Internationaler Frauentag: Rede von Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig

Es gilt das gesprochene Wort.

[Applaus. Bundesfamilienministerin Schwesig hinter dem Rednerpult bei einer Abend-Veranstaltung in Berlin]

"Morgen ist es soweit. Der Deutsche Bundestag wird abschließend über das Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst beraten. Die Quote kommt! Ich will der Zustimmung des Bundestages des und auch dem Bundesrat nicht vorgreifen. Aber ich bin sicher: Die Quote kommt. Wir werden am Sonntag den 105. Internationale Frauentag feiern und endlich gibt es den ersten Frauentag in Deutschland mit einem Beschluss des Deutschen Bundestages zu einer Frauenquote. Herzlichen Dank an alle, die das mitunterstützt haben."

[lange anhaltender Applaus]

"Ich habe im letzten Jahr gesagt. Veränderung ist möglich. Die Quote ist ein Beispiel. Heute sage ich: Der Kulturwandel hat begonnen. Ein Kulturwandel für Frauen braucht Verbündete, Männer und Frauen, starke Partner auf allen Ebenen und in allen Bereichen von Politik und Gesellschaft. Wenn ich ein Mann wäre hätte ich gesagt: das habe ich natürlich alles alleine geschafft. Anwesende ausgenommen. Aber natürlich habe ich das nicht alleine geschafft – im Gegenteil – ich hatte zum Beispiel dank der Berliner Erklärung, die ja viele Frauen und Männder unterschrieben haben aus den verschiedenen Fraktionen, aber die vor allem durch die Verbände und Vereinigungen nach vorne gebracht worden sind eine hervorragende Grundlage und freue mich, dass ich die Möglichkeit hatte, das jetzt so weit mit Ihnen zu bringen und Danke auch, dass die Beratungen im Deutschen Bundestag dazu führen, dass das morgen so ist. Mit Verbündeten an meiner Seite und der Quote im Rücken fliege ich in der nächsten Woche nach New York zur Frauenrechtskommission der Vereinten Nationen zur Frauenrechtskommission der Vereinigten Nationen. In diesem Jahr ist es 20 Jahre her, dass sich die Vierte Weltfrauenkonferenz in Peking auf eine umfassende Aktionsplattform geeinigt hat.Ich sehe, dass Frauen auf der ganzen Welt ihre Wirtschaft, ihre Staaten und ihre Gesellschaften voranbringen. Ich sehe gleichzeitig, dass die Rechte von Frauen tagtäglich mit Füßen getreten werden. Deswegen wird meine Bilanz kritisch sein, aber gleichzeitig voller Respekt vor den Frauen und Männern, die sich teils unter schwierigen Bedingungen für die Durchsetzung von Frauenrechten einsetzen. Frauen können etwas bewegen, Frauen können kämpfen für andere Frauen, wenn sie zusammenstehen, auch mit den modernen Männern hier in Deutschland und auf der ganzen Welt. Das ist die Botschaft. Veränderung ist möglich.
Herzlich willkommen zum Internationalen Frauentag 2015!"

[lange anhaltender Applaus]

"Was bedeutet das: Kulturwandel? Bei der OSCAR-Verleihung vor ein paar Wochen hat eine der OSCAR-Gewinnerinnen ein flammendes Plädoyer für gleiche Rechte und gleiche Löhne von Männern und Frauen gehalten. Auch bei der Berlinale haben wir gesehen, dass Gleichberechtigung in der Kultur ein Thema ist. Gleiche Chancen, gleiche Bezahlung, bessere Rahmenbedingungen. Dafür setzen sich Frauen in der Kultur ein, viele Frauen sind heute davon hier. Kultur ist aber mehr als ein gesellschaftlicher Bereich neben anderen, zu dem zum Beispiel das Kino oder das Theater gehört. Kultur: Das sind auch die Bilder in unseren Köpfen, das Kopfkino. Kultur ist die Bedeutung, die wir Dingen oder Handlungen geben. Kultur ist auch die Art, wie wir miteinander umgehen. Kultur in diesem Sinne sitzt tief in den Köpfen und den Verhaltensweisen der Menschen.

Wenn wir einen Kulturwandel für Frauen wollen, wenn wir einen echte Gleichberechtigung von Frauen und Männern wollen, müssen wir diese Verhaltensweisen verändern - dieses Kopfkino, die unterschiedlichen Bedeutungen, diese Verhaltensweisen - und das ist ein langer Weg.

In den Führungsetagen der großen Unternehmen herrscht eine ausgeprägte Männlichkeitskultur. Wir haben das vor ein paar Jahren vom SINUS-Institut durch Interviews erforschen lassen. Zu dieser Kultur gehören anzügliche Bemerkungen und Witze, die man sich nicht traut, wenn Frauen dabei sind. Dazu gehört auch, Härte zur Schau zu stellen. Zitat aus dieser Studie von Interviews: "Press mal mehr aus deinen Jungs raus!" Zitatende.

Frauen traut man diese Härte durchaus auch zu. Aber das empfinden die Männer als unpassend: Wenn wir Frauen hart auftreten, obwohl wir nie sagen: "Press mal mehr aus deinen Jungs raus!", aber wenn wir trotzdem in der Auseinandersetzung hart auftreten, dann fallen Begriffe wie "spröde", "verkniffen", "Männerimitat". Die erste Frau, die in ein solches Männer-Gremium mit dieser Kultur kommt, kann das, so drückt es ein befragter Mann aus, allenfalls aushalten. Gewinnen kann sie kaum.

Sie kann auch deshalb kaum gewinnen, weil sie es mit Familie nur falsch machen kann. Hat sie keine Kinder, fehlt ihr in den Augen der Männer die richtige Weiblichkeit. Hat sie Kinder, trauen ihr die Männer nicht zu, weil sie ja nicht rund um die Uhr verfügbar wäre.

Die erste Frau, die in ein solches Gremium kommt, bleibt Außenseiterin. Egal, wie gut sie ist.

Aber 30 Prozent sind etwas anderes. 30 Prozent verändern zwangsläufig die Art, wie man miteinander umgeht. Jede Frau von uns, die das schon mal erlebt hat, wenn sie in so ein 10er-Männergremium kommt und alleine ist in der Politik begegnet einem das ja auch gelgentlich, weiß, dass das nicht angenehm ist. Aber wenn da andere Frauen sitzen, die auch kämpfen, die vielleicht auch Familie haben – müssen sie aber nicht – will ich dazusagen, also zumindest Kinder. Das ist a auch immer so ein Thema. Wo man sich manchmal mit Blicken gut versteht, wo man endlich auch mal jemanden findet, dem man in die Augen schauen kann und mit den Augen rollen kann, wenn die Männer mal wieder 20 Minuten darüber schwadronieren, wie toll sie sind, dann ist das schon ein besseres Gefühl. Und deshalb bin ich überzeigt davon, dass die mindestens 30%, die wir mit der Frauenquote einführen, wo ich weiß, dass Sie nicht allen ausreicht, das ist aber die kritische Masse ist, mit der wir etwas anstoßen können, bewegen können. Die Frauenquote ändert Strukturen und Zahlenverhältnisse und stößt dadurch diesen Kulturwandel an.

Das Gesetz, das der Bundestag morgen verabschiedet, legt fest, dass sich mehr als 3600 Unternehme mit der Frage auseinander setzen müssen, wie stehen wir da? Im Aufsichtsrat, im Vorstand, auf der oberen Management-Ebene? Und wo wollen wir hin? Es ist schon ein Gewinn, dass überhaupt die Leute jetzt verpflichtet sind darüber nachzudenken, denn das haben auch noch nicht alle gemacht. Und die größten Unternehmen, mit den meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben die feste, starre Quote von mindestens 30% in Aufsichtsräten. Nun wieß ich, dass es einige gibt, die sagen, es ist uns nicht genug. Wir wollen 40%, wir wollen, dass darunter mehr Unternehmen fallen. Ich will ihnen aber auch sagen, dass es kein Gesetz gibt, nicht aus dem Bundesrat und auch nicht von der Opposition, was so glasklar bestimmt, dass die Quote, die wir vorgeben, von mindestens 30% ohne Ausnahme ist. Es gibt kein Netz, kein doppelter Boden diesmal ist Schluss mit Ausreden. Diese unternehmen müssen die 30% Frauen bringen und ich bin sicher, sie werden es schaffen.“

[Applaus]

"Selbstverständlich setzen wir diese Vorgaben auch für den öffentlichen Bereich um. Es ist ja ein Trugschluss zu glauben, dass der öffentliche Bereich längst 50% vorschreibt. Ich habe es ja erfahren als Frauenministerin. Ich habe ja Kabinettskollegen gefragt, hört mal da steht doch bei uns im Gesetz, wir sollen unsere Gremien sogar pari pari besezten. Aber es ist immer möglich nach diesem Gesetz zu begründen, warum e nicht geht. Und alle hier im Raum wissen, dass die Kreativität Gründe zu finden, warum man gerade keine Frau  für den Führungsjob hat, sehr sehr groß ist.  Und deshalb wird dieses Gesetz jetzt angeschärft in einem Stufenplan.

Zum 1.1.2016 müssen in allen Aufsichtsräten und wesentlichen Gremien des Bundes – müssen – 30% mindestens mit Frauen besetzt werden und zum 1.1.2018 streben wir dann sogar die 50% an. Es ist kein Rückschritt, sondern ein Fortschritt, weil wir jetzt sagen müssen und weil sich jetzt auch der Bund an seine eigenen Vorschriften halten muss."

[Applaus]

"Die Quote heißt auch: Mehr Macht und Einfluss für Frauen. Ich will auf drei Argumente eingehen, die ich immer wieder höre: Das erste Argument. Wo sollen die Frauen herkommen? Ich finde das ist so abgedroschen, dass ich darauf jetzt nicht eingehe, weil es ist einfach so daneben …"

[Applaus]

"… da helfen nur Zahlen. Wir brauchen für die ganze feste starre Quote 174 Frauen. Wir sind 40 Millionen Frauen in Deutschland und man darf sich auch international umschauen. Ich bin sicher, diese taffen Frauen gibt es. Wenn ich das sage, sagen die Kritiker: „Aha, Ihnen geht es also um 174 Positionen, top-bezahlt für die Frauen. Ist das nicht sehr elitär Frau Schwesig? Dann noch für eine Sozialdemokratin, kümmern Sie sich mal um die Frauen, denen es schlechter geht?“ Wenn ich das dann aber mache, kommen die gleichen und sagen: 'Aber bitte nicht so viel Bürokratie beim Lohngerechtigkeitsgesetz!' Aber ich will sagen, warum sagen wir eigentlich, dass gemischte Teams, das Frauen in Führungsetagen wichtig sind? Wir sagen es, weil wir sagen Frauen haben auch gewissen Führungskompetenzen. Dazu soll gehören, dass wir zum Beispiel einen anderen Blick haben, dass wir mit der ein oder anderen Sache sensibler umgehen und das, was eigentlich ein Kompetenzvorsprung ist, zu mindestens gegenüber Männern, die das nicht können, das wird jetzt gegen uns benutzt. Man versucht uns nämlich genau an dieser Sensibilität anzugreifen. Kein Mann der Welt regt sich auf, wenn jemand dafür sorgt, dass er einen gut bezahlten Job kriegt. Deswegen können wir es uns eigentlich auch nicht bieten lassen, dass wir jetzt angezählt werden, weil wir dafür sorgen, dass von diesen gut bezahlten Jobs auch mal ein paar an die Frauen gehen, das ist auch gerecht."

[Applaus]

"Aber es geht natürlich nicht nur um diese gut bezahlten 174 Toppositionen. Das wäre zu wenig. Es ist ein Trugschluss zu denken, dass es bei diesem Gesetz allein um diese Positionen geht. Es geht ja darum, was wir in diesen Positionen gemacht und da will ich Ihnen ein ganz konkretes Beispiel nennen. Zu einem dieser DAX-Unternehmen gehört ein Unternehmen aus der Gesundheitsbranche. 178 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit, Milliarden Umsätze und Gewinne. 54 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten davon in Deutschland. Zweidrittel davon Frauen. Wie viele Frauen sind im Aufsichtsrat? Null. Und wie viele sind im Vorstand? Null. Dort, wo über die Arbeits- und Lohnbedingungen dieser vielen Tausenden Frauen entschieden wird, die diese Umsätze und Gewinne erwirtschaften und dazu gehören zum Beispiel auch Reinigungskräfte, Catering-Servic, die vor kurzem noch unter 8 Euro 50 Mindestlohn verdienten – ich habe sie persönlich kennengelernt in Schwerin. Sie standen vor mir und haben gesagt: 'Frau Schwesig, ich bin hier als Putzfrau in einem Krankenhaus' - die gehören nämlich zu diesem Konzern – 'und ich musste um einen unbefristeten Vertrag zu bekommen auf eine Teilzeitstelle gehen' - so viel zur gewollten Teilzeit von Frauen – 'auf eine Teilzeitstelle gehen, ich bekomme im Monat 600 Euro, davon gebe ich 100 Euro für die Bahnkarte aus, bitte sorgen Sie dafür, dass es besser wird.' Und in diesen Top-Etagen wird genau darüber entschieden, was da unten stattfindet, deswegen ist dieses Gesetz nicht ein Gesetz für ein paar Stellen, sondern es ist richtig, dass wir ausgerechnet die feste Quote bei den Unternehmen machen, die die meisten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben, weil wir damit diese vielen Frauen und auch Männer erreichen. Aber vor allem die vielen Frauen und damit erreichen, dass endlich mal auch ihr Geschlecht auch da oben in der Etage sitzt, wo über ihre Arbeits- und Lohnbedingungen entschieden wird und deshalb ist dieses Gesetz nicht irgendwie elitär, sondern ein wichtiger Beitrag zu mehr Gerechtigkeit für Frauen."

[Applaus]

"Letzter Punkt. 'Ich will aber keine Quotenfrau sein!' Das ist ja auch so ein Wort. Ich habe noch nie Quotenmann gehört, dabei gibt es eine 90% Männerquote in Führungsetagen."

[Applaus]

"Das ist ja auch so ein Wort, was wieder gegen uns benutzt wird. Eigentlich ist es ja gut, dass die meisten Frauen darauf Wert legen, dass sie kompetent sind, dass sie ihren Job gut können, dass sie darauf vorbereitet sind, dass sie es für sich gut überlegt haben, aber genau diese Sensibilität, die viele Männer –Anwesende ausgeschlossen - , die viele Männer nicht haben, weil sie einfach sagen: 'Gib mir diesen tollen Job, Ich werde da schon irgendwie klarkommen.' Diese Sensibilität von uns Frauen wird jetzt benutzt, weil natürlich Quotenfrau ansetzt an diese Erwartung, die man selbst an sich hat. Ich will gut sein und ich will diesen Job gut machen und ich möchte eigentlich, dass alle sehen, dass ich diesen Job gut mache und deswegen möchte ich ihn auch eigentlich nur bekommen. Und deswegen ist Quotenfrau so ein Wort, was dann die Frauen abschreckt und teilweise ihnen auch wehtut. Aber ich finde, jetzt muss unser Vorteil kommen: Wir sind schlauer und wir behalten meistens recht. Ja. Und schlau sein bedeutet, dass man es dreht, weil wir kompetent sind, weil wir fit sind, weil wir die vielen klugen Frauen in unserem Land haben, haben wir die Frauenquote verdient, so einfach wird ein Schuh daraus."

[Applaus]

"Liebe Gäste, eine Frau hat mir auf Facebook folgendes gepostet: 'Der Denkfehler der Quoten-Gegner besteht darin, dass sie annehmen, ohne Regelung würden sich die Qualifiziertesten durchsetzen. Egal ob Mann oder Frau.' Sie schreibt weiter: 'In der idealen Welt wäre das auch so. Aber ist das nicht der Fall. Solange die Welt nicht ideal ist, hilft die Quote.' Solange Gleichberechtigung nicht verwirklicht ist, brauchen wir Gesetze, die sie voranbringen. Ich finde, wir haben lange genug gewartet. Seit 1982 steht die Idee der Quote auf der politischen Tagesordnung in Deutschland, mal mehr mal weniger, wie das immer so ist. Wir haben uns lange mit Modellen, Vereinbarungen und Selbstverpflichtungen begnügt, ohne dass es wirklich Fortschritte gab.

Norwegen hat 2006 gezeigt, wie es geht: mit einer festen Quote für Verwaltungsräte und harten Sanktionen bei Nichteinhaltung. Die Vorbehalte in der Wirtschaft waren zunächst rießig, aber die Umsetzung war erfolgreich. Mittlerweile ist in Norwegen auch in den anderen Führungsebenen ein Kulturwandel spürbar. Norwegen ist der Beweis: Die Quote funktioniert.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich weiß, dass einige mehr wollten. Die Quote könnte höher sein, aber denken Sie daran, wie lange haben wir um dieses Gesetz gekämpft. Denken Sie daran, welche Widerstände bis zuletzt überwunden werden mussten. Und an der Stelle möchte ich mich auch bei denen bedanken, die die Widerstände geleistet haben. Das wird sie überraschen, aber diese Widerstände waren gut, weil sie noch einmal in den öffentlichen Blick gerückt haben, was Frauen im Arbeitsalltag aushalten müssen. Diese ganzen rückwärtsgewandten Vorurteile gegen Frauen, das sie es nicht können und dass sie sich mal nicht so haben sollen. Es war gut, dass es diese Leute gab, weil es zeigt, wir müssen kämpfen. Allein die Diskussion um den Gesetzentwurf hat bereits Veränderung ausgelöst. In den In den DAX-Unternehmen bewegt sich was aber auch der Deutsche Caritasverband, der gar nicht vom Gesetz betroffen ist, sagt: 'Auch bei uns kann es so nicht weiter gehen.' 80 Prozent Frauen sind im Personalbestand. 80% Frauen machen bei uns bei der Caritas den Job. Das überrascht doch nicht. Kita, Pflege, aber nur 20 Prozent in Führungsetagen, deshalb ist es gut, dass zum Beispiel auch der Caritasverband sagt, das muss sich ändern. Daran sehen Sie, dass dieses Gesetz viel weiter wirkt, als es sozusagen im gesetzlich konkreten ist und ich freue mich sehr, dass heute liebe Exzellenz wir auch noch live hier auf der Bühne hören, wie funktioniert es in Norwegen, liebe Frau Wallas, schön, dass Sie heute hier bei uns sind."

[Applaus]

"Ich will einen Punkt im öffentlichen Bereich ansprechen, weil die Diskussion mich ein wenig verwundert hat.

Als ich Kommunalpolitikerin wurde, war mein erster Einsatz für den Erhalt eines Frauenhauses, weil wir vor Ort eine ganz tolle kommunale Gleichstellungsbeauftragte hatten. Das musste einfach jeder mitmachen. Deshalb bin ich sozusagen in der Politik mit den Gleichstellungsbeauftragten groß geworden. Ich bin ja nun noch nicht solange dabei. Und deshalb weiß ich die Arbeit der Gleichstellungsbeauftragten zu schätzen. Und deshalb bin ich sehr Stolz darauf, dass wir in Zeiten, wo es nicht so gemütlich ist, beim Finanzminister Geld zu bekommen, es geschafft haben, dass zukünftig die Gleichstellungsbeauftragten mehr Stellen bekommen, in dem ihre stellvertretenden Gleichstellungsbeauftragten auch Arbeit übernehmen können. Nicht nur dann, wenn die Gleichstellungsbeauftragte krank ist, sonst auch konkret bei der Arbeit unterstützen kann, mehr Stellen dafür, das ist keine Selbstverständlichkeit und das ist auch eine Anerkennung für die gute Arbeit, die die Gleichstellungsbeauftragten leisten."

[Applaus]

"Und ja, wir haben auch in diesem Gesetz übertragen, was wir in der Privatwirtschaft haben. Nämlich eine Geschlechterquote. Wir haben nämlich in der Privatwirtschaft gar keine Frauenquote, sondern eine Geschlechterquote. Wenn irgendwann mal das Luxuxproblem eintritt, könnte es auch sein, dass die Quote für Männer zieht. Auf diesen Tag warten wir aber noch. Im öffentlichen Dienst war es bisher so, dass die Gleichstellungsbeauftragten den Auftrag hatten Frauenförderung zu unterstützen, wenn Frauen strukturell benachteiligt sind, was sie fast überall sind. Das bleibt auch so, was wir aber möchten ist und das ist das neue Ziel dieses Gesetzes. Wir möchten, dass auf allen Ebenen es gemischte Teams gibt - die gleiche Idee, die wir in der Privatwirschaft  haben, Männer und Frauen gemeinsam auf Augenhöhe und ich finde es wichtig,

Es wird keine Frauenförderung ohne die Männer geben, Es ist wichtig, was nicht nur die Männer eingeladen werden und gefragt werden. 'Wie läuft das denn für euch so mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.' Es ist auch wichtig, dass die Männer eingeladen werden und gefragt werden – auch im öffentlichen Dienst. Nur wenn Männer endlich in Teilzeit gehen, für ihre Kinder, nur wenn Männer mehr in Eltern-Teilzeit gehen, dann wird es Gleichberechtigung geben und das ist nicht gegen Frau, sondern es unterstützt Frauen und ich werben für die Idee der modernen Gleichstellungspolitik maixmale Unterstützung, aber auch dadurch, dass wir Männer mit auf diesen Wegh nehmen. Nicht diese Männder von gestern, aber die modernen Männer von heute, die auch für ihre Kinder da sein wollen, die auch ihrer Partnerin den Rücken stärken wollen und die genau das erleben. Das sie dafür belächelt werden, diese Männer müssen wir auch unterstützen. Das gehört zur modernen Gleichstellungspolitik und das bringt uns Frauen auch voran."

[Applaus]

"Deshalb werbe ich hier zum Schluss bei allen demokratischen Fraktionen - es gibt zum Glück im Bundestag nur demokratische Fraktionen - ich habe dieses Wording immer noch als Meck-Pomm da sitzt nämlich die NPD, da muss man sich irgendwie abgrenzen, aber das ist im Bundestag zum Glück nicht so - das darf auch nicht so sein. Alle Fraktionen im deutschen Bundestag haben ihren Beitrag du geleistet, dass wir morgen diesen historischen Schritt gehen. Die vielen Frauen und Männer sind heute hier und ich weiß, dass das Politik-Geschäft so ist, sie in der Regierung sind, sind doof und die Opposition muss dagegen sein und die Regierung ist überheblich gegenüber der Opposition. Beides ist ziemlich doof. Fakt ist, dass man sich bei vielen Punkten streiten kann, aber wenn wir was für die Frauen erreichen wollen, dann sollten wir morgen ein gemeinsames Zeichen setzen. Dieses Gesetz hat Mütter und ein paar Väter, die in allen Fraktionen sitzen, deswegen werbe ich dafür,: Stimmen Sie alle zu. Es wäre ein starkes Zeichen für die Frauen. Keine kleinlichen Streitereien, sondern ein starkes Zeichen für die Frauen."

[Applaus]

"Liebe Gäste, die Quote kommt. Es ist ein historischer Schritt, und wir haben allen Grund, diesen Schritt heute gemeinsam zu feiern, aber wir halten uns damit natürlich nicht auf. Ich habe es im letzten Jahr versprochen, dass wir den Gleichstellungsbericht mit der Lebensverlaufsperspektive aus der Schublade holen und endlich was draus machen. Und wir machen viel. Neben dem Thema Frauen in Führungspositionen muss es natürlich mit dem Thema gleichen Lohn für gleiche Arbeit, mehr Lohngerechtigkeit weiter gehen. Wir müssen endlich dafür sorgen, dass sich die Entgeltlücke zwischen Frauen und Männern schließt. Sie liegt bei 22%. Es gibt nicht die eine Antwort dafür, aber es gibt viele Gründe und die Gründe rechtfertigen nicht, wir brauchen kein Gesetz. Die Gründe für die Lohnungerechtigkeiten sind teilweise so schlecht, dass wir dringend ein Gesetz brauchen und ich werbe bei den Tarifpartnern, bei Gewerkschaften - ich weiß, da renn ich offene Türen ein, aber auch Unternehmern dafür, lassen Sie uns gemeinsam schauen, wo sind die Ursachen für die Ungerechtigkeiten und lassen Sie uns dafür sorgen, dass wir diese Entgeltlücke schließen. Ich weiß, dass es viele Verbände unterstützen es unser gemeinsames nächstes großes Projekt und ich glaube, es ist Fakt, Gleichberechtigung gibt es nur, wenn Frauen und Männer fair bezahlt werden. Das muss auch im Interesse jedes Mannes sein, dass seine Frau fair bezahlt wird und jedes Vaters, dass seine Tochter fair bezahlt wird."

[Applaus]

"Eine Ursache für diese Ungerechtigkeit für diese Entgeltlücke liegt darin, dass vor allem die Männer Vollzeit arbeiten – die sind alle an Bord – fast 100% also Vollzeit und Frauen zwar stärker in die Berufstätigkeit gehen, aber sie hängen alle bei ihren durchschnittlich 19 Stunden. Und die Männer in Vollzeit in typischen Jobs, die Männerjobs, die gut bezahlt werden und die Frauen unten in der kleinen Teilzeit, das ist ein großer Grund für die Lohnlücke. Und ganz interessant ist, dass es immer mehr Männer gibt, vor allem junge Väter, die sagen: “Ich würde eigentlich gerne auch ein Stück reduzieren zugunsten meiner Kinder.“ Jeder zweite Vater sagt das und viele Frauen sagen: „Ich will da nicht bei 19 Stunden hängen“, das sagt vor allem jede zweite Mutter. „Ich möchte gerne hoch, weil ich dann bessere Einkunftsperspektiven habe, weil jeder weiß, diese kleine Teilzeit heißt schlechte Lohnbedingungen, schlechte Perspektiven.“ Aber das gleichstellungspolitische Ziel kann nicht sein, dass wie auch immer die Frauen in den Stunden hochgefahren werden auf 40 Stunden, gleichzeitig aber für ihre Kinder da sind, für ihre pflegebedürftigen Angehörigen und noch ehrenamtlich sich betätigen. Das kann nicht Ziel von Gleichstellungspolitik sein. Ziel von Gleichstellungspolitik muss sein, dass wir die Zeiten für Arbeit und die Zeiten für Familie anders verteilen und das ist die Idee der Familienarbeitszeit, dass es sich annähert zwischen Frauen und Männern. Nicht starr fest vorgegeben, aber eine Annäherung erfolgt. Das ist die Idee der Familienarbeitszeit und ich finde es ist eine wertvolle Idee für sie zu kämpfen, weil sie am Ende auch den Frauen und Männern hilft."

[Applaus]

"Und mit der Familienarbeitszeit ist es so wie es wie es mit der Frauenquote war, bloß dass ich diese Vorgeschichten nicht alle mitmachen musste, weil die sind schon 30 Jahre her. Als die ersten über Frauenquote gesprochen haben, haben sich alle aufgeregt. Auch noch vor 5 Jahren, als ich mein erstes Interview zur Frauenquote gemacht habe, sind alle über mich her gefallen. Da hat sich ja vieles geändert. Als ich im letzten Jahr das erste Mal die Idee der Familienarbeitszeit 32 Stunden/Woche vorgeschlagen habe, war zum Glück das gleiche Muster. Es gab wieder einen, der es nicht verstanden hat und gesagt hat: 'Finden wir nicht gut.' Persönlicher Debattenbeitrag. Ist aber nicht schlimm, weil nur durch Streit fliegt ein Thema. Und jetzt ein Jahr später haben wir ein Gesetz, das ElterngeldPlus, das genau den Gedanken der Familienarbeitszeit verfolgt. Das junge Väter und Mütter in Teilzeit gehen können, partnerschaftlich gleichberechtigt und dafür unterstützt werden. Jetzt ein Jahr später haben wir die Familienpflegezeit, die einen ähnlichen Gedanken trägt. Jetzt ein Jahr später schreiben große Medien, wie zum Beispiel die Zeit über die Familienarbeitszeit nicht unter Schöner Leben, sondern im Dossier Wirtschaft, weil sie erkannt haben, dass das ein Thema ist, wie Frauen mehr in die Berufstätigkeit können, wie aber vor allem auch Frauen und Männer sich Zeit für Familie und Arbeit besser teilen können. Ich bin sicher, das ist ein Modernisierungsthema, das uns noch in den nächsten Jahren begleiten wird und ich danke all denjenigen, die das auch unterstützen."

[Applaus]

"Auch das Thema Gewalt gegen Frauen ist ein gemeinsames Herzensanliegen und ich freue mich, dass es uns gelungen ist, das Hilfetelefon noch bekannter zu machen über 100 000 Frauen haben sich dort bereits gemeldet und sich Hilfe geholt und das ist nur dadurch möglich, weil es die Frauen und Männer gibt, die dieses Telefon bekannt machen. Herzlichen Dank noch mal all denjenigen, die heute da sind als Unterstützer, sie helfen damit ganz konkret Frauen, die in masiver Not sind, weil sie wissen, da bekomme ich Hilfe und weil sie endlich aus dieser gewaltspirale raus kommen, da kann man ganz konkret etwas tun - Sie tun das - herzlichen Dank dafür."

[Applaus]

"Der Kulturwandel hat begonnen. Ich möchte zum Schluss das internationale Umfeld betrachten. Eine ähnliche Vision hat 1995 die Aktionsplattform der Vierten Weltfrauenkonferenz in Peking formuliert. 'Eine Welt, in der jedes Kind frei von Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Ungleichheit seine Fähigkeiten frei entfalten kann.'

In der nächsten Woche zieht die Frauenrechtskommission der Vereinten Nationen in New York Bilanz. Ich fahre mit gemischten Gefühlen dorthin. Denn was ist aus der Aufbruchsstimmung von Peking geworden, 20 Jahre später? Kein Land. Kein einziges Land der über 190 Länder der UN hat die vollständige Gleichberechtigung für Frauen und Mädchen erreicht. Das räumt die Deklaration, die wir in New York verabschieden, offen ein. Aber das ist ehrlich gesagt noch milde ausgedrückt.

Wir leben in einer Welt, die aus den Fugen gerät. Krieg, Bürgerkrieg, Gewalt, Terror - jeden Tag sehen wir die Bilder. Wir sehen Panzer, Raketen, Soldaten, Milizen, Fanatiker - Frauen und Kinder sehen wir selten. Aber die Frauen und Kinder sind es, die die ersten Opfer von Gewalt und Krieg sind. Es wird Krieg gegen Frauen geführt, um Menschen einzuschüchtern und Macht zu erhalten.

Und nach dem Krieg entscheiden die Vergewaltiger darüber, wie die Mittel für den Wiederaufbau eingesetzt und verteilt werden. Jeden Tag werden die Rechte von Frauen mit Füßen getreten.

Das macht mich wütend, und es fällt mir schwer, zu glauben, dass sich die Situation von Frauen seit Peking wirklich verbessert hat.

Jede Gewalt gegen Frauen verletzt Menschenrechte. Jede Gewalt gegen Frauen ist ein Verbrechen. Wenn Frauen in Kriegen und Bürgerkriegen vergewaltigt werden, ist das ein Verbrechen.  Wenn Frauen im Namen religiöser Ideologien unterdrückt, bedroht und geschlagen werden, ist das ein Verbrechen. Keine Religion der Welt rechtfertigt es, die Rechte von Frauen zu missachten."

[Applaus]

"Wenn Frauen, wenn mutige Frauen, die sich für die Demokratie und die Menschenrechte einsetzen, angeklagt, eingesperrt und gefoltert werden, ist das ein Verbrechen. Und wenn Frauen von ihren Partnern geschlagen werden, dann ist das nicht Privatsphäre, sondern dann ist das ein Verbrechen."

[Applaus]

"Und deshalb setzt sich Deutschland an der Seite von vielen anderen Staaten, von UN Women und von Nichtregierungsorganisationen dafür ein, dass Gleichberechtigung als eigenständiges Ziel in die Post-2015 Agenda für nachhaltige Entwicklung aufgenommen werden soll. Aber es reicht nicht aus, Papiere zu schreiben und Beschlüsse zu fassen.

Wir müssen die Lebenswirklichkeiten von Frauen verändern. Überall auf der Welt. Und dazu müssen Frauen teilhaben, dort, wo es um Macht, Geld und Einfluss geht. An den Schalthebeln der politischen Macht. In den Spitzenpositionen der Unternehmen. Dort, wo Frauen teilhaben und mitbestimmen, dort tut sich etwas für Frauen. Dort macht der Blick in andere Länder Mut.

Fabiola Gianotti, eine italienische Physikerin, wird ab Januar 2016 die Leitung des CERN übernehmen. Die erste Frau an der Spitze des weltweit größten Forschungszentrums für Teilchenphysik. Mit über 3.000 Beschäftigten und 10.000 Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftlern. Es gibt keine qualifizierten Frauen mit naturwissenschaftlicher Ausbildung für Spitzenpositionen? Diese Ausrede lasse ich nicht mehr gelten!

Frau Botschafterin, Exzellenz, Sie werden uns gleich berichten, wie die Frauenquote in Norwegen funktioniert. Die norwegische Wirtschaft ist ja nicht untergegangen. Auch diese Ausrede lassen wir nicht mehr gelten.

Und eine indische Frauenrechtlerin, Urvashi Butalia, bezeichnet die Frauenquote in der Lokalpolitik ihres Landes als wichtige Entwicklung für die Frauenrechte in Indien. Weil Frauen dadurch vor Ort mitbestimmen können. Und dort, wo Frauen mitbestimmen können, besteht eine größere Chance auf kulturellen Wandel.

Dort besteht eine größere Chance, dass Gewalt wirklich geächtet wird und dass der Staat Gesetze gegen Gewalt macht.

Frauen, das zeigt die Erfahrung an vielen Orten der Welt, machen andere Politik: nachhaltiger, weitsichtiger, sozialer.

Deutschland hat internationale Verantwortung, und deshalb ist es gerade am Internationalen Frauentag wichtig, zu sagen: „Wir haben nicht nur die Frauen in Deutschland im Blick, sondern auch die Situation von Frauen in anderen Ländern.“ Ich setze mich dafür ein, dass die Bundesregierung überall, wo wir Einfluss haben uns aktiv für die Rechte und Teilhabe von Frauen einsetzt.

Ich bin fest davon überzeugt, Änderung ist nicht nur in Deutschland möglich, wir können die Welt verändern. Ich bin fest davon überzeugt, dass wenn Frauen beteiligt werden, gerade da wo Krisenregionen sind, dass dann Frieden möglich ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass es keinen Frieden ohne Frauen geben kann."

[Applaus]

"Meine Damen und Herren, wir stehen vor einem großen Kulturwandel, hier in Deutschland hat er begonnen. Lassen Sie uns das feiern, was wir im letzten Jahr gemeinsam erreicht haben! Lassen Sie uns gemeinsam in die Zukunft schauen: reden, diskutieren, planen, uns weiter verbünden, gemeinsam miteinander kämpfen!

Ich wünsche uns einen schönen Abend. Feiern Sie lange, aber machen sie morgen früh trotzdem um 9 Uhr Phoenix an.

Die Quote kommt."

[Applaus]