Rede im Bundestag

Dr. Franziska Giffey: Unterstützung vor, während und nach der Adoption

Rein statistisch werden in Deutschland jeden Tag zehn Kinder adoptiert. "Wir wollen, dass Menschen, die in ihrer Kindheit adoptiert wurden, und ihre Familien gut begleitet sind - in der Adoption selbst und danach", betonte Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey am 29. Januar bei der ersten Lesung zum Entwurf des Adoptionshilfe-Gesetzes im Deutschen Bundestag. Die neuen Regelungen sollen im Sommer 2020 in Kraft treten.

[Dr. Franziska Giffey steht am Rednerpult des Deutschen Bundestages.]

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Adoption ist ein hochsensibles Thema. Wir wollen aber, dass es kein belastendes Thema wird und dass Menschen, die in ihrer Kindheit adoptiert wurden, und ihre Familien gut begleitet werden – bei der Adoption selbst, aber auch danach, in ihrem späteren Leben. Rein statistisch werden in Deutschland jeden Tag zehn Kinder adoptiert. Im Jahr 2018 waren es insgesamt 3.733 Kinder. Über 95 Prozent der Adoptionen erfolgten im Inland, 176 waren Auslandsadoptionen. Man könnte sagen: Das sind keine hohen Fallzahlen. Aber für die betroffenen Kinder und ihre Familien bedeutet eine solche Entscheidung die Welt. Mit dem Adoptionshilfe-Gesetz wollen wir die Unterstützung vor, während und nach der Adoption verbessern, für jedes Kind, egal ob in Deutschland oder im Ausland adoptiert, egal ob es in einer Adoptivfamilie aufwächst oder vom neuen Partner oder von der neuen Partnerin eines Elternteils adoptiert wird. Wir wollen Familien in den verschiedenen Situationen ihres Lebens stärken. Man kann sich unser Adoptionshilfe-Gesetz wie ein Haus vorstellen. Unter dem Dach der Adoptionsvermittlungsstellen in Deutschland gibt es vier tragende Wände: Beratung, Aufklärung, Vermittlung und Begleitung. Und diese wollen wir stärken. Erstens wollen wir einen Rechtsanspruch auf Beratung und Begleitung nach der Adoption einführen, damit Familien die nötige Unterstützung bekommen, wann immer sie diese brauchen. Die benötigte Hilfe kann sehr unterschiedlich sein. Zum Beispiel, wenn eine Mutter in einer schwierigen Situation ist und vor der Entscheidung steht, ob sie ihr Kind zur Adoption freigibt. Vielleicht wünscht sie sich auch später noch Kontakt oder Informationen über ihr Kind. All das muss sensibel begleitet werden. Und nicht immer ist ein Informationsaustausch oder Kontakt das Beste für alle Seiten. Deshalb sollen die Adoptionsvermittlungsstellen gestärkt werden. Das ist auch wichtig, wenn die Adoptivfamilie Fragen zur Entwicklung des Kindes hat, wenn es schwierige Vorerfahrungen des Kindes gibt und Beratung gebraucht wird. Wir wollen eine verpflichtende Beratung bei Stiefkindadoptionen einführen, also wenn Kinder von der neuen Partnerin oder dem neuen Partner eines Elternteils adoptiert werden. Die Adoptionsvermittlungsstelle muss hier sicherstellen, dass die Adoption dem Kindeswohl dient und nicht aus anderen Motiven heraus geschieht, beispielsweise wegen Unterhaltsstreitigkeiten oder weil der andere Elternteil aus der Familie gedrängt werden soll. Das sind Fragen, wo es Beratung und Unterstützung braucht. Wir wollen – zweitens – mit dem Gesetzentwurf einen offeneren Umgang mit dem Thema Adoption innerhalb der Adoptivfamilien, aber auch zwischen der Herkunfts- und der Adoptivfamilie fördern. Kinder haben das Recht, zu wissen, wo sie herkommen. Das ist wichtig für ihre Entwicklung. Wir wollen deshalb eine altersgerechte Aufklärung der Kinder unterstützen und auch den Kontakt zwischen Herkunfts- und Adoptivfamilie fördern, soweit es die Eltern wünschen. Zudem wollen wir auch die Rechte der Herkunftseltern stärken, beispielsweise mit dem Recht, Informationen aus der Adoptivfamilie zu bekommen – allerdings nur, wenn die Adoptivfamilie diese Informationen freiwillig bei der Adoptionsvermittlungsstelle hinterlegt. Auf diese Weise werden beide Familienteile gestärkt. Drittens wollen wir auf das Thema Vermittlung setzen. Die Adoptionsvermittlungsstellen sind der Anker der Vermittlungen, und wir wollen ihre Strukturen stärken, indem wir einen klaren Aufgabenkatalog festlegen und die Kooperation zwischen den verschiedenen Fachstellen verbessern. Und viertens wollen wir die Auslandsadoptionen besser begleiten; knapp 200 sind es im Jahr. Wir wollen unbegleitete Auslandsadoptionen grundsätzlich untersagen und ein verpflichtendes Anerkennungsverfahren für Adoptionen aus dem Ausland einführen. Das wollen wir tun. Insgesamt sind es keine hohen Fallzahlen, über die wir hier sprechen. Dennoch ist es wichtig, über diese Fälle, über die besonderen Familiengeschichten zu sprechen und zu ermöglichen, dass die Kinder in diesen Familien ihren Weg gehen können, egal ob in der leiblichen oder adoptierten Familie. Darum kümmern wir uns. Vielen Dank.