Gesellschaftliche Teilhabe

Einsamkeit im Alter

Einsamkeit ist ein vielschichtiges Phänomen mit unterschiedlichsten Ursachen. Besonders in der Corona-Pandemie sind die negativen Auswirkungen mangelnder sozialer Kontakte deutlich geworden. Ergebnisse des Deutschen Alterssurveys 2020 (DEAS) zeigen: Im Sommer 2020 lag der Anteil einsamer Menschen im Alter von 46 bis 90 Jahren bei knapp 14 Prozent und damit 1,5-mal höher als in den Befragungsjahren 2014 und 2017. Bereits vor der Pandemie war Einsamkeit ein Thema. Auch eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Malteser aus dem Frühjahr 2021 hat ergeben, dass sich mehr als jede fünfte Seniorin und jeder fünfte Senior ab 75 Jahren häufig oder zumindest hin und wieder einsam fühlt. Der DEAS 2017 zeigt: Zwischen acht und neun Prozent der Menschen im mittleren und hohen Alter fühlten sich zwischen 2008 und 2017 einsam. Das Risiko für Einsamkeit im Alter hat in diesen Jahren nicht zugenommen. Allerdings kommt es im sehr hohen Alter zu einem Anstieg der Einsamkeit - bei Frauen etwas stärker als bei Männern.

Gleichwohl alle Altersgruppen von Einsamkeit betroffen sein können, ist die Gruppe älterer Menschen im Fokus, da sie eher auf Hilfen angewiesen sind. Insbesondere bei Älteren über 80 Jahren besteht ein deutlich höheres Risiko einer sozialen Isolation, wenn zahlreiche andere Problemlagen dazukommen, die Einsamkeit und soziale Isolation begünstigen oder auslösen können. Dazu gehören zum Beispiel Schicksalsschläge, Erkrankungen, abnehmende körperliche Mobilität, mangelnde Mobilitätsangebote, zunehmende Altersarmut oder Migrationshintergrund. Betroffene brauchen daher Unterstützung, um aus ihrer Vereinsamung und aus sozialer Isolation herauszufinden. Einsamkeit zu verhindern, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Praxisforschungsprojekt "Schwierige Zugänge"

Wie gesellschaftlich isolierte ältere Mensche zu erreichen sind, das hat in 2020 ein Praxisforschungsprojekt des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. (ISS) untersucht. Der Abschlussbericht gibt Anregungen wie Strukturen und Angebote vor Ort weiterentwickelt und gestaltet werden können, um Vereinsamung und gesellschaftlichen Ausschluss im Alter zu überwinden. Dazu zählen die Nutzung digitaler Möglichkeiten, aufsuchende Angebote, die Stärkung von Netzwerken und die Sensibilisierung für schwer zu erreichende Gruppen. Kreative Zugänge werden anhand von Beispielen guter Praxis, wie Repair-Cafés oder Großelterndiensten vorgestellt.

In 2020 sind zwei große Modellvorhaben gegen Einsamkeit gestartet, die sich in ihrem Spektrum ergänzen und dazu beitragen, ältere Menschen in ihrem selbstständigen und gleichberechtigten Leben in der Gesellschaft zu unterstützen. Hierbei ist der Auf- und Ausbau von regionalen Kooperations- und Vernetzungsstrukturen für mehr Teilhabemöglichkeiten zentral.

Modellprojekt "Miteinander - Füreinander; Kontakt und Gemeinschaft im Alter"

Bis 2024 wird ein Projekt des Malteser Hilfsdienstes unterstützt: "Miteinander - Füreinander; Kontakt und Gemeinschaft im Alter". Damit sollen an rund 110 Malteser-Standorten besonders hochaltrige Seniorinnen und Senioren erreicht werden. Die neuen Besuchsangebote sind wertvolle Brücken in die Gemeinschaft. Zu dem Projekt gehört auch das Online-Magazin "dabei. Magazin für Leben im Alter". Es sensibilisiert für Themen des Lebens im Alter, gibt Hilfestellungen gegen Einsamkeit und Inspiration für eigene Aktivitäten.

Modellprojekte gegen Einsamkeit

Seit Oktober 2020 werden mit einem Bundesmodellprogramm für zwei Jahre 29 Modellprojekte gefördert, die ungewollter Einsamkeit entgegenwirken. Das Programm wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert und ist das erste dieser Art. Es richtet sich vorrangig an ältere Beschäftigte ab 60 Jahre, die aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Ein erstes Monitoring zeigte, dass die Projekte auch in Pandemiezeiten ihre Arbeit erfolgreich aufgenommen haben. Gut angelaufen ist die Aufnahme einer ehrenamtlichen Tätigkeit der älteren Menschen. Zudem fördert das Programm eine starke Vernetzung vor Ort. Kooperationen und Vernetzungen stellen - insbesondere um weitere Zugänge zu etablieren - einen wichtigen Baustein in den Projekten dar. Im Ergebnis einer zweiten Erhebungswelle liegt zwischenzeitlich der Zweite Monitoringbericht vor. Es wird deutlich, dass aufgrund der Coronapandemie auch alternative Zugangswege von den Trägern der Projekte geschaffen werden mussten. Das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. (ISS) begleitet die Projekte in 2021 in einem Praxisforschungsprojekt. Dies unterstützt die Träger zusätzlich neben der fachlichen Begleitung durch die Servicestelle am Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben.

Derzeit befindet sich ein ESF-Folgeprogramm in Planung. Ab Oktober 2022 sollen rund 80 Projekte für fünf Jahre sozial innovative Angebote gegen Einsamkeit und soziale Isolation im Alter umsetzen.

Mehrgenerationenhäuser

Mit dem Bundesprogramm "Mehrgenerationenhaus. Miteinander - Füreinander" fördert das Bundesseniorenministerium aktuell bundesweit rund 530 Mehrgenerationenhäuser. Diese sind Begegnungsstätten für Jung und Alt, die unter anderem das selbstbestimmte Leben im Alter fördern.

Mit niedrigschwelligen Begegnungsangeboten, zum Beispiel im offenen Treff, Kultur- und Kreativangeboten, Freizeit- und Sportaktivitäten sowie Informations- und Beratungsangeboten tragen die Mehrgenerationenhäuser zur aktiven Alltagsgestaltung und gesellschaftlichen Teilhabe bei und wirken so Einsamkeit entgegen. Mit "Angeboten auf Distanz" sind die Mehrgenerationenhäuser auch während der Corona-Pandemie für ihre Nachbarschaften aktiv. Viele Angebote werden nun digital durchgeführt und neue sind hinzugekommen - damit aus körperlicher Distanz keine soziale Distanz wird.