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Lisa Paus: Wir erarbeiten eine Strategie gegen Einsamkeit

Porträt von Bundesfamilienministerin Lisa Paus im Bundesfamilienministerium
Bundesfamilienministerin Lisa Paus© Bundesregierung / Steffen Kugler

RedaktionsNetzwerk Deutschland: Frau Paus, Ihr Ministerium kümmert sich seit einem Jahr gezielt um die Einsamkeit im Land. Ist das Problem an Weihnachten besonders groß?

Lisa Paus: Für die meisten Menschen ist das Schöne an Weihnachten die Gemeinschaft und das Miteinander im Kreis der Familie. Wenn man diese Zugehörigkeit und Mitmenschlichkeit nicht erleben kann, können diese Tage besonders schmerzlich sein. Deswegen ist Weihnachten immer auch eine Herausforderung. Umso wichtiger ist es, dass es telefonische Angebote wie die Telefonseelsorge gibt. Ich kann nur allen, die sich einsam fühlen, raten, keine Scheu zu haben, sich an Hilfeangebote zu wenden, sei es telefonisch oder an Angebote und Einrichtungen vor Ort. Weihnachten sollte für alle ein schönes Fest sein, niemand sollte sich einsam fühlen.

RedaktionsNetzwerk Deutschland: Einsamkeit ist ein sehr privates Thema. Haben Sie persönlich schon Erfahrungen damit gemacht?

Lisa Paus: Ja, durchaus. Als mich zum Beispiel mein erster Freund verlassen hatte, hatte ich das Gefühl, dass meine Familie und meine Freundinnen und Freunde meinen Schmerz gar nicht nachvollziehen können. Aber auch später als alleinerziehende Mutter habe ich Momente von Einsamkeit erlebt. Ich war zwar immer gut sozial eingebunden, aber gerade an den Wochenenden, wenn Paare als Familie etwas zusammen machen, habe ich mich manchmal ziemlich einsam gefühlt. Wer sich allein um ein Kind kümmert oder einen Angehörigen pflegt, ist in vielen Situationen einfach außen vor und kann sich sehr ausgeschlossen und einsam fühlen, auch in einer so lebendigen Stadt wie Berlin.

RedaktionsNetzwerk Deutschland: Warum ist so ein privates Gefühl überhaupt ein Thema für die Politik?

Lisa Paus: Einsamkeit an sich ist noch keine Krankheit, sondern auch eine gesunde Reaktion darauf, allein zu sein - und führt im besten Fall dazu, seine sozialen Kontakte zu intensivieren oder zu ändern. Wenn Einsamkeit aber anhält und die betroffenen Menschen keinen Weg mehr aus der Einsamkeit finden, können daraus Krankheiten entstehen. Einsamkeit erhöht ganz eindeutig das Risiko für körperliche und psychische Krankheiten wie zum Beispiel Depressionen und Suizidalität. Das gilt übrigens für ältere wie für jüngere Menschen. Leider gibt es nach wie vor einen Mangel an therapeutischen Angeboten - deshalb ist es gut, dass Gesundheitsminister Lauterbach mit Sonderzulassungen gegensteuern will.

RedaktionsNetzwerk Deutschland: Wenn Einsamkeit vor allem eine Gefahr für die Gesundheit ist, warum ist für ihre Bekämpfung dann nicht ganz Herr Lauterbach zuständig, sondern das Familien- und Seniorenministerium?

Lisa Paus: Wenn es kein soziales Umfeld und keine Unterstützung gibt, die Menschen aus der Einsamkeit heraushelfen können, kann sich Einsamkeit verfestigen. Dadurch können Menschen das Vertrauen in sich und in soziale Beziehungen verlieren. Wenn sich diese Tendenz ausbreitet, wird Einsamkeit auch für uns als Gesellschaft zum Problem. Denn Einsamkeit ist vor allem ein Rückzug aus der Gesellschaft. Einsamkeit gefährdet damit auch den gesellschaftlichen und demokratischen Zusammenhalt.

RedaktionsNetzwerk Deutschland: Ihr Ministerium hat sich vorgenommen, gegen die wachsende Einsamkeit in Deutschland vorzugehen. Geht das überhaupt?

Lisa Paus: In einigen Ländern wie Großbritannien, Japan oder den Niederlanden gibt es bereits politische Strukturen gegen Einsamkeit. In meinem Haus erarbeiten wir mit Beginn dieser Legislatur jetzt eine "Strategie gegen Einsamkeit". Hierfür haben wir auch das "Kompetenznetz Einsamkeit" ins Leben gerufen. Es betreibt Forschung, bündelt Wissen zu konkreten Angeboten, verbreitet Wissen zum Thema und erarbeitet Strategien zu Prävention und Bekämpfung von Einsamkeit. Dabei nimmt das Kompetenznetz alle Altersgruppen und Lebenslagen in den Blick. Die Forschungsergebnisse des Kompetenznetzes werden in einem Einsamkeitsbarometer für Deutschland alle 1,5 Jahre bekannt gemacht, daran werden wir unsere weitere Arbeit und entsprechende Maßnahmen ausrichten.

RedaktionsNetzwerk Deutschland: Sie haben auch zu einer internationalen Konferenz geladen. Welche Ansätze aus anderen Staaten fanden Sie interessant?

Lisa Paus: Vieles lässt sich nicht direkt übertragen, weil durch Deutschlands föderale Struktur die Vor-Ort-Arbeit nicht Sache des Bundes ist. Und wir haben zum Glück sehr viel ehrenamtliches Engagement, eine große Breite an Wohlfahrtsverbänden, sehr aktive Vereins- und Gemeindearbeit in vielen Städten und Regionen Deutschlands, Hilfetelefone und viele Angebote vor Ort. Vieles davon muss etwa in England erst durch "Community Building" aufgebaut werden. Trotzdem nimmt die Einsamkeit auch bei uns zu und deshalb machen wir uns Gedanken, was wir tun können.