30 Jahre Mauerfall

Interview mit Bärbel Werner

Die Mauer trennte Bärbel Werner von ihrer Familie - Entlassungswellen nach dem Mauerfall von vielen ihrer Arbeitskollegen. Veränderungen waren zur Wendezeit Alltag. Die Menschen mussten sich schnell auf die neue Situation einstellen. So ging es auch Bärbel Werner an ihrem Arbeitsplatz im Chemiewerk Nünchritz.

[Einblendung: 30 Jahre Mauerfall. Ein Ereignis. Sechs Geschichten. Bärbel Werner sitzt tagsüber in einem Büro, rechts neben ihr ist im Hintergrund ein großer Schlüsselschrank zu erkennen.]

Ich würde sagen, dass der Mauerfall eine Option von verschiedenen war – denn es hätte auch völlig anders ausgehen können. Also, dass irgendetwas passieren muss, das war eigentlich klar. Aber, dass es so gut ausgeht, das „musste“ nicht sein, denn es hätte auch anders werden können.

[Frau Werner läuft durch die Straßen von Nünchritz.]

Als die Mauer fiel, saß ich zuhause vor dem Fernseher und wir haben Nachrichten geschaut. Und plötzlich wurde die Mitteilung verlesen, dass ab sofort Besuche im Westteil Deutschlands möglich sind. Und das habe ich erstmal gar nicht als Maueröffnung realisiert, weil unsere Regierung im Vorfeld schon einige Maßnahmen ergriffen hatte, um zu retten was noch zu retten war. Und, dass dann auf einmal wirklich die Grenze offen war, das habe ich nicht so erfasst -  nicht in diesem Moment. Und auch nicht was das für Auswirkungen mit sich bringt. Denn ich kannte die Mauer schon mein ganzes Leben lang, sie wurde gebaut als ich zwei Jahre alt war und somit kannte ich nichts anderes. Unsere Eltern haben uns damals im September gesagt, dass sie ein Visum für Ungarn beantragt haben. Damals sind ja relativ viele nach Österreich über die ungarische Grenze nach Westdeutschland gegangen und das hatten sie auch vor, und auch am 07. Oktober gemacht. Und ich musste zu dem Zeitpunkt damit rechnen, dass ich sie so bald nicht wiedersehe oder sprechen kann. Wir hatten kein Telefon zuhause. Deshalb haben wir uns verabschiedet – für unbestimmte Zeit. Es hätte sein können, dass ich sie mehrere Jahre nicht wiedersehe oder ihre Flucht schiefgeht weil sie verhaftet werden oder so.

Nachdem die Mauer ein paar Tage offen war und nichts passiert ist, war die Stimmung erstmal euphorisch. Aber nach einigen Wochen und Monaten schlug das ein bisschen um, weil dann relativ schnell die Ernüchterung kam, dass es auf Arbeit nicht mehr so weitergehen konnte.

[Bahngleise vor einem Fabrikgebäude.]

Viele Erzeugnisse, die hergestellt wurden, waren auf einmal nicht mehr so gefragt. Auch in den folgenden Jahren gab es einige Entlassungswellen.

[Ein Foto des Betriebsgeländes der Wacker Chemie AG.]

Im Vergleich zu früher, wo das gar kein Thema war, da gab es kein Konkurrenzdenken zwischen den Kollegen, aber das kam dann doch relativ schnell auf. Meine Kollegin und ich haben darüber gesprochen und beschlossen, dass wir uns gegenseitig keine Vorwürfe machen, falls es einen von uns mit der Entlassung erwischt.

[Bärbel Werner sitzt an ihrem Schreibtisch und telefoniert, macht sich Notizen.]

Aber dann war es auf einmal doch so, dass sie nicht mehr mit mir gesprochen hat – da kann man sich wahrscheinlich im Vorfeld alles Mögliche vormachen oder vereinbaren, wenn es einen dann aber doch in der Praxis erwischt, ist es hart.

[Frau Werner händigt einer Kollegin einen Schlüssel aus einem Schlüsselschrank.]

Jede Woche gab es irgendetwas, was sich verändert hat und da musste man sich schnell drauf einstellen, mit einem schlechten Gewissen kann man sich nicht ewig aufhalten.

[Einblendung: www.bmfsfj.de/mauerfall]