Ergänzendes Hilfesystem: Fragen und Antworten

Kinder- und Jugendschutz

Fragen und Antworten zum Ergänzenden Hilfesystem für Opfer von sexuellem Missbrauch

Für Menschen, die als Kinder und Jugendliche Betroffene von sexuellem Missbrauch wurden, bietet das Ergänzende Hilfesystem im familiären und institutionellen Bereich Hilfen zur Linderung der aus dem Missbrauch entstandenen Folgeschäden an.

Auf den folgenden Seiten erhalten Sie mehr Informationen zum Ergänzenden Hilfesystem, den möglichen Leistungen und zum Antragsverfahren.

Was ist das Ergänzende Hilfesystem?

Das Ergänzende Hilfesystem besteht aus mehreren Teilen, die sich danach unterscheiden, wo beziehungsweise in welchem Bereich der sexuelle Missbrauch stattfand.

Ein Teil ist der Fonds "Sexueller Missbrauch im familiären Bereich", der Betroffenen hilft, die sexuellen Missbrauch in der Familie beziehungsweise im familiären Umfeld erlitten haben. Dieser existiert bereits seit Mai 2013 und wird vom Bund sowie den Ländern Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Hessen finanziert.

Ein weiterer Teil ist der institutionelle Bereich, bei dem es um Hilfen für Betroffene sexuellen Missbrauchs in staatlichen oder nichtstaatlichen Einrichtungen geht. Die nichtstaatlichen Einrichtungen können ganz verschiedenen Trägern beziehungsweise Institutionen angehören. Wenn mit dem Träger beziehungsweise der zuständigen (Dach-)Organisation eine Vereinbarung zur Beteiligung am Ergänzenden Hilfesystem besteht, können Betroffene grundsätzlich Leistungen aus dem Ergänzenden Hilfesystem erhalten. Vereinbarungen bestehen mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) einschließlich der Diakonie Deutschland, der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK), dem Caritasverband, dem Deutschen Roten Kreuz (DRK), dem Deutschen Kinderschutzbund (DKSB), der Arbeiterwohlfahrt (AWO), dem SOS-Kinderdorf e.V., der DAK-Gesundheit, dem Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke Bundesverband e.V., dem Internationalen Bund e.V., der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken sowie bis zum 31.08.2016  mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).

Darüber hinaus können Betroffene, die sexuellen Missbrauch in Institutionen des Bundes erlitten haben, Hilfeleistungen beantragen. Zudem haben mehrere Bundesländer Hilfeleistungen für Betroffene sexueller Gewalt in Schulen oder anderen Landeseinrichtungen bereitgestellt: die Freie und Hansestadt Hamburg, die Länder Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Bremen nehmen weiterhin Anträge entgegen. Bis zum 31.08.2016 haben sich die Freistaaten Sachsen, Bayern und Thüringen, die Länder Baden-Württemberg, Saarland, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern am Ergänzenden Hilfesystem beteiligt, Berlin bis Ende Dezember 2017.

Welche Leistungen gibt es beim Ergänzenden Hilfesystem?

Das Ergänzende Hilfesystem gewährt Sachleistungen, die dazu dienen sollen, heute noch existierende Folgen des sexuellen Missbrauchs in der Kindheit oder Jugend abzumildern beziehungsweise auszugleichen. Dazu gehören zum Beispiel Therapien, aber auch finanzielle Unterstützung bei Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen, wenn aufgrund des Missbrauchs Brüche in der Bildungs- und/oder Erwerbsbiografie entstanden sind. Es können auch Kosten der individuellen Aufarbeitung des Missbrauchs, Beratungs- und Betreuungskosten sowie sonstige Unterstützung in besonderen Härtefällen übernommen werden.

Die Leistungen werden ergänzend gewährt, das heißt nur dann, wenn ein gesetzliches Leistungssystem (zum Beispiel Krankenkasse, Jobcenter) die Leistung nicht oder nicht mehr finanziert.

Pro Person können Leistungen im Wert von maximal 10.000 Euro gewährt werden. Menschen mit Behinderungen können darüber hinaus Mehraufwendungen bis zu einer Höhe von 5000 Euro beantragen, die notwendig und angemessen sind, damit sie die Hilfeleistungen auch tatsächlich in Anspruch nehmen können (zum Beispiel Assistenzleistungen, erhöhte Mobilitätskosten).

Wie und wo kann ich Leistungen beantragen?

Wer Hilfen aus dem Ergänzenden Hilfesystem erhalten möchte, kann diese mit den auf der Webseite des Fonds bereitgestellten Antragsformularen beantragen. Die Geschäftsstelle nimmt als "einheitlicher Partner" die Anträge für alle Bereiche des Ergänzenden Hilfesystems entgegen.

Wer entscheidet über meinen Antrag?

Im familiären Bereich (Fonds Sexueller Missbrauch) trifft die Geschäftsstelle die Entscheidung über die Anträge und erlässt Bescheide an die Antragstellerinnen und Antragsteller. Im institutionellen Bereich liegt die endgültige Entscheidung bei der jeweils zuständigen Institution.

Zur einzelfall- sowie fachspezifischen Beratung der Anträge wurde bereits zum Start des Ergänzenden Hilfesystems eine Clearingstelle eingerichtet. Die mittlerweile zehn Gremien der Clearingstelle setzen sich aus jeweils vier Mitgliedern interdisziplinär zusammen (je eine Psychologin oder ein Psychologe, eine Juristin oder ein Jurist mit Befähigung zum Richteramt, eine Medizinerin oder ein Mediziner, eine Betroffenenvertreterin oder ein Betroffenenvertreter) und tagen regelmäßig, um über Anträge zu beraten und eine Empfehlung zur Entscheidung auszusprechen. Sowohl für die Geschäftsstelle als auch für die institutionellen Partner ist diese Empfehlung in der Regel maßgeblich für die abschließende Entscheidung. Über Anträge, die keine Schwierigkeiten in der Sach- und Rechtslage aufweisen, entscheidet die Geschäftsstelle entsprechend der "Leitlinien für die Gewährung von Leistungen aus dem Fonds Sexueller Missbrauch im familiären Bereich" eigenständig.

Bis wann können noch Anträge auf Leistungen aus dem EHS gestellt werden?

Für den familiären Bereich wurde die ursprüngliche Antragsfrist vom 30. April 2016 aufgehoben. Betroffene, die in der Familie oder im familiären Umfeld sexuellen Missbrauch erlitten haben, können also weiterhin Anträge stellen.

Für Betroffene sexuellen Missbrauchs im institutionellen Bereich kann die Frage nicht einheitlich beantwortet werden. Der Bund und fast alle der am EHS beteiligten nichtstaatlichen Institutionen haben die Antragsfrist verlängert, so dass auch in diesem Bereich weiterhin Anträge gestellt werden können.

In den meisten Ländern, die sich am EHS im institutionellen Bereich beteiligt haben, lief die Antragsfrist hingegen nur bis zum 31. August 2016. Betroffene aus Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Bremen können weiterhin Anträge stellen.