Redaktionsnetzwerk Deutschland

Franziska Giffey über Weihnachten und die Folgen des Lockdowns für Kinder

Pressefoto der Ministerin
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey appelliert in dem Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland daran, Schulen und Kitas zuerst zu öffnen, wenn das Infektionsgeschehen es zulässt © Imo/photothek.net

Redaktionsnetzwerk Deutschland: Frau Ministerin Giffey, wie wichtig ist Ihnen persönlich das Weihnachtfest?

Franziska Giffey: Mir ist Weihnachten wichtig, weil das eine Zeit ist, in der man auch mal zur Ruhe kommen kann. Und in der man das vergangene Jahr reflektiert und sich auf das neue einstellen kann.

Redaktionsnetzwerk Deutschland: Die persönliche Frage, wie jemand Weihnachten feiert, ist so politisch wie nie. Gehen Sie das Fest im kleinen Kreis an - oder können Sie sich den Wünschen der Familie schwer entziehen?

Franziska Giffey: Ich feiere im kleinen Kreis Weihnachten. Anders geht es diesmal nicht. Ich werde mehr telefonieren und mehr Weihnachtskarten schreiben als sonst. Ich hätte gern ein paar Freunde getroffen, für die ich im Alltag leider nicht so viel Zeit habe. Darauf werde ich verzichten.

Redaktionsnetzwerk Deutschland: Wer ist im Zweifel stärker in der Verantwortung, die Reißleine zu ziehen und die Familienfeier zu Weihnachten abzusagen: die Großeltern, die selbst in größerer Gefahr sind zu erkranken, oder die mittlere und jüngere Generation?

Franziska Giffey: Wenn Oma und Opa kommen wollen, ist das mit den beschlossenen Regeln auch möglich. Schwierig wird es, wenn dann noch der Onkel und die Tante dabei sein wollen. Wer der erste ist, der Nein sagt, kann zum Buhmann bei den Verwandten werden. Er tut aber das Richtige. Helfen kann auch, in den Tagen vor Weihnachten zu Hause zu bleiben und Kontakte zu vermeiden. Da sind vor allem die Jüngeren gefordert.

Redaktionsnetzwerk Deutschland: Hätte der harte Lockdown nicht früher kommen müssen?

Franziska Giffey: Das sagt sich im Nachhinein leicht. In den letzten Wochen ist alles unternommen worden, um das Infektionsgeschehen einzudämmen und den Lockdown zu vermeiden. Auch Politiker können nicht in die Zukunft schauen und müssen jede Entscheidung gut abwägen, wenn Freiheiten eingeschränkt werden.

Redaktionsnetzwerk Deutschland: Sind zu viele Menschen zu spät ins Homeoffice gewechselt - und haben damit die Notwendigkeit ausgelöst, Schulen und Kitas zu schließen?

Franziska Giffey: Ich will erst einmal festhalten, dass viele Kitas weiterhin im eingeschränkten Regelbetrieb geöffnet sind. In vielen Schulen ist lediglich die Präsenzpflicht ausgesetzt. Ich habe immer gesagt, die Schließung von Kitas und Schulen ist das letzte Mittel. Aber wir müssen auch deutlich sehen, dass die Maßnahmen der letzten Wochen nicht gereicht haben. Ich halte aber auch nichts von Schuldzuweisungen oder davon, die Generationen gegeneinander auszuspielen. Deshalb fand ich es immer falsch, auf junge Menschen mit dem Finger zu zeigen und zu sagen: Seht her, die haben zu viel gefeiert. Die Grenze verläuft doch nicht zwischen Jung und Alt, sondern zwischen vernünftig und unvernünftig. Und das geht über alle Generationen.

Redaktionsnetzwerk Deutschland: Hätte die Politik Homeoffice in der Pandemie, wo es möglich ist, anordnen müssen?

Franziska Giffey: Anordnen wollen wir das von politischer Seite nicht. Aber ich appelliere eindringlich an Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, in Zeiten hoher Infektionszahlen Homeoffice möglich zu machen, wo immer es geht.

Redaktionsnetzwerk Deutschland: Kitas und Schulen wurden zuletzt, trotz steigender Infektionszahlen im Land, lange offengehalten. Sollen sie auch zuerst wieder geöffnet werden, noch vor Geschäften im Einzelhandel?

Franziska Giffey: Aus meiner Sicht: Ja. Kitas und Schulen wurden zu Recht als Letzte eingeschränkt. Und als Bundesfamilienministerin werde ich weiter darauf dringen, dass sie auch als Erste wieder für den Normalbetrieb geöffnet werden, sobald es die Infektionslage zulässt. Dabei geht es einerseits darum, Eltern zu helfen, Beruf und Familie miteinander vereinbaren zu können. Es geht aber auch um das Recht der Kinder, ein gutes Bildungsangebot zu bekommen und mit ihren Freunden spielen zu können.

Redaktionsnetzwerk Deutschland: Werden sich, gerade in den großen Städten, Integrationsprobleme verschärfen, wenn die Schließung von Kitas und Schulen zu lange dauert?

Franziska Giffey: Eine zu lange Schließung von Kitas und Grundschulen bedeutet generell härtere Auswirkungen für Kinder, die in sozialen Brennpunkten leben. Kinder aus Familien, in denen kaum Deutsch gesprochen wird oder wo es zuhause keine guten Lernbedingungen gibt, sind mehr auf die Förderung in Kita und Schule angewiesen. Aber auch jenseits von Integrationsfragen gilt: Familien, die ohnehin wenig Geld und knappen Wohnraum haben, leiden unter den Schließungen besonders.

Redaktionsnetzwerk Deutschland: Der Bund gibt viel Geld, um digitalen Unterricht an den Schulen zu erleichtern.

Franziska Giffey: Mit dem Digitalpakt ist ein riesiges Modernisierungsprogramm für die Schulen beschlossen. Das Geld muss von den Ländern aber auch entsprechend abgerufen und ausgegeben werden. Was aber häufig nicht gesehen wird: Auch in finanzschwachen Familien gibt es meistens Smartphones und Internet. Was aber oft fehlt, sind arbeitsfähige Computer und Drucker. Und noch viel wichtiger: Oft fehlt jemand, der zu Hause bei den Aufgaben helfen kann - oder ein Zimmer, in dem das Kind konzentriert lernen kann. Auch deshalb muss der Lockdown für die Kinder so schnell wie möglich vorbei sein.

Redaktionsnetzwerk Deutschland: Ihre Kandidatur in Berlin wird von der Debatte über die erneute Prüfung ihrer Dissertation überschatten. Bereuen Sie manchmal, dass Sie diese Arbeit geschrieben haben?

Franziska Giffey: Nein. Das ist meine Arbeit, mit der ich mich fünf Jahre meines Lebens beschäftigt und bei der ich sehr viel gelernt habe. Strukturiert vorzugehen, große Texte zu erfassen und daraus die wesentlichen Schlüsse zu ziehen, mich auf Dinge zu konzentrieren und sie zu Ende zu bringen - das kann mir keiner nehmen.

Redaktionsnetzwerk Deutschland: Den Titel allerdings schon.

Franziska Giffey: Ich habe erklärt, den Titel jetzt und auch künftig nicht mehr zu führen, unabhängig vom Ausgang des Verfahrens. Es ist schon ein einmaliger Vorgang, dass eine Arbeit insgesamt drei Mal geprüft wird. Ich habe 2010 ein Promotionsverfahren durchlaufen und eine sehr gute Bewertung bekommen. Zehn Jahre später gibt es eine Prüfung durch ein von der Freien Universität Berlin eingesetztes Gremium, die fast ein Jahr lang dauert und am Ende bekomme ich in einem Verwaltungsakt bestätigt, dass an der Eigenständigkeit der wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich kein Zweifel besteht.

Redaktionsnetzwerk Deutschland: Sie haben wegen wissenschaftlicher Mängel eine Rüge bekommen.

Franziska Giffey: Ja, und das habe ich akzeptiert. Aber ich habe auch schwarz auf weiß die Bestätigung, dass der Titel nicht aberkannt wird.

Redaktionsnetzwerk Deutschland: Das sieht das Präsidium der Freien Universität offenbar anders und hat deshalb entschieden, dass das Verfahren neu aufgerollt wird.

Franziska Giffey: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass über ein Jahr nach der bereits getroffenen Entscheidung eine erneute Prüfung vorgenommen wird.

Redaktionsnetzwerk Deutschland Sie bleiben also auf jeden Fall bis zum Ende der Legislaturperiode Familienministerin?

Franziska Giffey: Was ich jetzt dazu zu sagen habe, habe ich erklärt.