30 Jahre Mauerfall

Interview mit Sebastian Krumbiegel

Sebastian Krumbiegel ist in einer politisch interessierten Musikerfamilie aufgewachsen - der Ursprung seiner Leidenschaft für Musik und Politik. Geprägt durch seine ostdeutsche Vergangenheit und die Friedliche Revolution, ist ihm die Demokratie ein großes Anliegen: In seinen Texten und Liedern setzt sich Krumbiegel mit demokratischen Werten auseinander. "Damals wurde für demokratische Grundwerte gestritten - und sie sind erstritten worden", erinnert er sich an die bewegende Zeit des Mauerfalls. Diese Aufgabe bleibt für ihn auch heute bestehen.

[Einblendung: 30 Jahre Mauerfall – Ein Ereignis – Sechs Geschichten. Sebastian Krumbiegel sitzt an einem schwarzen Flügel und spielt Klavier.]

Am Abend des 9. November 1989 war ich im Kabarett in Leipzig bei den Academixern, und wir haben uns damals schon, in dieser extrem schnelllebigen Zeit im Herbst 89, gefragt, ob denn diese Gags, die an dem Abend gemacht wurden, die alle politische Gags waren, ob die vier, fünf, sechs Wochen später, als es ausgestrahlt werden sollte, überhaupt noch aktuell sein würden. Irgendwann kam einer rein und sagte: "Hast du gehört, was in Berlin los war?" Dann haben wir darüber diskutiert, den Fernseher angemacht und geguckt, was da abgeht und es konnte keiner so wirklich glauben.

[Man sieht Nahaufnahmen seiner Hände auf den Klaviertasten.]

Ich finde das immer total hochtrabend, zu sagen, ich engagiere mich für etwas. Ich glaube, ich mache einfach die Sachen, die mir wichtig sind und die mir Spaß machen. Für mich ist es immer wichtig gewesen, in allererster Linie Musik zu machen und das damit zu verbinden, diese Musik mit Inhalten zu füllen, die mir wichtig sind. Da wir hier gerade in ziemlich bewegten Zeiten leben, gibt es mannigfaltige Dinge, die hier so laufen, dass ich denke, da muss man was machen. Das mache ich nicht, um ein heldenhafter Kerl zu sein, nein, ich mache das, weil es mir wichtig ist und ich nicht daneben stehen will und zusehen will, wie irgendwelcher Scheiß passiert.

Ich will das gar nicht bagatellisieren, natürlich gibt es einen großen Sozialisierungs-Unterschied durch 40 Jahre unterschiedliche Entwicklung zwischen der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland und der ehemaligen DDR. Das kann man nicht wegdiskutieren und trotzdem gibt es, was das Phänomen Rechtsradikalismus betrifft, gibt es das genauso im Saarland, in NRW und in Baden Württemberg. Das ist am Ende ein weltweites Phänomen.

[Sebastian Krumbiegel hält sein Buch "Courage zeigen" in der Hand und liest daraus vor. Denn steht er auf der Bühne, spricht durch ein Mikrofon und signiert ein T-Shirt.]

Damals wurde für demokratische Grundwerte gestritten. Diese demokratischen Grundwerte sind erstritten worden. Das heißt, wir leben heute hier nicht mehr in einem Willkür-Staat, sondern in einem Staat, in dem jeder sagen kann, was er will. Auch, wenn sofort wieder Leute reingrätschen und sagen, wir dürfen heute nicht mehr sagen, was wir wollen. Das ist ein Irrtum. Jeder darf sagen, was er will. Jeder darf seine Meinung äußern. Das müssen wir erstmal ganz klar festhalten. Dass sich da so vieles zum Guten verändert hat. Dass wir froh sein sollten, alle miteinander, dass das so ist. Dass nicht alles Gold ist, was glänzt, das wissen wir auch und dass die Demokratie ein zartes Gebilde ist, das täglich gestreichelt und gepflegt werden muss, das sollten wir uns immer wieder hinter die Ohren schreiben. Wir sollten immer darauf achten, dass Menschlichkeit, Humanität und Demokratie die Oberhand behalten und nicht Hate Speech und dieser ganze Wahnsinn, der passiert. Ich mache mir Gedanken darüber, schreibe Lieder drüber und versuche damit auf meine Art klarzukommen und Leute zu ermutigen, selbst klar und gerade zu stehen.

[Es erscheint die Einblendung: www.bmfsfj.de/mauerfall.]