Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Dr. Franziska Giffey: Mit einer modernen Pflegeausbildung mehr Fachkräfte gewinnen

Pressefoto der Ministerin
Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey© Thomas Imo/photothek.net

FAS: Frau Giffey, falls Sie selbst einmal pflegebedürftig werden: Wie möchten Sie betreut werden?

Dr. Franziska Giffey: Ich würde gerne so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben, wenn es sein muss mit Unterstützung. Und wenn das mal nicht mehr geht, hoffe ich in einem Pflegeheim gut betreut zu sein – wo Pflegerinnen und Pfleger nicht nach der Stoppuhr eine Satt-und-Sauber-Pflege machen müssen. Erst einmal hoffe ich aber auf ein aktives Alter. Das ist heute zum Glück immer mehr Menschen vergönnt, viele sind nach Renteneintritt noch zwei oder drei Jahrzehnte fit.

FAS: Das heißt, wir haben in der alternden Gesellschaft gar nicht unbedingt eine Zunahme von Pflegefällen?

Dr. Franziska Giffey: Das ist jedenfalls kein Automatismus. Die Leute werden nicht schon deshalb zu einem Pflegefall, weil sie ein bestimmtes Lebensalter erreichen. Viele sind im hohen Alter noch sehr mobil, nicht wenige engagieren sich im Ehrenamt. Der demographische Wandel ist auch eine Chance.

FAS: Am Montag löst die Kanzlerin ihr Versprechen ein und besucht einen rappenden Altenpfleger in Paderborn, der sich über die schlechten Arbeitsbedingungen beklagt hat, vor allem über die Zeitnot. Was soll sie ihm sagen?

Dr. Franziska Giffey: Dass die Bundesregierung als Ganze an dem Thema arbeitet. Wir haben gerade die "Konzertierte Aktion Pflege" gestartet, gemeinsam mit Gesundheitsminister Spahn und Arbeitsminister Heil und mit fast 50 Partnern aus der Pflege in ganz Deutschland. Wir werden ganz konkret Lösungen erarbeiten und dann umsetzen. Es geht um die Pflegeausbildung, die Arbeitsbedingungen, die Bezahlung. Es geht um Wertschätzung, wenn man Menschen gewinnen und halten will. Im Übrigen finde ich es gut, dass die Bundeskanzlerin ihr Versprechen einlöst.

FAS: Es soll laut Koalitionsvertrag 8000 neue Pflegefachkräfte geben, das ist nicht mal eine Stelle pro Heim. Reicht das?

Dr. Franziska Giffey: Angestrebt sind jetzt 13.000. Trotzdem ist das nur ein erster Schritt. Wir müssen die Leute auf dem Arbeitsmarkt natürlich auch finden. Das heißt mehr Fachkräfte ausbilden und kurzfristig Menschen zurückgewinnen, die wegen der schlechten Bedingungen den Beruf verlassen haben.

FAS: Mehr Personal, bessere Bezahlung: Wer soll das finanzieren?

Dr. Franziska Giffey: Gemeinsam mit den Tarifpartnern wollen wir dafür sorgen, dass Tarifverträge in der Altenpflege flächendeckend zur Anwendung kommen. Es reicht nicht, wenn ein einzelner Altenpfleger in seiner Gehaltsverhandlung ein paar Euro mehr bekommt, weil das Personal gerade so knapp ist. Wir wollen den Beruf grundsätzlich aufwerten. Das ist eine große Zukunftsfrage für das ganze Land. Aber Sie haben recht: Es wird nicht einfach, weil man dabei auch Pfründe antasten muss.

FAS: Inwiefern?

Dr. Franziska Giffey: Zum Beispiel, weil für die Betreiber von manchen Pflegeheimen weniger Gewinn übrigbleibt. Sie müssen einen Teil ihrer Überschüsse einsetzen, um die Leute besser zu bezahlen. Natürlich werden auch die Beiträge zur Pflegeversicherung steigen, das hat der Gesundheitsminister ja schon angekündigt. Die Pflege muss uns etwas wert sein. Das wird auch etwas kosten. Da brauchen wir nicht drum rum reden.

FAS: Wollen Sie die Betreiber von Pflegeheimen zu Altruisten machen?

Dr. Franziska Giffey: Natürlich arbeitet jedes privatwirtschaftliche Unternehmen gewinnorientiert. Aber der Staat setzt die Rahmenbedingungen. Wenn wir einen eklatanten Fachkräftemangel haben, der mit den Arbeitsbedingungen zusammenhängt, dann müssen wir diese Bedingungen verbessern. Gerade in der Altenpflege ist der Fachkräftebedarf besonders hoch. Auf 100 gemeldete offene Arbeitsstellen kommen derzeit nur 27 arbeitslos gemeldete Altenpflegefachkräfte. Es besteht also dringender Handlungsbedarf. Darum haben wir die Konzertierte Aktion Pflege gestartet.

FAS: Derzeit sind 14 Minuten fürs Waschen und Anziehen vorgesehen. Reicht das?

Dr. Franziska Giffey: Wenn alles glatt läuft, schafft man das vielleicht. In der Praxis ist das oft nicht so. Da soll ein alter Mensch angezogen werden, aber er möchte erst mal zur Toilette. Vielleicht will er auch gar nicht. Dafür muss Zeit sein. Diese Zeit gewinnt man nur mit mehr Personal.

FAS: Und was macht die Familienministerin?

Dr. Franziska Giffey: Mir geht es vor allem darum, Menschen für die Pflege zu gewinnen. Darum verbessern wir die Ausbildung. Der Bundestag hat gerade die neue Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Pflegeberufe beschlossen. Damit wird ab 2020 das Schulgeld überall abgeschafft und eine Ausbildungsvergütung für alle eingeführt. Man kann sich fragen, warum das nicht schon längst passiert ist. Ich sehe es lieber positiv: Wenigstens kommt es jetzt endlich!

Und dann müssen wir darüber reden und für die Pflege werben. Wir schicken ein Team von 40 Leuten los, die überall in Deutschland in die Schulen gehen und über den Pflegeberuf aufklären: Was macht man da genau, wie viel verdient man, wie sieht die neue Ausbildung aus? Da geht es um die Frage: Können wir junge Leute für diesen Beruf gewinnen oder wollen alle YouTuber werden?

FAS: Der Pfleger, den die Kanzlerin besucht, macht nebenher noch Rap.

Dr. Franziska Giffey: Find ich gut. Warum sollten Pfleger denn nicht rappen?

FAS: Was erzählen Ihre Leute den Schülern? Dass es sexy ist, alten Leuten den Hintern abzuwischen?

Dr. Franziska Giffey: Erst mal erzählen sie, dass Pflege mehr ist als "Hintern abwischen" und "Essen verteilen". Da sind viele Vorurteile in der Welt. Natürlich ist das ein schwerer, auch psychisch belastender Beruf. Darum müssen wir die Arbeitsbedingungen verbessern. Aber gleichzeitig ist wahr: Das teils krude Bild des Berufs entspricht überhaupt nicht der Realität. Die jungen Leute sollten sich fragen: Bin ich jemand, der gerne anderen hilft und eine fachlich anspruchsvolle Arbeit leisten möchte? Bin ich vielleicht nicht so der Bürotyp, sondern möchte lieber direkt am Menschen arbeiten? Es geht auch um längerfristige Perspektiven: Möchte ich mich in der Altenpflege weiterbilden?

FAS: Welche Perspektiven hat man denn als Pflegekraft?

Dr. Franziska Giffey: Jede Menge! Wenn man Erfahrung sammelt und gut ist, kann man auch leitende Aufgaben übernehmen. Bis hin zur Heimleitung. Mit dem Pflegeberufegesetz kann man künftig nach der Ausbildung weiter an die Uni. Und es gibt bereits unterschiedliche Studiengänge: Das betrifft zum Beispiel die Organisation von Pflege oder Fragen der Digitalisierung.

FAS: Sie wollen auf Pflegeroboter hinaus?

Dr. Franziska Giffey: Das ist eine unrealistische Vision. Es wird immer Dinge geben, die nur ein Mensch machen kann. Und anders würde ich es auch nicht wollen. Roboter können Hilfestellungen geben. Und für Organisation und Dokumentation ist die Digitalisierung eine große Hilfe, zum Beispiel bei der Gabe von Medikamenten.

FAS: Wollen Sie, dass die Pfleger wie in anderen Ländern generell ein Hochschulstudium absolvieren?

Dr. Franziska Giffey: Ganz und gar nicht. Das Studium muss eine von mehreren Möglichkeiten sein, damit wir auch Leuten mit Abitur eine gute Perspektive bieten können. Aber auch junge Menschen mit Haupt- oder Realschulabschluss müssen weiterhin den Zugang zu dieser Ausbildung haben. Wir wollen die Wege in die Pflegeberufe breiter machen, nicht enger.

FAS: Kann man den Beruf überhaupt bis zur Rente ausüben, ohne dass zum Beispiel der Rücken schlappmacht?

Dr. Franziska Giffey: Ich habe viele ältere Pflegekräfte erlebt, die das bis zur Rente machen. Auch hier kommt es auf Organisation und Hilfsmittel an. Es gibt in der Pflege verschiedene Tätigkeiten, nicht alle sind körperlich belastend. Die Arbeitsbedingungen müssen so gestaltet sein, dass Menschen möglichst lange in ihrem Beruf bleiben können.

FAS: Die Pflege ist vor allem ein Frauenberuf. Sie wollen den Männeranteil erhöhen?

Dr. Franziska Giffey: Das ist ein Gleichstellungsthema, auch was die Bezahlung angeht und das betrifft übrigens nicht nur die Pflege. Über fünf Millionen Menschen arbeiten in den sozialen Berufen, zu 80 Prozent Frauen. Ich war neulich in einer Kreuzberger Jugendeinrichtung und habe versucht, die Jungs für den Erzieherberuf zu begeistern. Wissen Sie, was die Antwort war? "Hören Sie mal, wir wollen doch anständig Geld verdienen!" Chef sein, ein gutes Auto fahren, gut leben und eine Familie ernähren. Da fallen die sozialen Berufe für viele aus der Auswahl gleich raus.

FAS: Das heißt?

Dr. Franziska Giffey: Es muss sich an der Bezahlung etwas ändern - für Frauen und Männer. Es muss möglich sein, dass eine Altenpflegerin oder ein Altenpfleger sorgenfrei die Familie ernähren kann. Verlässliche Arbeitszeiten und Dienstpläne sind auch ein wichtiges Thema. Klar, in der Altenpflege geht es nicht ohne Nachtschichten. Aber Arbeitszeiten müssen planbar sein und es muss einen entsprechenden Ausgleich geben. Sonst steigen die Leute wieder aus. Neulich sagte mir einer, ich kann es mir finanziell nicht leisten, weiter als Pflegekraft zu arbeiten. Das darf doch nicht sein!

FAS: Würden Sie Ihrem kleinen Sohn raten, später den Pflegeberuf zu ergreifen?

Dr. Franziska Giffey: Da halte ich es mit dem Liedtext von den Ärzten: "Es ist egal, was du bist, Hauptsache, es macht dich glücklich." Ich werde meinen Sohn bei jedem Berufswunsch unterstützen. Wenn er gerne Pflegefachkraft werden möchte, dann soll er das machen. Nur wenn Menschen das tun, was sie gerne machen, können sie ihre Fähigkeiten richtig entfalten.

FAS: Brauchen wir mehr Pflegekräfte aus dem Ausland?

Dr. Franziska Giffey: Das kann ein Baustein sein. Aber mein Fokus liegt im Inland. Wir müssen sehen, wie wir unsere eigenen Potentiale heben. Wir müssen auch bei den Migranten schauen, die schon im Land sind - mit Fortbildung, mit einer besseren Anerkennung von Berufsabschlüssen.

FAS: Wir brauchen also nicht nur syrische Ärzte, wie es immer heißt, sondern wir brauchen auch syrische Pfleger?

Dr. Franziska Giffey: Ich finde sinnvoll, dass wir zunächst schauen, wer schon hier ist, was Menschen können und ob für sie der Pflegeberuf in Frage kommt. Ich möchte das nicht an Nationalitäten festmachen. Für alle gilt, Sprachkenntnisse und Qualifikation müssen vorhanden sein oder erworben werden.

FAS: Im Inland ist das Reservoir an Arbeitskräften doch allmählich erschöpft, oder?

Dr. Franziska Giffey: Nein. Ich bin überzeugt, mit einer modernen Pflegeausbildung und verbesserten Arbeitsbedingungen können wir neue Zielgruppen ansprechen und mehr Pflegefachkräfte gewinnen.

FAS: Was ist Ihr Wunsch: Wie soll gute Pflege in zehn Jahren aussehen?

Dr. Franziska Giffey: Mein Wunsch ist, dass die Pflege in der Gesellschaft besser angesehen ist. Nicht, weil wir Dinge schön reden, sondern weil wir die Situation wirklich verbessern. Und dann können wir auch werben für den Beruf. Ich hoffe, junge Menschen sagen in 10 Jahren: Das ist ein cooler Job. Spannende Aufgaben, gutes Einkommen, faire Arbeitsbedingungen und die Zeit, sich wirklich Menschen zu widmen. Und ältere Menschen sagen in 10 Jahren: Ich habe ein gutes Gefühl, wenn ich an die Zeit denke, in der Pflege nötig wird. Weil ich weiß, dass Menschen sich gut um mich kümmern. Wenn das gelingt, haben wir richtig viel geschafft.