Kristina Schröder im Interview mit dem SPIEGEL

Bundesfamilienministerin Dr. Kristina Schröder gab dem SPIEGEL (Erscheinungstag 27. Februar 2012) das folgende Interview:

Frage: Frau Schröder, Alice Schwarzer hat Sie nach ihrem Amtsantritt als "schlicht unfähig" bezeichnet, als "hoffnungslosen Fall" im Familienministerium. Jetzt helfen Sie ihr aus der Bredouille und finanzieren ihr Archiv des Feminismus in Köln mit 150.000 Euro im Jahr. Warum tun Sie das?

Dr. Kristina Schröder: Bei diesem Archiv handelt es sich um ein bedeutendes Zeugnis der feministischen Bewegung in Deutschland. Mich hat es aufgeregt, als ich las, dass dem Archiv die Mittel von der nordrhein-westfälischen Landesregierung gekürzt werden. Für mich sah es so aus, als würden da persönliche Rechnungen gegenüber einer Nonkonformistin beglichen. Denn das Archiv ist eng mit dem Leben von Alice Schwarzer verknüpft, und die hat so manchen Strauß mit den Grünen ausgefochten, etwa wenn es um die Unterdrückung von Frauen im Islam ging. Dass es sowas gibt, wollten viele Grüne ja lange nicht wahr haben.

Frage: Schwarzer war aber auch mit Ihnen nicht gerade zimperlich. Sie hat vor gut einem Jahr geschrieben: "Was immer die Motive der Kanzlerin gewesen sein mögen, sie zur Frauenministerin zu ernennen – die Kompetenz und Empathie für Frauen kann es nicht gewesen sein."

Dr. Kristina Schröder: An meiner Sicht auf Alice Schwarzer hat sich nichts geändert. Und ich halte auch nach wie vor manche Gedanken des radikalen Feminismus für falsch. Aber eine staatliche Förderung sollte nie als Parteinahme für oder gegen jemanden verstanden werden. Ich habe Soziologie studiert, und da war ich beispielsweise froh, dass es an meiner Universität eine Ecke mit Literatur zur Gender-Theorie gab. Dass ich vielen dieser Gedanken am Ende nicht zustimmen konnte, ist ja eine ganz andere Frage.

Frage: Die Kanzlerin hat ein sehr gutes Verhältnis zu Schwarzer. Hat Angela Merkel Ihnen geraten, sich mit ihr auszusöhnen?

Dr. Kristina Schröder: Ich habe der Kanzlerin im Nachhinein von unserer Absicht erzählt. Sie fand das eine gute Idee.

Frage: War es Ihnen zu anstrengend, als Frauenministerin dauerhaft im Clinch mit der Ikone des deutschen Feminismus zu liegen?

Dr. Kristina Schröder: Ich kann Sie da beruhigen. Ich werde auch in Zukunft nötigen Auseinandersetzungen mit Frau Schwarzer nicht aus dem Weg gehen.

Frage: Alice Schwarzer will, dass die Bundesregierung eine Quote für Frauen in Führungspositionen durchsetzt. Werden Sie ihr da folgen?

Dr. Kristina Schröder: Starre Einheitsquoten lehne ich weiter ab.

Frage: Aber müssen Sie als Frauenministerin nicht Lobbyistin weiblicher Interessen sein?

Dr. Kristina Schröder: Das stimmt, deshalb will ich mit meiner Flexi-Quote ja eine faire und moderne gesetzliche Regelung, die mehr Frauen in Führungspositionen bringt. Eine starre Quote folgt mir zu sehr dem Haftungsprinzip für Geschlechter-Kollektive statt dem Grundsatz, jeden unabhängig vom Geschlecht zu befördern. Es geht mir um die Gestaltung von heute und morgen und nicht um die Aufrechnung von gestern.

Frage: Schwarzer ist auch eine Gegnerin des Betreuungsgeldes, das Frauen zugute kommen soll, die für ihre Kinder zu Hause bleiben. Wie stehen Sie zu dem Vorschlag der CSU?

Dr. Kristina Schröder: Das Betreuungsgeld wurde von der Koalition beschlossen. Meine Aufgabe ist es, einen Gesetzentwurf vorzulegen. Das werde ich tun.

Frage: Haben Sie schon mit Alice Schwarzer getroffen und sich mit ihr ausgesprochen?

Dr. Kristina Schröder: Ich habe sie vor ein paar Tagen angerufen. Es war mein erstes Gespräch mit Alice Schwarzer, und es war ein sehr nettes Telefonat. Es ist ja grundsätzlich besser, sich persönlich zu unterhalten als wie bislang über Zeitungen.

Frage: Schwarzer hat in ihrem Blog geschrieben, sie finde Ihre Entscheidung, das Archiv zu unterstützen, "echt souverän". Hat Sie das gefreut?

Dr. Kristina Schröder: Wissen Sie, Frau Schwarzer kann ziemlich selbstironisch und lässig sein, das finde ich gut. Und anders als bisher hat mich ihre jetzige Reaktion nicht überrascht.