Projektbesuch

Mit Kunst das Kennenlernen fördern

Zwei Mädchen in Malerkitteln malen zusammen ein Bild mit Sonnenblumen
Gemeinsames Malen erfordert Teamwork und viel Kommunikation - mit und manchmal auch ohne Worte© privat

"Zum ersten, zum zweiten... zum dritten!" Und wieder wechselt eine bunt bemalte Leinwand den Besitzer. In der Aula der Schillerschule in Jena überbieten sich Eltern, Freunde und Verwandte mit viel Hallo. Sie ersteigern farbenfrohe Kunstwerke, die von Kindern mit Fluchterfahrung gemeinsam mit hier aufgewachsenen Kindern gestaltet wurden. Die Versteigerung heute ist der fröhlich-festliche Höhepunkt eines mehrmonatigen Kunstprojekts.
Doch der Reihe nach: An der Jenaer Schillerschule hatte ein engagiertes Team aus Lehrkräften und Ehrenamtlichen eine Projektgruppe ins Leben gerufen. Die Idee war es, mit Patenschaft-Tandems kreativ zu arbeiten - gefördert vom Bundesprogramm "Menschen stärken Menschen". Sieben Tandems haben sich gefunden. Je ein geflüchtetes und ein hier aufgewachsenes Kind machten sich gemeinsam ans Werk. "Arbeitssprachen"? Deutsch und Arabisch.

Zwei Mädchen halten sich im Arm und lächeln in die Kamera
Alaa und Michelle sind durch das Patenschafts-Tandem Freundinnen geworden - sympathisch waren sie sich von Anfang an.© privat

In unterschiedlichen Tandems mitgemacht haben auch Alaa aus Syrien und Michelle aus Jena. Zuerst mussten die kleinen Künstlerinnen und Künstler klären, wie sie vorgehen wollten. "Wir haben so angefangen: Du malst von hier und ich mal von hier - und dann haben wir uns zusammen gekriegt!", berichtet Alaa. Und Michelle erzählt, wie sie ihren Tandem-Partner Omran überzeugen konnte: "Ich habe gefragt, ob wir den Glitzer nehmen wollen. Das hat Omran erst nicht verstanden. Ich hab ihm den Glitzer dann gezeigt und er hat genickt." Wenn es in der Verständigung doch einmal holprig wurde, sprang eine der Erzieherinnen ein. Als arabische Muttersprachlerinnen, Kunstpädagoginnen und Beauftragte für Flüchtlingskinder an Jenaer Schulen konnten sie die kleinen Kreativen bestens unterstützen.

Das Kunstprojekt zeigt nachhaltig Wirkung. Die gemeinsamen Erlebnisse im Patenschafts-Projekt wirken in die Freizeit und die Familien hinein. Kontakte kommen zustande und man besucht sich gegenseitig. Das Vertrauen ist gewachsen: "Letztes Mal habe ich bei Michelle geschlafen und Michelle hat auch bei uns geschlafen!", freut sich Alaa. Sie und Michelle sind inzwischen gute Freundinnen geworden.

In der Schillerschule lernen insgesamt 248 Kinder, davon haben 52 einen nicht-deutschen Hintergrund, 27 von ihnen sind geflüchtet. Mithilfe von Kunst und kreativen Arbeiten können sich mehr und mehr Kinder besser kennenlernen und etwas Gemeinsames auf die Beine stellen. Aufgrund der positiven Erfahrungen hat die Schillerschule bereits Nachfolgeprojekte mit neuen Patenschafts-Tandems angestoßen.

Die Arbeit für das Kunstprojekt hat sich auf viele Schultern verteilt - und das hat maßgeblich zu seinem Erfolg beigetragen: "Man muss so etwas nicht allein stemmen", sagt Projektkoordinatorin Dorothee Kreling. Sie rät dazu, frühzeitig Kooperationspartner mit ins Boot zu holen. Beteiligt haben sich in diesem Fall der Schulförderverein und dessen thüringischer Landesverband, die Leitungen von Schule und Kita, die Beauftragte für geflüchtete Kinder der Stadt Jena, eine Horterzieherin sowie Ehrenamtliche. Programmträger des Programms "Menschen stärken Menschen" war die Stiftung Bildung, die 4000 Kinder und Jugendliche mit und ohne Fluchterfahrung bundesweit in 2000 Patenschafts-Tandems unterstützt.

Zurück in der Aula der Schillerschule: Alle Bilder sind verkauft worden, bei Imbiss und Umtrunk feiern Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte die gelungene Veranstaltung. "In diesem Rahmen entsteht ein intensiver Kontakt und dadurch nach kurzer Zeit ein ungezwungenes Miteinander", freut sich Dorothee Kreling. Ganz besonders freuen sich die jungen Kreativen: Mit dem Erlös aus ihrem Kunstprojekt erfüllen sie sich einen großen Wunsch und besuchen gemeinsam den Zoo in Erfurt.

Im Bundesprogramm "Menschen stärken Menschen" fördert das Bundesfamilienministerium seit Anfang 2016 insgesamt 23 zivilgesellschaftliche Programmträger, die Patenschaften für Geflüchtete in über 500 lokalen Strukturen umsetzen. Seit Beginn des Programms konnten knapp 40.000 Patenschaften (Stand Oktober 2017) gestiftet werden. Die Patenschaften reichen von niedrigschwelliger Alltagsbegleitung oder ein Heranführen an die neue Umgebung über Hausaufgabenbetreuung bis hin zu hochwertigen Bildungsmentorenschaften zur Sicherung von Schulabschlüssen.