Bild am Sonntag

Manuela Schwesig: Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen muss auch in der Lebenswirklichkeit stattfinden

Manuela Schwesig, Bildnachweis: Bundesregierung / Denzel
Manuela Schwesig© Bildnachweis: Bundesregierung / Denzel

Bild am Sonntag: Frau Schwesig, Sie sind weiblich, jung, ostdeutsch und damit die perfekte Quotenfrau für die SPD in der Bundesregierung. Wie fühlen Sie sich damit?

Manuela Schwesig: Ich bin gern Frau, ich bin gern jung, und ich bin stolz auf meine ostdeutschen Wurzeln. Ich finde es gut, dass ich meine Erfahrungen in Führungsverantwortung einbringen kann. Das Wort Quotenfrau wird gegen Frauen benutzt, um Zweifel an ihrem Können zu säen. Kein einziger Mann wird gefragt, ob er ein Quotenmann ist. Dabei kommen viele Männer nicht nur durch ihre Qualifikation, sondern durch Männer-Netzwerke zu ihren Jobs.

Bild am Sonntag: Hätten Sie denn den Sprung an die SPD-Spitze und in die Regierung auch ohne Quote so schnell geschafft?

Manuela Schwesig: Ich wäre weder Bundesministerin noch stellvertretende SPD-Vorsitzende geworden, wenn ich im Alltag nicht gute Arbeit machen würde. Die harte Diskussion um die Quote macht deutlich, wie viel Widerstand Frauen im Berufsleben erfahren. Ein Beispiel: 70 Prozent der Medizinstudenten sind weiblich, aber es gibt kaum Chefärztinnen. 72 Prozent der Frauen fühlen sich am Arbeitsplatz benachteiligt und glauben, sie müssten besser sein, um das Gleiche zu erreichen wie ein Mann. Das liegt nicht an der einzelnen Frau, es gibt ein strukturelles Problem.

Bild am Sonntag: Die Regierung hat versprochen, sofort eine 30-Prozent-Quote für Frauen in den Aufsichtsräten der größten deutschen Unternehmen einzuführen. Während Mindestlohn, Mietpreisbremse und Rente mit 63 längst beschlossen sind, wird bei der Quote gebremst. Warum tut die Regierung so wenig für die Frauen?

Manuela Schwesig: Die Widerstände gegen die Quote zeigen wie viel Vorbehalte es gegen Frauen in der Arbeitswelt generell gibt. Das Argument, die Quote wäre schädlich für die Wirtschaft, ist absurd. Von Unternehmensberatungen wissen wir, dass Firmen mit gemischten Teams erfolgreicher sind als reine Männerclubs. Die Widerstände gegen das Quotengesetz sind so groß, weil es hier um Macht, Einfluss und Geld für Frauen geht. Davon wollen die Männer, die jetzt fast alle Führungspositionen besetzt halten, nichts abgeben. Das Grundproblem in unserem Land ist: Wir haben die Gleichberechtigung zwar im Grundgesetz verankert, sie findet aber nicht in der Lebenswirklichkeit statt.

Bild am Sonntag: Kommt Ihr Quotengesetz noch vor Weihnachten ins Kabinett?

Manuela Schwesig: Die Quote kommt. Je eher das Gesetz beschlossen wird, umso mehr Zeit hat die Wirtschaft, sich darauf einzustellen. Jeder, der die Verabschiedung des Quotengesetzes weiter verzögert, schadet der Wirtschaft.

Bild am Sonntag: Welche Sanktionen drohen denn Unternehmen, die die Quote nicht erfüllen?

Manuela Schwesig: Die feste Quote von 30 Prozent Frauenanteil im Aufsichtsrat betrifft die größten 108 Unternehmen. Dabei geht es insgesamt um rund 170 Aufsichtsratsmandate für Frauen. Darum einen solchen Zinnober zu machen, leuchtet mir überhaupt nicht ein. Wer diese Quote im Aufsichtsrat nicht einhält, dem droht die Sanktion des leeren Stuhls. Das heißt: Wer den Posten nicht mit einer Frau besetzt, darf das Mandat gar nicht vergeben. Bei den mittelgroßen Unternehmen ab 500 Beschäftigten setzen wir auf verbindliche Zielvorgaben. Diese Firmen müssen sich für Aufsichtsrat, Vorstand und die beiden obersten Managementebenen eigene Zielvorgaben für ihren Frauenanteil geben. Klar ist aber, dass es keine Verschlechterung geben darf.

Bild am Sonntag: Wie kann eine Lösung im Streit mit der Union aussehen?

Manuela Schwesig: Der Koalitionsvertrag ist eindeutig. Wir müssen ihn jetzt umsetzen. Die Quote wird kommen. Das Gesetz ist nötig, denn der Anteil von Frauen in Vorstandspositionen ist in Deutschland in den vergangenen Jahren sogar zurückgegangen. Ein Aufhalten der Quote wird die SPD nicht akzeptieren.

Bild am Sonntag: Ihr Gesetz hilft nur einer Handvoll hoch bezahlter Frauen in Top-Positionen. Was bringt die Quote eigentlich der Krankenschwester, der Verkäuferin oder der Lehrerin?

Manuela Schwesig: Die Frauenquote wird einen Kulturwandel in der Arbeitswelt bringen. Sie wird bewirken, dass Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen abgebaut werden. Nur wenn es in den Chefetagen ein Bewusstsein und einen Willen für Gleichberechtigung gibt, dann wird sich auch etwas in den Unternehmen ändern.

Bild am Sonntag: Sie glauben also, dass ein paar Aufsichtsrätinnen alle Unterschiede zwischen Männern und Frauen beseitigen können?

Manuela Schwesig: Die Wirkung wird enorm sein. Die Diskussion um das Gesetz führt bereits dazu, dass Frauenförderung in den Unternehmen wieder ein Thema ist. Es geht darum, dass den Frauen in den Firmen auf Augenhöhe begegnet wird. Die Lohnunterschiede zu den männlichen Kollegen müssen abgebaut werden, Teilzeit darf nicht mehr zur Karrierefalle werden.

Bild am Sonntag: Spätestens wenn Kinder kommen, ist es doch mit der Gleichberechtigung vorbei. Dann arbeitet die Frau Teilzeit oder gar nicht mehr und kümmert sich um Haushalt und Erziehung. Ist es nicht eine Lebenslüge der modernen Familienpolitik, den Frauen einzureden, Kinder und Karriere seien vereinbar?

Manuela Schwesig: Nein. Die moderne Familienpolitik redet niemandem etwas ein, sondern unterstützt die Familien in ihren Bedürfnissen. Mütter und Väter in unserem Land sind schon längst weiter. Sie wollen beides: Beruf und Familie. Mit einem guten Kita-Platz, einer Ganztagsschule und einem Arbeitgeber, der Mütter nicht aufs Abstellgleis schiebt, gelingt die Vereinbarkeit - auch wenn es nicht immer einfach ist. Dabei helfen Kita-Ausbau und Elterngeld Plus. Es muss in Deutschland selbstverständlich werden, dass auch Frauen in Führungspositionen sind und Väter vorübergehend in Teilzeit arbeiten.

Bild am Sonntag: Ihr Mann arbeitet Teilzeit. Könnten Sie Ihren Job ohne ihn schaffen?

Manuela Schwesig: Nein. Einen solchen Spagat kriegt man nur gemeinsam hin. So planen wir am Sonntag, wer sich in der Woche um unseren Sohn Julian kümmert. Wer holt ihn von der Schule ab, wer bringt ihn zum Sportverein.

Bild am Sonntag: Wie oft können Sie Ihren Sohn ins Bett bringen?

Manuela Schwesig: Ich versuche, so oft wie möglich abends nach Schwerin zu fahren. Dann arbeite ich im Auto, meinem rollenden Büro, weiter. Nur bei ganz frühen Terminen übernachte ich in Berlin. Einmal pro Woche bin ich schon nachmittags zu Hause und hole Julian vom Hort ab.

Bild am Sonntag: Ihre Amtsvorgängerin Kristina Schröder sagt, dass sich Muttersein und Ministeramt nicht vertragen. Sie konnte ihre kleine Tochter an vielen Tagen gar nicht sehen und hat so darunter gelitten, dass sie nicht mehr Ministerin sein wollte ...

Manuela Schwesig: Wenn Kristina Schröder das für sich so entschieden hat, verdient das Respekt. Ich kann für mich sagen: Bei uns funktioniert es gut, auch weil mein Mann und ich eine gleichberechtigte Beziehung führen.

Bild am Sonntag: Freuen Sie sich eigentlich über Komplimente für Ihr Äußeres oder nervt das?

Manuela Schwesig: Inzwischen freue ich mich wieder darüber.

Bild am Sonntag: Haben Sie selbst Sexismus erlebt?

Manuela Schwesig: Nicht direkt, aber unterschwellig. Nach dem Motto "wenn Frauen gut aussehen, können sie nicht viel im Kopf haben".

Bild am Sonntag: Gegner haben Ihnen den abwertenden Namen "Küsten-Barbie" verpasst. Verletzt das?

Manuela Schwesig: Nein, das perlt an mir ab.

Bild am Sonntag: Was raten Sie Frauen, wenn ihnen solche Sprüche begegnen - wehren oder weghören?

Manuela Schwesig: Wenn solche Sprüche von Angesicht zu Angesicht kommen, ist es wichtig, sich zu wehren. Ich tue das, deshalb traut sich niemand, mir so etwas ins Gesicht zu sagen.

Bild am Sonntag: Der rheinland-pfälzische Innenminister Lewentz hat die Mainzer CDU-Chefin Julia Klöckner als "Shitstorm auf Pumps" bezeichnet. Ist das legitim oder frauenfeindlich?

Manuela Schwesig: Es ist überflüssig.

Bild am Sonntag: Am Dienstag ist der Tag gegen Gewalt an Frauen. Wie groß ist das Problem immer noch?

Manuela Schwesig: Das Problem ist größer, als viele wahrhaben wollen. 60 Millionen Frauen in Europa sind von Gewalt betroffen. Nur ein Drittel holt sich Hilfe. Den anderen fehlt das Vertrauen, dass die Gesellschaft ihnen beisteht.

Bild am Sonntag: Reicht es, dass die SPD eine Anti-Gewalt-Fahne auf der Parteizentrale hisst?

Manuela Schwesig: Das ist ein starkes Zeichen. Wir müssen Gewalt gegen Frauen gesellschaftlich noch viel stärker ächten. Wir brauchen ein schärferes Gesetz gegen Vergewaltigung, wie es Heiko Maas auf den Weg bringen will. Außerdem müssen wir die Hilfsangebote stärken. Um den Betroffenen von Gewalt zu helfen, haben wir seit 2013 rund um die Uhr ein bundesweites Hilfetelefon geschaltet. Unter der Nummer 08000/11 60 16 werden Frauen in 15 Sprachen anonym und kostenlos beraten. Auch Freundinnen von Opfern können sich melden.