Ein Ereignis - Sechs Geschichten

30 Jahre Mauerfall und Friedliche Revolution

2019 steht im Zeichen des 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls. Aus einem geteilten Deutschland wurde wieder eins. Nicht nur das Land war gespalten, die Mauer trennte jahrelang Familien, Freunde und Nachbarn. Vom Revolutionsjahr 1989, der wiedererlangten Freiheit und über die Wendezeit haben fast alle eine eigene Geschichte zu erzählen. Sechs davon haben wir uns angehört. Ein bewegender Rückblick auf die Vergangenheit, die Frage nach wirklicher Einheit und der Blick in eine gemeinsame Zukunft.

[Zu sehen sind junge Menschen, die euphorisch die Berliner Mauer erklimmen. Es ist ein regnerischer, grauer Tag. Im Hintergrund ist das Brandenburger Tor zu sehen.]

Die Tage davor waren ja schon sehr bewegt und man war innerlich unruhig und aufgeregt.

[Rückblende: Viele Menschen drängen 1989 in Richtung Mauer, rennen jubelnd über die Grenze. Im Hintergrund Fotografen, Kameraleute und Polizisten, Fahnen und Banner werden geschwenkt.]

Dann haben wir natürlich darüber diskutiert und haben den Fernseher angemacht und haben geguckt, was da eben abgeht und es konnte eigentlich keiner so wirklich glauben.

Als die Mauer fiel, hat es mich so überwältigt, ich konnte überhaupt nichts sagen. Ich habe nur geweint.

Dass es so gut ausgeht! Also das hätte auch wirklich anders sein können.

[Einblendung: 30 Jahre Mauerfall. Ein Ereignis. Sechs Geschichten. Die Transformation. Menschen strömen in Massen an der Berliner Mauer vorbei. Auf einer animierten Deutschlandkarte verschwindet die Grenzlinie zwischen Ost und West.]

Meine Eltern sind nach Westdeutschland gegangen und ich musste zu dem Zeitpunkt damit rechnen, so, wie die Situation war, dass ich sie so bald nicht wiedersehe.

[Bärbel Werner läuft durch die Straßen. Es wird bei ihr zuhause gestartet und endet an ihrem Arbeitsplatz.]

Als die Mauer fiel, saß ich zu Hause vorm Fernseher. Wir haben Nachrichten geschaut und plötzlich wurde die Mitteilung verlesen, dass ab sofort Besuche im Westteil Deutschlands möglich sind - ja. und das habe ich als Maueröffnung gar nicht so realisiert. Dass dann wirklich die Grenze offen ist, das habe ich nicht so erfasst, in dem Moment. Dann bin ich am nächsten Tag früh in den Kindergarten und die wussten darüber Bescheid. Da sagte mir die Kindergärtnerin: Jetzt kannst du deine Eltern besuchen. In dem Moment hat es so richtig „klick“ gemacht.

[Aufnahmen vom Wacker Chemiewerk Nünchritz.]

Viele Erzeugnisse, die hergestellt wurden, waren plötzlich nicht mehr gefragt. Und dann gab es in den nächsten Jahren einige Entlassungswellen. Das war früher überhaupt kein Thema. Da gab es kein Konkurrenzdenken zwischen den Kollegen und das kam dann doch relativ schnell auf. Meine Kollegin und ich, wir haben darüber gesprochen, sollte es soweit kommen, dass es einen von uns beiden erwischt mit einer Entlassung, dann macht er dem anderen keine Vorwürfe und dann war es dann plötzlich doch so, dass sie nicht mehr mit mir gesprochen hat. Da kann man wahrscheinlich vorher alles Mögliche ausmachen und vereinbaren – wenn es einen dann doch in der Praxis erwischt, ist es dann doch hart. Jede Woche gab es irgendwas, was sich verändert hat. Da musste man sich schnell drauf einstellen. Mit einem schlechten Gewissen konnte man sich nicht ewig aufhalten.

[Bärbel Werner telefoniert an ihrem Schreibtisch und macht sich Notizen. Einblendung: Die Herausforderung. Aufnahmen von der Innenstadt, Hausfassaden und Modellen von Eisenhüttenstadt.]

Eisenhüttenstadt war ja zur Entstehungszeit ein Versprechen in die Zukunft. Eine neue Stadt für neue Menschen. Eisenhüttenstadt wurde ja 1950 in Verbindung mit dem Werk gebaut. Die Stadt war auf Wachstum ausgelegt, 1989 waren es 50.000. Der Mauerfall begann für mich mit dem Zettel von Herrn Schabowski und den Nachrichten. Daraus ergaben sich eigentlich blanke Fragen.

[Gabriele Haubold sitzt in ihrem Büro, im Hintergrund hängen Stadtpläne an der Wand. Zudem sieht man Aufnahmen von Fabriken und Stadtplänen aus Eisenhüttenstadt.]

Nach der Wende war die Atmosphäre in Eisenhüttenstadt so ein bisschen zweigeteilt. Die Leute waren natürlich euphorisch, die Leute waren in einer Aufbruchsstimmung, auf der einen Seite. Vor allem die jungen Leute haben die Stadt verlassen, wegen den neuen Möglichkeiten. Auf der anderen Seite aber die Ungewissheit mit dem Eisenhüttenkombinat Ost.

[Aufnahmen des Eingangstores und des Betriebsgeländes der EKO STAHL GmbH.]

Diese Stadt hat in den 90er Jahren, sehr leidvoll, die Privatisierung des Werkes über mehrere Etappen mitmachen müssen. Die Solidarität war damals unheimlich groß, obwohl auch klar war, dass man die Privatisierung des Werkes nicht schafft, ohne Leute entlassen zu müssen. Trotzdem sind natürlich die Leute gegangen, weil sie gesagt haben: Ich habe hier vielleicht keine Zukunft. Und da muss ich sagen, das kann man den Leuten nicht übelnehmen, dass sie dann gesagt haben: Ok, woanders werden wir gebraucht und da gehen wir jetzt hin.

[Einblendung: Die Entscheidung. Es werden Nahaufnahmen von Kaffeetassen und Kuchen auf einem gedeckten Tisch gezeigt. Sigrid Guthmann sitzt auf ihrem Sofa, im Hintergrund viele Pflanzen.]

Ich habe mich entschieden, zu gehen, weil ich mit den Lebensumständen nicht zufrieden war, dass das wieder los ging mit „Uniformtragen“. Das war eine innere Ablehnung. Ich habe mich dann im eigenen Land nicht mehr wohlgefühlt.

[Siegrid Guthmann sitzt bei Kaffee und Kuchen mit ihrem Mann am Tisch.]

Die Mauer existierte damals noch nicht. Dann kam ich in West-Berlin an. Mein Leben ging von unten nichts, ich war mit 30 im eigenen Haus, als ich 40 war, war es bezahlt. In der DDR, da ging das in die umgekehrte Richtung. Meine Cousine hatte studiert und hatte einen hervorragenden Abschluss gemacht. Sie wurde auch gleich Laborleiterin und eines schönen Tages sagte sie zu mir, du hast nicht studiert, aber dir geht es besser als mir. Wir haben eben 40 Jahre lang auf zwei Schienen gelebt und das braucht noch ein bisschen länger, bis sich das angleicht.

[Sigrid Guthmann läuft Hände haltend mit ihrem Mann durch Plauen. Einblendung: Die Zukunft. Peter Lippert sitzt in einem Klassenzimmer. Man sieht Eindrücke der bunt bemalten Hausfassaden der Freien Oberschule Leipzig.]

Als die Mauer fiel, war ich ein halbes Jahr alt. In meiner Biographie persönlich hat der Mauerfall nicht den höchsten Stellenwert. Eher wirklich, was die Familie betrifft, wenn ich meine Großeltern anschaue, die deswegen Berufe verloren haben, weil sie West-Bekannte hatten und die illegaler Weise getroffen haben. Das ist natürlich etwas, was auch mich irgendwie geprägt hat, aber nicht direkt.

[Jugendliche laufen in Zeitlupe auf den Pausenhof und spielen Fußball.]

Bei den Jugendlichen erlebe ich das Thema, ob es noch einen Ost-West- Konflikt gibt, gar nicht mehr. Die Schüler nehmen sich auch gar nicht als Ost-Deutsche war, sondern nehmen sich als Deutsche oder als Europäer wahr. Ich würde mir von der Politik wünschen, dass das Thema Ost-West nicht mehr auf den Schultern der Kinder ausgetragen wird. Wenn Kinder sich begegnen und auch Jugendliche, dann thematisieren die nicht als erstes Andersartigkeit, sondern Gemeinsamkeiten, die sie haben. Vielleicht ist das auch etwas, was man von Jugendlichen lernen kann.

[Peter Lippert erklärt Schülerinnen und Schülern im Klassenzimmer ein mathematisches Problem. Einblendung: Die Rückkehrerin. Es werden Fotos von Stephanie Auras-Lehmann im jungen Alter gezeigt. Dann sieht man sie (in der heutigen Zeit) sitztend vor einer Bartheke.]

Ich habe 2001 mein Abitur gemacht. Ich bin dann nach Hessen gegangen, zu einem Tourismusstudium. Das war für mich erstmal die große Freiheit. Ich wollte unbedingt etwas Neues kennenlernen, neue Menschen, neue Leute, auch eine neue Umgebung haben. Aber ich habe Heimweh gehabt und ich habe mich dann auch mit meiner Identität auseinandergesetzt, das erste Mal. Dass ich aus dem Osten komme. Und ich musste mich dann auch erstmal ein bisschen durchkämpfen.

[Stephanie Auras-Lehmann betrachtet mit ihren Eltern alte Kinderfotos.]

Ich habe mich dann 2009 entschieden, nach Finsterwalde zurückzukehren. Ich hatte auch hier wieder Herausforderungen, um hier wieder Fuß zu fassen. Ich habe keinen Job gefunden. Ich habe über 145 Bewerbungen geschrieben. Dann habe ich mich im Arbeitsmarkt weitergebildet und bin quereingestiegen. Ich habe 2012 die Rückkehr-Initiative Comeback Elbe-Elster gegründet und ich denke, dass man jetzt auch sieht, dass sich hier etwas bewegt. Die Wirtschaft hat sich hier auch verbessert. Vor 10 Jahren, als ich hierhergekommen bin, gab es kaum Jobs, aber jetzt habe ich das Gefühl, es geht voran. Ich denke, dass „Ost/West“ hoffentlich kein Thema mehr ist, wenn meine Kinder Kinder bekommen. Das ist mein großer Wunsch. Ich denke, dass man da aber auch ganz viel tun muss dafür. Ich hoffe, dass wir das in den nächsten 30 Jahren hinbekommen.

[Stephanie Auras-Lehmann trifft auf Bundesministerin Dr. Franziska Giffey und läuft mit dieser durch Finsterwalde. Einblendung: Die Demokratie. Sebastian Krumbiegel sitzt auf einer Bühne am Klavier und musiziert.]

Für mich ist es immer wichtig gewesen in allererster Linie Musik zu machen und das damit zu verbinden, diese Musik mit Inhalten zu füllen, die mir wichtig sind. Damals wurde für demokratische Grundwerte gestritten. Diese demokratischen Grundwerte sind erstritten worden. Das heißt, wir leben heute hier nicht mehr in einem Willkür-Staat, sondern in einem Staat, in dem jeder sagen kann, was er will. Auch, wenn sofort wieder Leute reingrätschen und sagen, wir dürfen heute nicht mehr sagen, was wir wollen. Das ist ein Irrtum. Jeder darf sagen, was er will. Jeder darf seine Meinung äußern. Das müssen wir erstmal ganz klar festhalten. Dass sich da so vieles zum Guten verändert hat. Dass wir froh sein sollten, alle miteinander, dass das so ist. Dass nicht alles Gold ist, was glänzt, das wissen wir auch und dass die Demokratie ein zartes Gebilde ist, das täglich gestreichelt und gepflegt werden muss, das sollten wir uns immer wieder hinter die Ohren schreiben. Wir sollten immer darauf achten, dass Menschlichkeit und Humanität und eben Demokratie die Oberhand behalten, und nicht Hate Speech und dieser ganze Wahnsinn, der passiert. Ich mache mir Gedanken darüber, schreibe Lieder drüber und versuche damit auf meine Art klarzukommen und Leute zu ermutigen, selbst klar und gerade zu stehen.

[Einblendung: weitere Informationen: www.bmfsfj.de/mauerfall]