Wirtschaftswoche

Mit einer klischeefreien Berufswahl zu mehr Gleichberechtigung

Pressefoto der Ministerin
Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey© Thomas Imo/photothek.net

Wirtschaftswoche: Frau Giffey, Sie kommen gerade aus dem Rheinland, im Karneval sind Sie im historischen Kostüm als Kämpferin für das Frauenwahlrecht aufgetreten. Spielen die Auseinandersetzungen von damals eine Rolle für ihre Politik von heute?

Dr. Franziska Giffey: Ja. Alle Fortschritte bei der Gleichberechtigung und den Frauenrechten wurden mühsam erkämpft. Egal, ob Sie an die Einführung des Frauenwahlrechts, das Verbot der Vergewaltigung in der Ehe oder das Recht auf Arbeit ohne die Erlaubnis des Ehemannes denken: Da ist kein Gesetz einfach vom Himmel gefallen. Deshalb rechne ich auch in Zukunft mit harten Auseinandersetzungen bei Fragen der Gleichstellung.

Wirtschaftswoche:  Sie sprechen oft über Frauen in Not, über häusliche Gewalt oder Zwangsehen. Was ist mit Frauen, denen es materiell besser geht?

Dr. Franziska Giffey: Häusliche Gewalt gibt es in allen gesellschaftlichen Schichten und allen ethnischen Gruppen. Wir haben alle Frauen im Blick. Deshalb schauen wir uns unter anderem gerade sehr genau an, wie sich die Zahlen bei weiblichen Führungskräften entwickeln. Wenn in der Spitze von Unternehmen oder Behörden keine Frauen sind, werden dort andere Prioritäten gesetzt, und manchmal an bestimmte Themen auch gar nicht gedacht. Das hat Folgen für alle, nicht nur für Frauen, die Karriere machen wollen.

Wirtschaftswoche: Was ist Ihre Erklärung dafür, dass Deutschland beim Anteil der Frauen in Spitzenjobs sogar hinter Ländern wie Russland oder Mexiko liegt? Der EU-Durchschnitt beträgt 31 Prozent, in Schweden und den USA gibt es 40 Prozent Frauen, bei uns nur 28.

Dr. Franziska Giffey: Da kommen mehrere Gründe zusammen, auch historische. In meiner Karnevalsrede habe ich einen Gegner des Frauenwahlrechts zitiert. Ludwig Langemann, 1919 Vorsitzender des Bundes gegen die Frauenemanzipation, schrieb damals, "wenn auch alle europäischen Völker am Weibe verkommen sollten, das deutsche Volk, das männlichste Volk der Erde" müsse doch "im heiligsten Interesse der Menschheit vor diesem Schicksal bewahrt werden."

Wirtschaftswoche: Und Sie meinen, dieses Denken spielt für die Vorstände von heute noch eine Rolle?

Dr. Franziska Giffey: So natürlich nicht, wir sind ja seitdem weit gekommen. Aber eben nicht weit genug. Seit 2015 müssen große Unternehmen über ihren Frauenanteil in Führungspositionen berichten. 81 Prozent der Unternehmen machen keine Meldung oder melden die Zielgröße null. Das zeigt, dass es oft offenbar gar keinen Willen gibt, etwas zu ändern.

Wirtschaftswoche: Wollen Sie den Druck erhöhen?

Dr. Franziska Giffey: Die Erfahrung mit der Quote für Aufsichtsräte lehrt, dass es manchmal nicht ohne gesetzliche Regelungen geht. Als die Quote 2015 eingeführt wurde, war die Aufregung groß. Inzwischen haben wir 31 Prozent weibliche Aufsichtsräte. Aber in den Vorständen sitzen nur sechs Prozent Frauen. In Gesprächen höre ich dazu: Frau Giffey, wir sind hier ein technisches Unternehmen, wir haben keine guten Frauen für den Job.

Wirtschaftswoche: Was sagen Sie dann?

Dr. Franziska Giffey: Ich frage: Wo sind die guten Frauen denn geblieben? In der Schule waren sie doch noch da. Im Studium auch! Die AllBright-Stiftung hat eine Aufstellung gemacht, wonach es mehr Männer mit den Vornamen Thomas oder Michael als Frauen in den deutschen Vorständen gibt. Offenbar unterstützen viele Führungskräfte lieber jemanden, der ihnen ähnlich ist. Thomas fördert Thomas. Michael fördert Michael.

Wirtschaftswoche: Und daran scheitern dann aufstiegsorientierte Frauen - das ist aus Ihrer Sicht das Hindernis Nummer eins?

Dr. Franziska Giffey: Ich war gerade in einem sehr modernen Unternehmen im Münsterland. Da fuhren viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Mittagessen nach Hause, weil die Frauen für Mann und Kinder kochen. Und so werden Vorstellungen an die nächste Generation weitergegeben und wirken sich beispielsweise bei der Berufswahl aus. Vor allem in Westdeutschland gab es lange eine sehr klare Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern.

Wirtschaftswoche: Die Koalition will die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unter anderem mit einem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder fördern. Wie soll das gehen, wo doch ohnehin schon so viele Lehrer fehlen?

Dr. Franziska Giffey: Wir brauchen vor allem mehr Erzieherinnen und Erzieher, die den Nachmittag abdecken. Neben Pflegekräften und Fachleuten im Handwerk sind das die Beschäftigten, die dringend gesucht werden, denen bisher aber in der Ausbildung wenig gezahlt wird und von denen zum Teil sogar noch Schulgeld verlangt wird.

Wirtschaftswoche: Das könnten Sie ändern.

Dr. Franziska Giffey: Für Pflegekräfte haben wir das gerade getan, in der Pflege wird das Schulgeld ab Januar 2020 abgeschafft, dafür gibt es künftig überall in Deutschland eine Ausbildungsvergütung.  Erfahrungen in einigen Bundesländern zeigen: Wenn das Gehalt stimmt, kommen auch mehr Männer, und es gibt plötzliche mehr Bewerberinnen und Bewerber als Plätze. Bei Erzieherinnen und Erziehern sind wir noch nicht ganz so weit. Aber mein Ministerium plant gerade eine Fachkräfteoffensive mit einem ähnlichen Ansatz.

Wirtschaftswoche: Würde eine akademische Ausbildung helfen?

Dr. Franziska Giffey: Ich bin dagegen, in diesen Berufen nur auf Akademikerinnen und Akademiker zu setzen. Es gibt so tolle Leute, die kein Abitur haben und trotzdem gute Pflegerinnen und Pfleger sind. Aber es muss mehr Angebote geben für Pflegekräfte, und Erzieherinnen und Erzieher, die sich weiterqualifizieren wollen.

Wirtschaftswoche: Wollen Sie auch mehr Druck machen, damit Männer und Frauen für gleiche Arbeit gleich bezahlt werden? Darüber redet selbst FDP-Chef Christian Lindner neuerdings oft.

Dr. Franziska Giffey: Mich würden konkrete Vorschläge von Herrn Lindner sehr interessieren! Wir brauchen doch beides: einen Kulturwandel in den Unternehmen, der von innen kommen muss, aber auch gesetzliche Vorgaben. Ohne die bewegt sich kaum etwas. Das zeigt die Erfahrung.

Wirtschaftswoche: Die letzte Regierung hat einen Anspruch auf Auskunft über die Gehaltsstruktur im eigenen Unternehmen eingeführt. Bisher nutzen nur wenige Frauen diese Möglichkeit. Legen Sie jetzt nach?

Dr. Franziska Giffey: Neben dem individuellen Anspruch auf Auskunft zur Frage was andere in vergleichbaren Jobs im Haus verdienen, gibt es auch eine Pflicht für größere Unternehmen, über die Situation ihrer Belegschaft zu berichten. Das Gesetz wird derzeit evaluiert. Im Sommer werden wir genaue Zahlen haben. Dann werden wir auch sehen, ob wir Anpassungsbedarf haben.

Wirtschaftswoche: Sie haben bestimmt eine Vorahnung.

Dr. Franziska Giffey: Was ich jetzt schon sagen kann ist, dass das Gesetz ein stärkeres Bewusstsein für das Problem geschaffen hat. Viele Unternehmen haben sich intensiv mit der Frage auseinandersetzen müssen. Jetzt ist klar: Über Geld spricht man eben doch.

Wirtschaftswoche: Bis im Sommer soll es auch im Rentenstreit eine Einigung geben. Warum eigentlich sollen Frauen eine Aufstockung ihrer Rente bekommen, wenn sie einen einkommensstarken Partner haben?

Dr. Franziska Giffey: Eine Frau ist nicht das Anhängsel ihres Ehemanns, sondern eine eigenständige Person. Wenn sie 35 Jahre berufstätig war, verdient sie auch eine Anerkennung für diese Lebensleistung. Wir reden oft über die Gehaltslücke von 21 Prozent zwischen Männern und Frauen. Bei der Rente ist der Unterschied viel größer, er liegt bei 53 Prozent. Altersarmut ist vor allem ein Frauenproblem. 70 Prozent der vier Millionen Menschen, die eine Respektrente nach dem Modell des Arbeitsministers bekämen, sind Frauen.

Wirtschaftswoche: Da sie auch Jugendministerin sind: Was halten Sie davon, zeitgleich mit den neuen Rentengesetzen das Wahlalter von 18 auf 16 abzusenken, damit die Jungen ihre Interessen besser durchsetzen können?

Dr. Franziska Giffey: Ich befürworte die Absenkung des Wahlalters auf 16. Ich erlebe so viele engagierte junge Menschen, die sich einbringen wollen. Und angesichts des demografischen Wandels wäre es auch eine Möglichkeit, Jung und Alt gleichberechtigter an Wahlentscheidungen teilhaben zu lassen. Bei der Rente dürfen wir aber nicht Alt gegen Jung stellen. Alle sollten ein Interesse daran haben, im Alter, nach vielen Jahren Arbeit, Anerkennung für die Lebensleistung und eine gute Rente zu bekommen.

Wirtschaftswoche: Sie gelten als Wossi: Aufgewachsen im Osten haben Sie die meiste Zeit Ihres Lebens in Westberlin gelebt. Welche Rolle spielt das für Ihren Blick auf Frauenthemen?

Dr. Franziska Giffey: Ich bin groß geworden in einer Umgebung, in der es selbstverständlich war, dass mein Vater und meine Mutter beide arbeiten gingen - wie alle anderen Eltern in meiner Umgebung. Und es war immer klar, dass ich mal mein eigenes Geld verdiene. Mein Bruder und ich hatten gleich viel Unterstützung bei dem, was wir uns vorgenommen haben. Trotzdem merken auch wir heute bei unseren Kindern, wie stark Rollenmuster sind.

Wirtschaftswoche: Was ist Ihnen aufgefallen?

Dr. Franziska Giffey: Mein Sohn vererbt manchmal blaue oder grüne Kleidungsstücke an seine drei jüngeren Cousinen. Die werden dann zwar gern genommen, aber wenn die Mädchen die Wahl haben, wird es doch das rosa Kleidchen.

Wirtschaftswoche: Zeigt das nicht auch die Grenzen von Gleichstellungspolitik?

Dr. Franziska Giffey: Es zeigt, wie wichtig das gesellschaftliche Umfeld ist. Ich war neulich mit jungen Mädchen im Naturkundemuseum. Wir haben dort mit Forscherinnen gesprochen. Wenn Mädchen mehr Frauen in Männerberufen kennenlernen, eröffnet das vielleicht ganz neue Perspektive für den Lebensweg.