Rede im Bundestag

Christine Lambrecht zum Zweiten Führungspositionen-Gesetz

Der Deutsche Bundestag hat am 11. Juni das Zweite Führungspositionen-Gesetz beschlossen. Das Gesetz sieht einen Mindestfrauenanteil für Vorstände mit mehr als drei Mitgliedern in großen deutschen Unternehmen vor. Außerdem gibt es nun verbindliche Vorgaben für die Wirtschaft und den öffentlichen Dienst. "Das ist ein ganz wichtiges Signal an Frauen: Ihr könnt jeden Beruf ergreifen, wenn ihr entsprechend qualifiziert seid", betonte Bundesfrauenministerin Christine Lambrecht.


[Die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Christine Lambrecht, spricht zum Deutschen Bundestag. Es gilt das gesprochene Wort.]


Christine Lambrecht

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Das ist voraussichtlich meine letzte Rede als Bundestagsabgeordnete, weil ich mich nach 23 Jahren Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag dazu entschieden habe, nicht erneut anzutreten. Deswegen ist bei dieser Rede ein bisschen Wehmut dabei. Aber ich muss sagen: Ich bin meiner Fraktion sehr, sehr dankbar, dass ich ausgerechnet zu diesem wichtigen Thema meine letzte Rede hier im Deutschen Bundestag halten darf. 

[Applaus aus dem Bundestag.]

Christine Lambrecht

Ein Thema, bei dem wir deutlich machen: Wir durchstoßen erneut eine gläserne Decke, durch die qualifizierte Frauen davon abgehalten wurden, in Führungspositionen zu kommen. Wir verschaffen dem Grundsatz, dass bei der Besetzung von Positionen die Qualifikation das Alleinentscheidende sein muss – und eben nicht das Geschlecht –, weiter Durchbruch, meine Damen und Herren.

[Applaus aus dem Bundestag.]


Christine Lambrecht

Es hört sich so einfach an und es hört sich auch so selbstverständlich an, dass die Qualifikation das Allesentscheidende ist, aber das war ein harter Kampf.

Petra Pau

Entschuldigen Sie, Frau Ministerin. – Darf ich um etwas mehr Ruhe und Anstand bitten. – Danke.

Christine Lambrecht

Das hört sich so einfach und so selbstverständlich an, aber ich kann Ihnen aus diesen 23 Jahren berichten, dass das ein harter Kampf war. In meiner ersten Legislaturperiode waren wir im Jahr 2001 schon mal fast davor, eine Quote für Aufsichtsräte zu beschließen – noch nicht mal das war damals der Fall –, und dann gab es ganz viele Stimmen aus der Wirtschaft, die gesagt haben: Das braucht ihr nicht gesetzlich zu regeln; so eine Quote brauchen wir nicht. Das machen wir schon aus eigenem Interesse, weil wir die vielen gut qualifizierten Frauen in unseren Unternehmen haben wollen. – Wir haben uns damals davon überzeugen lassen. Danach ist lange, lange nichts passiert. Deswegen haben wir dann im Jahr 2015 die Quote für Aufsichtsräte beschlossen, ein ganz wichtiger Schritt. Heute gehen wir mit der Quote in Vorständen einen Schritt weiter. Es ist ein ganz wichtiges Signal an Frauen: Euch steht alles offen. Ihr könnt jeden Beruf ergreifen. Euch steht die Welt offen, wenn ihr entsprechend qualifiziert seid. Nutzt die Chance! – Das ist ein wichtiges Signal, das ich auch gerne von dieser Stelle aus senden möchte.

[Applaus aus dem Bundestag.]

Christine Lambrecht

Das alleine reicht aber nicht, sondern es ist noch viel Arbeit zu leisten, dass dann auch die Bezahlung stimmt, damit es dann nicht wieder daran hapert und Unterschiede gemacht werden. Auch hier muss der Grundsatz gelten: Die Qualifikation und nicht das Geschlecht entscheidet. Da haben Sie für die Zukunft noch richtig viel zu tun. Wir sind noch lange nicht da, wo wir eigentlich schon längst sein sollten. Dafür wünsche ich Ihnen allen alles Gute, viel Erfolg und genauso konstruktive Verhandlungen, wie ich sie in diesen 23 Jahren erleben durfte. Es waren immer gute Verhandlungen. In den meisten Fällen waren sie konstruktiv, und in den meisten Fällen ist man auch fair mit mir umgegangen. Ich wiederum hoffe, dass ich ebenfalls fair mit all denjenigen umgegangen bin, die mit mir verhandelt haben. Ich weiß, ich kann manchmal sehr beharrlich sein und immer wieder mit dem gleichen Thema kommen. Das nervt vielleicht manchmal, aber es ist auch notwendig, denn nur Beharrlichkeit führt zum Ziel. Das kann man gerade auch bei diesem Thema sehen. Sollte ich dennoch jemandem mal auf den Fuß getreten sein, dann bitte ich dafür um Entschuldigung. Es war nie persönlich gedacht, sondern hatte etwas damit zu tun, dass ich für diese Themen brenne. Präsidentin Pau hat vorhin aufgefordert, bei den letzten Reden nicht allzu viele Dankesworte zu verlieren. Ich sage Danke an alle. Das werde ich ganz vielen auch noch persönlich sagen. Ich möchte mich mit einem Satz aus einem Lied der wunderbaren Trude Herr verabschieden: „Niemals geht man so ganz“. Vielen Dank.