Gastbeitrag von Sven Lehmann

LGBTIQ* respektieren, akzeptieren und unterstützen

Porträt von Sven Lehmann
Sven Lehmann© Bundesregierung/Steffen Kugler

Der Juni ist traditionell "Pride Month". Ein Monat, der an die brutale Unterdrückung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen - kurz: queeren - Menschen (LGBTIQ*) erinnert. Und vor allem an ihr Aufbegehren in New York im Jahre 1969. An ihren Stolz, ihre Würde, ihre Emanzipation und ihren Kampf für Akzeptanz.

Ausgerechnet zu Beginn dieses Monats veröffentlicht die WELT mit dem Gastbeitrag von fünf Autor*innen einen Frontalangriff gegen LGBTIQ*. Inklusive reißerischer Aufmachung und umgedrehter Regenbogen-Flagge. Mehr Abwertung geht nicht. Dass am selben Tag die Regenbogen-Flagge vor dem Springer-Konzern in Berlin gehisst wurde, ist mindestens bigott.

Seitdem hagelt es Kritik. In der Öffentlichkeit, aus der queeren Community und selbst aus den Redaktionen des Springer-Verlags. Als Queer-Beauftragter der Bundesregierung ist mir wichtig deutlich zu machen: Diese Empörung ist nicht nur berechtigt. Sie ist auch notwendig. Denn das Pamphlet trieft vor Homo- und Transfeindlichkeit, ist wissenschaftlich nicht fundiert und arbeitet mit Fake News. Ich habe überlegt, ob eine Reaktion den Beitrag nicht noch aufwertet, was er nicht verdient hat. Da er aber stellvertretend für eine immer aggressivere Hetze vor allem gegen trans Menschen steht, entgegne ich an dieser Stelle stellvertretend für alle, die diese Möglichkeit nicht haben.

Erstens: Renommierte Formate wie die "Sendung mit der Maus" oder "Quarks" berichten über gesellschaftliche Vielfalt und damit auch die Existenz von Homosexualität oder Transgeschlechtlichkeit. Für jeden jungen Menschen sind das gute Nachrichten. Denn sie wachsen durch solche Beiträge in einem Klima auf, in dem sie über geschlechtliche und sexuelle Vielfalt als Teil der real existierenden Gesellschaft aufgeklärt werden und in dem sie keine Angst haben müssen, so zu sein wie sie sind. Jahrzehntelang kamen diese Themen entweder in Verbindung mit Verbrechen oder Krankheiten vor - oder wurden komplett verschwiegen. In der Folge haben mitunter sogar queere Menschen selber eine Homo- und Transfeindlichkeit "internalisiert" - also übernommen, was Gesellschaft und Staat an Abwertung gegen sie gerichtet haben. Das Ergebnis ist bis heute eine deutlich erhöhte Tendenz zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Ängsten oder sogar Suizidalität. Aufklärungsformate wie das der Maus sind also ein Beitrag zu mehr Sichtbarkeit und auch zu mehr Gesundheit. Wer dies als "Umerziehung" oder "Sexualisierung" diffamiert, handelt infam.

Zweitens: Die Autor*innen sprechen in ihrem Text von einer "bestätigte(n) wissenschaftlichen Erkenntnis der Zweigeschlechtlichkeit". Spätestens hier kann man den Text eigentlich weglegen und als quasi-kreationistisches Erzeugnis ignorieren. Ich mache mir trotzdem die Mühe, dem zu entgegnen: Intergeschlechtlichkeit existiert! Transgeschlechtlichkeit existiert! Schon immer. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Transgeschlechtlichkeit vor einigen Jahren auch endlich aus der Liste der Erkrankungen gestrichen. Transgeschlechtlichkeit ist ebenso wie Intergeschlechtlichkeit oder Nicht-Binarität eine Variante der geschlechtlichen Entwicklung. Und wer auch das in Zweifel zieht, der sollte wenigstens auf unser Bundesverfassungsgericht hören, das 2017 ein wegweisendes Urteil gesprochen und geschlechtliche Identität als einen zu schützenden Kernbereich der eigenen Persönlichkeit gestärkt hat. Seitdem ist es für Staat und Gesellschaft begründungsbedürftig, wenn sie trans, inter oder nicht-binäre Menschen nicht aktiv und positiv anerkennen.

Drittens: Der in dem Pamphlet verwendete Anwurf, Transgeschlechtlichkeit sei ein "Trend-Thema", ist transfeindlich. Kaum etwas ist fundamentaler als die Aufteilung der Menschheit in Mann und Frau. Das beginnt sogar bereits vor der Geburt eines Kindes. Wer nicht in diese Schubladen passt, hat in dieser binär geprägten Gesellschaft ein Problem. Trans Menschen etwa sind jeden Tag Ziel von verbalen oder körperlichen Attacken, Ausgrenzung und Mobbing. Wer glaubt allen Ernstes, dass sich Menschen den Wechsel ihres Geschlechtseintrags oder sogar körperliche Veränderungen aus Jux und Tollerei antun? Es ist ein beschwerlicher Weg der Anerkennung des eigenen Ichs. Dabei brauchen Menschen Respekt und Akzeptanz und Unterstützung - keine Belehrungen von außen, wer sie eigentlich zu sein haben.

Viertens: Auch gegenüber der Politik der Bundesregierung verbreitet das Pamphlet Falschbehauptungen. Wie etwa, dass künftig 14-Jährige "gegen den Willen ihrer Eltern über eine hormonelle und operative Anpassung entscheiden können" sollen. Nein, das ist nicht geplant. Das war es auch nie. Körperliche Anpassungen sind nicht gesetzlich geregelt, darüber entscheiden die Betroffenen zusammen mit Ärzt*innen entlang fachmedizinischer Leitlinien. Was die Bundesregierung derzeit vorbereitet, ist ein Ende des entwürdigenden Transsexuellengesetzes nach über 40 Jahren. Aktuell werden verschiedene Zwangsgutachten verlangt, wenn ein Mensch seinen Geschlechtseintrag im Ausweisdokument ändern möchte. Diese Verfahren sind langwierig, teuer und mit intimsten Fragen nach Unterwäsche oder Masturbationsverhalten entwürdigend. Die Ampelkoalition wird diese Gutachtenpflicht abschaffen und damit die Würde und Selbstbestimmung von Menschen stärken, die viel zu lange fremdbestimmt wurden.

Ich schreibe diese Entgegnung nicht nur als Regierungsbeauftragter. Ich schreibe sie auch als schwuler Mann und als jemand, der solidarisch mit allen Minderheiten ist, die wegen ihres So-Seins diskriminiert werden. Immer, wenn uns gesagt wird, wir sollten mal "nicht so empfindlich" sein, schrillen bei mir alle Alarmglocken. Wir sind nicht empfindlich. Wir sind es einfach leid!

Wir sind es leid, dass unsere Existenz überhaupt verhandelt wird. Wir sind es leid, dass Feindlichkeit gegenüber LGBTIQ* überhaupt als legitime "Meinung" dargestellt wird und nicht, was es ist: gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Und wir sind es leid, dass viele von uns täglich beleidigt oder angegriffen werden, nur weil wir sind wie wir sind und weil wir lieben wie wir lieben. Es gibt ein Recht auf freie Meinungsäußerung - selbstverständlich. Aber es gibt kein Recht darauf, dass diese unwidersprochen bleibt.

Die gute Nachricht ist, dass Pamphleten wie dem der Fünf laut und deutlich widersprochen wird. Es ist ein gutes Zeichen, dass wir uns nicht mehr alles gefallen lassen aus Angst, an den Rand gedrängt zu werden. Wir gehören dazu. Wir sind überall - in Regierungen und Unternehmensvorständen, Redaktionen, Sportvereinen, Schulen, Baufirmen, an der Supermarktkasse, in Schützenvereinen. Sichtbarer denn je. Und das ist auch gut so.