Berlin

Bundesministerin Manuela Schwesig beim Empfang des Bundesfamilienministeriums anlässlich des Internationalen Frauentags

Es gilt das gesprochene Wort 

Sehr geehrte Damen und Herren,

morgen ist es soweit. Der Deutsche Bundestag wird abschließend über das Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst beraten.

Die Quote kommt!

Die Zustimmung des Bundestages ist der entscheidende Schritt, und ich will auch dem Bundesrat nicht vorgreifen. Aber es ist klar: Die Quote kommt. Dieser Internationale Frauentag wird der letzte Frauentag ohne eine Frauenquote sein.

Ich habe 2014 zum ersten Mal zu einem Empfang anlässlich des Internationalen Frauentags eingeladen. Das Frauenministerium platzte aus allen Nähten, und deshalb haben wir in diesem Jahr ins ewerk eingeladen. Das Motto meiner Rede war im letzten Jahr: Veränderung ist möglich. Wir haben gesehen: Veränderung ist tatsächlich möglich. Die Quote ist ein Beispiel.

Heute sage ich: Der Kulturwandel hat begonnen. Ein Kulturwandel für Frauen braucht Verbündete, Männer und Frauen, starke Partner auf allen Ebenen und in allen Bereichen von Politik und Gesellschaft.

Ich kann nicht alle Frauen und Männer begrüßen, die heute gekommen sind.

Viele Frauen und Männer aus allen möglichen Verbänden und Bereichen, die heute hier sind, haben sich jahrelang für die Quote eingesetzt und waren im letzten Jahr an meiner Seite, als es ernst wurde. Viele von Ihnen haben im vergangenen Jahr Selfies gemacht und dadurch geholfen, die Nummer des Hilfetelefons bei Gewalt gegen Frauen bekannter zu machen.
Vielen Dank auch dafür!

Mit Verbündeten an meiner Seite und der Quote im Rücken fliege ich in der nächsten Woche nach New York zur Frauenrechtskommission der Vereinten Nationen.In diesem Jahr ist es 20 Jahre her, dass sich die Vierte Weltfrauenkonferenz in Peking auf eine umfassende Aktionsplattform geeinigt hat.

Ich sehe, dass Frauen auf der ganzen Welt ihre Wirtschaft, ihre Staaten und ihre Gesellschaften voranbringen. Ich sehe gleichzeitig, dass die Rechte von Frauen tagtäglich mit Füßen getreten werden. Meine Bilanz ist kritisch und gleichzeitig voller Respekt vor den Frauen und Männern, die sich teils unter schwierigen Bedingungen für die Durchsetzung von Frauenrechten einsetzen. Frauen können etwas bewegen, wenn sie zusammen dafür kämpfen. In Deutschland und in der Welt.

Herzlich willkommen zum Internationalen Frauentag 2015!

Was bedeutet das: Kulturwandel? Bei der OSCAR-Verleihung vor ein paar Wochen hat eine der OSCAR-Gewinnerinnen ein flammendes Plädoyer für gleiche Rechte und gleiche Löhne von Männern und Frauen gehalten.

Auch bei der Berlinale haben wir gesehen, dass Gleichberechtigung in der Kultur ein Thema ist. Gleiche Chancen, gleiche Bezahlung, bessere Rahmenbedingungen, auch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Dafür setzen sich Frauen in der Kultur ein, viele Frauen aus Kultur und Medien sind heute hier, und sie haben meine Unterstützung als Frauenministerin.

Kultur ist aber mehr als ein gesellschaftlicher Bereich neben anderen, zu dem zum Beispiel das Kino gehört. Kultur: Das sind auch die Bilder in unseren Köpfen, das Kopfkino. Kultur ist die Bedeutung, die wir Dingen oder Handlungen geben. Kultur ist auch die Art, wie wir miteinander umgehen. Kultur in diesem Sinne sitzt tief in den Köpfen und den Verhaltensweisen der Menschen.
Wenn wir einen Kulturwandel für Frauen wollen, müssen wir diese Verhaltensweisen verändern - ein langer Weg.

In den Führungsetagen der großen Unternehmen herrscht eine ausgeprägte Männlichkeitskultur. Wir haben das vor ein paar Jahren vom SINUS-Institut durch Interviews erforschen lassen. Zu dieser Kultur gehören anzügliche Bemerkungen und Witze, die man sich nicht traut, wenn Frauen dabei sind. Dazu gehört auch, Härte zur Schau zu stellen. Zitat: "Press mal mehr aus deinen Jungs raus!" Zitatende.

Frauen traut man diese Härte durchaus zu. Aber das empfinden die Männer als unpassend: Es fallen Begriffe wie "spröde", "verkniffen", "Männerimitat". Die erste Frau, die in ein Gremium mit dieser Kultur kommt, kann das, so drückt es ein befragter Mann aus, allenfalls aushalten. Gewinnen kann sie nicht.

Sie kann auch deshalb nicht gewinnen, weil sie es mit Familie nur falsch machen kann. Hat sie keine Kinder, fehlt ihr in den Augen der Männer die richtige Weiblichkeit. Hat sie Kinder, trauen ihr die Männer nicht zu, mit voller Kraft für das Unternehmen da zu sein.

Die erste Frau, die in ein solches Gremium kommt, bleibt Außenseiterin. Egal, wie gut sie ist.

Aber 30 Prozent sind etwas anderes. 30 Prozent verändern zwangsläufig die Art, wie man miteinander umgeht. Die Frauenquote ändert Strukturen und Zahlenverhältnisse und stößt dadurch einen Kulturwandel an.

Das Gesetz, das der Bundestag morgen verabschiedet, verpflichtet gut 100 Unternehmen zu einer festen Quote. Etwa 3.500 Unternehmen müssen sich über die Zielgrößenverpflichtung mit ihrer Unternehmenskultur und den Chancen von Frauen auseinandersetzen.Außerdem setzen wir die Vorgaben, die für die Privatwirtschaft gelten, auch im öffentlichen Dienst um.

Es war immer so, dass Frauen sich Gleichberechtigung hart erkämpfen mussten. Es ist ein Kampf um Macht, Geld und Einfluss. Die Quote heißt: Mehr Macht für die Frauen. Einfluss verschiebt sich.

Und wenn sich in den obersten Entscheidungsgremien die Strukturen verändern, dann wirkt das auch auf anderen Ebenen. Dann ändern sich die Bilder in den Köpfen: von Frauen, von Karrieren, von Führung im ganzen Unternehmen. Nicht von heute auf morgen. Aber sie ändern sich.

Sobald es mehr Frauen in Führungspositionen gibt, werden gleiche Chancen insgesamt selbstverständlicher werden.

Die Voraussetzungen für diesen Kulturwandel sind schon da. Ein Befragter aus der SINUS-Studie hat es so formuliert: "Frauen im Management würden den deutschen Unternehmen gut tun. Weil Vielfältigkeit stärkt. Also braucht man auch Leute, die Vielfältigkeit zulassen." Zitatende.

Die Führungskräfte in deutschen Unternehmen kennen dieses Argument. Sie lesen Zeitung und kennen die Studien, zum Beispiel von McKinsey oder vom Karlsruher Institut für Technologie. FOCUS Money hat im Dezember den Besitzerinnen und Besitzern von Aktien schon einmal geraten, auf die Frauenquoten der Unternehmen in ihren Depots zu achten. Denn die Aktienkurse von Unternehmen mit Frauen im Aufsichtsrat haben sich zwischen 2005 und 2011 um 26 Prozent besser entwickelt und schwanken außerdem weniger stark.

Frauen in Führungspositionen sind gut für die Wirtschaft. Aber manchmal geht es nicht ohne Gesetze.

Eine Frau hat mir auf Facebook folgendes gepostet: "Der Denkfehler der Quoten-Gegner besteht darin, dass sie annehmen, ohne Regelung würden sich die Qualifiziertesten durchsetzen. Egal ob Mann oder Frau." Sie schreibt weiter: "In der idealen Welt wäre das auch so. Aber nachgewiesenermaßen ist das nicht der Fall. Solange die Welt nicht ideal ist, hilft die Quote."

Solange Gleichberechtigung nicht verwirklicht ist, brauchen wir Gesetze, die sie voranbringen.

Wir haben lange genug damit gewartet. Seit 1982 steht die Quote in Deutschland auf der politischen Tagesordnung. Wir haben uns lange mit Modellen, Vereinbarungen und Selbstverpflichtungen begnügt - ohne dass es Fortschritte gab.

Norwegen hat 2006 gezeigt, wie es geht: mit einer festen Quote für Verwaltungsräte und harten Sanktionen bei Nichteinhaltung. Die Vorbehalte in der Wirtschaft waren zunächst groß, aber die Umsetzung war erfolgreich. Mittlerweile ist in Norwegen auch in den anderen Führungsebenen ein Kulturwandel spürbar. Norwegen ist der Beweis: Die Quote funktioniert.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich weiß, dass viele mehr wollten. Die Quote könnte höher sein, der Geltungsbereich könnte größer sein. Aber denken Sie daran, wie lange wir um dieses Gesetz kämpfen mussten. Denken Sie an die Widerstände, die wir bis zuletzt überwinden mussten. Die Widerstände zeigen: Verbesserungen für Frauen sind nicht einfach. Sie zeigen auch, gegen welche Hindernisse und Vorurteile Frauen im Alltag zu kämpfen haben.

Aber man kann etwas bewegen. Veränderung ist möglich. Allein die Diskussion um den Gesetzentwurf hat bereits Veränderungen ausgelöst. In den DAX-Unternehmen hat der Frauenanteil in den Aufsichtsräten zuletzt merklich zugenommen. Auch der Deutsche Caritasverband, der von unserem Gesetz gar nicht betroffen ist, will mehr Frauen in Führungspositionen bringen. 20 Prozent Frauen in den obersten Führungsebenen bei 80 Prozent Frauen unter den Beschäftigten- das hält der Verband nicht mehr für richtig.

In Artikel 3 Grundgesetz heißt es: "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin." Dieser Satz ist ein Teil der Wiedervereinigung Deutschlands vor 25 Jahren. Frauen in Ost und West haben damals gemeinsam dafür gekämpft, diesen Handlungsauftrag für die Politik klarzustellen. Jetzt handelt Politik nach diesem Auftrag und in dieser Verantwortung.

Die Quote ist ein historischer Schritt, und wir haben allen Grund, diesen Schritt heute gemeinsam zu feiern.

Wirkliche Gleichberechtigung wird es aber nur dann geben, wenn der Kulturwandel für alle Frauen spürbar wird.

Der Erste Gleichstellungsbericht hat mit seiner Lebensverlaufsperspektive deutlich gemacht, dass Frauen in verschiedenen Lebensphasen Rahmenbedingungen für die tatsächliche Durchsetzung von Gleichstellung brauchen. Von der Berufswahl über die Lohngerechtigkeit und Rollenbilder in der Gesellschaft bis zur Rente.

Und immer wieder stößt man in ganz verschiedenen Lebensphasen auf das Verhältnis, die Spannung, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Gerade die Frauen zwischen 30 und 50, die arbeitende Mitte unserer Gesellschaft, stehen jeden Tag unter enormem Druck. Sie wollen sich im Beruf beweisen, und sie wollen Zeit für Familie haben. Vor der Frage "Wie komme ich in eine Führungsposition?" steht die Frage "Wie kriege ich den ganz normalen Wahnsinn des Alltags organisiert?"

Wenn wir einen Kulturwandel für die Frauen wollen, müssen wir für diese Sandwich-Generation Zeit schaffen. Ich habe deshalb vor einem Jahr eine Familienarbeitszeit vorgeschlagen.

Heute arbeiten die meisten Männer in Vollzeit und die Frauen, überwiegend ungewollt, in Teilzeit. In Wahrheit wollen die meisten jungen Frauen Kind und Job. Und viele junge Männer wollen gleichberechtigt für ihre Kinder da sein. Aber nur 14 Prozent leben aktuell dieses Modell.

Ich sage: Es muss für Frauen und Männer möglich sein, in Familienphasen die Arbeitszeit zu reduzieren, ohne dadurch große Nachteile zu haben. So etwas wie eine 32-Stunden-Woche für Familienzeiten.

Am Anfang, als ich diesen Vorschlag gemacht habe, sind viele darüber hergefallen. Mittlerweile ist der Vorschlag aus der Diskussion nicht mehr wegzudenken, weil die Familienarbeitszeit ins Schwarze trifft. Gewerkschaften, Deutscher Industrie- und Handelskammertag, Forschungsinstitute - alle wissen, dass Politik und Arbeitswelt sich um die Sandwich-Generation kümmern müssen.

Wir haben im vergangenen Jahr drei Gesetze verabschiedet, die Schritte hin zur Familienarbeitszeit sind. Das ElterngeldPlus ermöglicht einen flexibleren Bezug von Elterngeld. Das Familienpflegezeitgesetz ermöglicht finanzielle Unterstützung, wenn ein berufstätiges Familienmitglied sich um Angehörige kümmert. Und das Kita-Gesetz; denn gute Kinderbetreuung ist das Rückgrat einer Infrastruktur für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Ich habe diese Gesetze vor einem Jahr beim Empfang zum Internationalen Frauentag angekündigt, und wir haben sie umgesetzt. Und wir bleiben dran.

Ganz aktuell in der Diskussion um die Entlastung der Familien. Dass Frauen ungerecht behandelt werden, sieht man bei den Alleinerziehenden. Unser Steuersystem entlastet Frauen am meisten, wenn sie zu Hause bleiben und einen reichen Mann haben. Wenn sie alleinerziehend sind und allein für die Familie aufkommen müssen, sind sie erheblich schlechter gestellt. 

Dabei gehören Alleinerziehende in Deutschland zu denen, die besonders viel leisten. Alleinerziehende sind berufstätig und zahlen Steuern. Wenn die Steuerkassen jetzt voller sind als erwartet, dann müssen sie davon etwas zurückbekommen. Das ist auch eine Frage der Gerechtigkeit für Frauen.

Bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf müssen die Unternehmen mitziehen. Viele Unternehmen tun das. Unternehmerinnen wie Antje von Dewitz wissen, dass flexible Arbeitszeiten und betriebseigene Kinderbetreuung ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlasten und dadurch für das Unternehmen noch wertvoller machen.

Immer häufiger werden in solchen Unternehmen gezielt auch Väter angesprochen. Denn immer mehr Männer sagen: "Ich will für meine Familie da sein. Nicht nur als Ernährer und nicht nur zum Gutenachtkuss." Das ist eine Frage der Zeit, der betrieblichen Rahmenbedingungen und der Akzeptanz. Auch für Männer ist ein Kulturwandel nötig.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die partnerschaftliche Gestaltung des Lebens, das ist heute ein Anliegen von Frauen und Männern. Deshalb ist moderne Gleichstellungspolitik auch Gleichstellungspolitik für Frauen und Männer.

Das heißt nicht, dass wir jetzt alles in einen Topf werfen, und überall, wo Frauen diskriminiert werden, krampfhaft nach Diskriminierungen von Männern suchen. Es gibt eine strukturelle Benachteiligung von Frauen! Nach wie vor, in vielen Bereichen unserer Gesellschaft. Gleichstellungspolitik hat die Aufgabe, dagegen anzugehen.

Aber wir müssen genauer hinschauen. Warum gibt es denn in Kitas oder Altenpflegeeinrichtungen so wenige Männer? Nicht, weil Männer diskriminiert würden. Sondern weil Männer nicht in Jobs gehen, die für schwierige Arbeitsbedingungen geringe Bezahlung bieten. Sollen wir wegschauen und sagen: Toll, so viele Frauen, bloß nicht dran rühren?

Ich halte das für falsch. Wir müssen vielmehr diese Arbeitsfelder, in denen es um Arbeit mit Menschen und an Menschen geht, für Frauen und Männer attraktiver machen. Dazu gehört Lohngerechtigkeit für beide Geschlechter.

Brutto 22 Prozent weniger pro Stunde bei den Frauen, das ist einfach ungerecht.

Auf den Jahresverlauf übertragen, so wie es die Equal-Pay-Day-Kampagne macht, sind wir am heutigen Tag noch in der Lohnlücke. Bis zum 20. März, meine Damen, müssen wir arbeiten, um da anzukommen, wo die Männer mit ihren Löhnen schon am 31. Dezember waren. Das ist schlimm genug; aber diese Lohnlücke macht auch Zeitpolitik und Partnerschaftlichkeit in den Familien schwieriger.

Wenn der Bruttostundenlohn von Frauen im Schnitt deutlich unter dem von Männern liegt, wer wird dann wohl eher die Arbeitszeit reduzieren und sich um die Familie kümmern? Die Frauen.

Da fällt weniger weg, das ist leichter zu verkraften. Und so gibt es immer wieder neue Ungerechtigkeiten und neuen Zeitstress für die Frauen, obwohl Frauen und Männer eigentlich längst anders leben wollen.

Die Lohnlücke hat verschiedene Ursachen - ich habe die Bezahlung typischer Frauenberufe genannt, und auch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird dazu beitragen, die Lücke zu schließen. Auch der Mindestlohn ist wichtig, weil Frauen doppelt so häufig im Niedriglohnbereich arbeiten wie Männer.

Ein weiterer Teil der Lücke aber entsteht direkt in den Unternehmen. Wenn wir die Frauenquote geschafft haben, ist ein Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit deshalb für mich der nächste große gleichstellungspolitische Schritt. Entgeltgleichheit steht im Koalitionsvertrag, und der Koalitionsvertrag gibt uns einen eindeutigen Auftrag.

In den letzten Wochen habe ich erste Gespräche mit den Gewerkschaften und den Arbeitgebern zu diesem Thema geführt. Wir werden ein Gesetz vorlegen, das Vertrauen schafft und keine unnötige Bürokratie. Es wird einen individuellen Auskunftsanspruch geben: nicht nach dem Gehalt des einzelnen Kollegen, aber zur Gehaltsstruktur in einem Unternehmen und zu den Kriterien der Einstufung. Und es wird eine strukturelle Verbesserung geben: Unternehmen ab 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern müssen sich in Zukunft mit dem Lohnunterschied auseinandersetzen und darüber berichten.

Transparenz steht im Mittelpunkt der diesjährigen Kampagne zum Equal Pay Day. Mehr Transparenz, das bedeutet mehr Vertrauen, mehr Verhandlungssicherheit und mehr Gerechtigkeit. Auch das ist ein Stück Kulturwandel, aber zunächst einmal professionelles Personalmanagement.

In einer Arbeitswelt und in einer Gesellschaft, wie ich sie mir vorstelle, kann jede junge Frau, die ein Studium oder eine Ausbildung beginnt, sagen: "Ich kann alles werden, wenn ich gut bin. Auch Vorstandsvorsitzende. Ich kann darauf vertrauen, dass ich fair bezahlt werde. Und Kinder bekommen kann ich dabei auch."

Wir stehen ganz kurz davor, eine Frauenquote in Deutschland gesetzlich zu verankern.

Wir haben ein Paket für eine neue Familienzeit geschnürt.

Und wir gehen weiter auf diesem Weg: in Richtung Lohngerechtigkeit und gleiche Chancen für Frauen. In Richtung Partnerschaftlichkeit und Gleichstellung.

Der Kulturwandel hat begonnen.

Eine ähnliche Vision hat 1995 die Aktionsplattform der Vierten Weltfrauenkonferenz in Peking formuliert. Absatz 40 im Kapitel zum globalen Rahmen: "Eine Welt, in der jedes Kind frei von Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Ungleichheit seine Fähigkeiten frei entfalten kann."

In der nächsten Woche zieht die Frauenrechtskommission der Vereinten Nationen in New York Bilanz. Ich fahre mit gemischten Gefühlen dorthin. Denn was ist aus der Aufbruchsstimmung von Peking geworden, 20 Jahre später? Kein Land hat vollständige Gleichberechtigung für Frauen und Mädchen erreicht. Das räumt die Deklaration, die wir in New York verabschieden, offen ein. Aber das ist noch milde ausgedrückt.

Wir leben in einer Welt, die aus den Fugen gerät. Krieg, Bürgerkrieg, Gewalt, Terror - jeden Tag sehen wir die Bilder. Wir sehen Panzer, Raketen, Soldaten, Milizen, Fanatiker - Frauen und Kinder sehen wir selten. Aber wir wissen, dass Frauen und Kinder die ersten Opfer von Gewalt und Krieg sind. Es wird Krieg gegen Frauen geführt, um Menschen einzuschüchtern und Macht zu erhalten.

Und nach dem Krieg entscheiden die Vergewaltiger darüber, wie die Mittel für den Wiederaufbau eingesetzt und verteilt werden. Jeden Tag werden die Rechte von Frauen mit Füßen getreten.

Das macht mich wütend, und es fällt mir schwer, zu glauben, dass sich die Situation von Frauen seit Peking verbessert hat.
Jede Gewalt gegen Frauen verletzt Menschenrechte.
Jede Gewalt gegen Frauen ist ein Verbrechen.

  • Wenn Frauen in Kriegen und Bürgerkriegen vergewaltigt werden, ist das ein Verbrechen.
  • Wenn Frauen im Namen religiöser Ideologien unterdrückt, bedroht und geschlagen werden, ist das ein Verbrechen.

Keine Religion der Welt rechtfertigt es, die Rechte von Frauen zu missachten.

  • Wenn Frauen, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen, angeklagt, eingesperrt und gefoltert werden, ist das ein Verbrechen.
  • Und wenn Frauen von ihren Partnern geschlagen werden, ist das ebenfalls ein Verbrechen.

Deutschland setzt sich an der Seite von vielen anderen Staaten, von UN Women und von Nichtregierungsorganisationen dafür ein, Gleichberechtigung als eigenständiges Ziel in die Post-2015 Agenda für nachhaltige Entwicklung aufzunehmen.

Aber es reicht nicht aus, Papiere zu schreiben und Beschlüsse zu fassen.

Wir müssen die Lebenswirklichkeit von Frauen verändern. Überall auf der Welt. Und dazu müssen Frauen teilhaben, dort, wo es um Macht, Geld und Einfluss geht. An den Schalthebeln der politischen Macht. In den Spitzenpositionen der Unternehmen. Dort nämlich, wo Frauen teilhaben und mitbestimmen, dort tut sich etwas für Frauen. Dort macht der Blick in andere Länder Mut.

Fabiola Gianotti, eine italienische Physikerin, wird ab Januar 2016 die Leitung des CERN übernehmen. Die erste Frau an der Spitze des weltweit größten Forschungszentrums für Teilchenphysik. Mit über 3.000 Beschäftigten und 10.000 Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftlern. Es gibt keine qualifizierten Frauen mit naturwissenschaftlicher Ausbildung für Spitzenpositionen? Diese Ausrede lasse ich nicht mehr gelten!

Frau Botschafterin, Exzellenz, Sie werden uns gleich berichten, wie die Frauenquote in Norwegen funktioniert. Die norwegische Wirtschaft ist trotz Quote nicht den Bach heruntergegangen. Auch diese Ausrede lassen wir nicht mehr gelten.

Ein drittes Beispiel: Eine indische Frauenrechtlerin, Urvashi Butalia, bezeichnet die Frauenquote in der Lokalpolitik ihres Landes als wichtige Entwicklung für die Frauenrechte in Indien. Weil Frauen dadurch vor Ort mitbestimmen können. Und dort, wo Frauen mitbestimmen können, besteht eine größere Chance auf kulturellen Wandel.

Dort besteht eine größere Chance, dass Gewalt wirklich geächtet wird und dass der Staat Gesetze gegen Gewalt strikt durchsetzt.

Frauen, das zeigt die Erfahrung an vielen Orten der Welt, machen andere Politik: nachhaltiger, weitsichtiger, sozialer.

In diesem Jahr feiert auch die Resolution 1325 des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen ein Jubiläum. Seit 15 Jahren fordert der Sicherheitsrat dazu auf, die Rechte von Frauen in Konflikten zu schützen und Frauen gleichberechtigt in Friedensverhandlungen, Konfliktschlichtung und Wiederaufbau einzubeziehen.

Deutschland hat internationale Verantwortung, und deshalb ist es gerade am Internationalen Frauentag wichtig, zu sagen: Wir haben nicht nur die Frauen in Deutschland im Blick, sondern auch die Situation von Frauen in anderen Ländern.

Ich setze mich dafür ein, dass sich die Bundesregierung aktiv für die Rechte und die Teilhabe von Frauen einsetzt.

In Regierungskonsultationen und internationalen Verhandlungen, überall dort, wo Mitglieder des Bundeskabinetts unser Land vertreten. Wir können unsere Welt verändern, wenn wir den Frauen die Macht dazu geben.

Kein Frieden ohne Frauen!

Meine Damen und Herren, was diesen großen Kulturwandel angeht, stehen wir allenfalls am Anfang. Aber hier in Deutschland hat der Kulturwandel begonnen. Lassen Sie uns das feiern, was wir im letzten Jahr gemeinsam erreicht haben! Lassen Sie uns in die Zukunft schauen: reden, diskutieren, planen, uns weiter verbünden und weiter kämpfen!

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Und morgen, wenn Sie Zeit haben, machen Sie den Fernseher an: neun Uhr, Phoenix.

Die Quote kommt.