aufgabe. Sieben Ministerien arbeiten an der Kindergrundsicherung: Innenpolitik, Justiz, Arbeit und Soziales, Bildung, Bau, Finanzen und Familie.

STERN: Wie wird die Kindergrundsicherung finanziert?

Lisa Paus: Aus Steuergeldern. Wir werden bisherige Leistungen zusammenfassen, und es soll noch etwas obendrauf kommen. Jeder Euro ist da gut investiert, damit aus armen Kindern nicht arme Erwachsene werden. Studien zeigen, dass die Mittel, die wir als Gesellschaft in die Kinder investieren, zukünftige Kosten reduzieren. Mir ist Gerechtigkeit wichtig, aber man kann es auch ganz nüchtern ökonomisch betrachten: Wir brauchen in Zukunft jedes Kind, denn wir steuern auf einen riesigen Fachkräftemangel zu.