WirtschaftsWoche

Dr. Franziska Giffey: "In Kitas arbeiten keine Basteltanten"

Dr. Franziska Giffey im Gespräch
Dr. Franziska Giffey© Ute Grabowsky/photothek.net

WirtschaftsWoche: Frau Giffey, Herr Schweitzer, Deutschland steht vor einer Rezession, bald könnte es in der Politik wieder ums Sparen gehen. Welche Ausgaben für Familien sind verzichtbar?

Dr. Franziska Giffey: Wollen Sie zuerst?

Eric Schweitzer: Der Ball liegt bei Ihnen.

WirtschaftsWoche: Also: Seien Sie mutig!

Dr. Franziska Giffey: Natürlich sind gar keine Ausgaben verzichtbar. Alles, was wir in Familien stecken, ist gut investiertes Geld.

WirtschaftsWoche: Das lässt sich so pauschal sagen?

Dr. Franziska Giffey: Ja, weil das Geld mehrfach zurückkommt. Gute Chancen für jedes Kind und eine hohe Erwerbstätigkeit von Männern und Frauen können wir nur erreichen, wenn wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern.

WirtschaftsWoche: Die Wirtschaft drängt auf Entlastungen. Herr Schweitzer, sollen die sich auch dadurch finanzieren, dass familienpolitische Leistungen gekürzt werden?

Eric Schweitzer: Wir dringen nicht auf Entlastungen in dem Sinne, dass sinnvolle Dinge nicht getan werden sollten. Das größte Wachstumshemmnis für fast alle Firmen ist schon jetzt der Fachkräftemangel. Heute gibt es noch 52 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter, in 15 Jahren sind es aber wahrscheinlich vier bis sechs Millionen weniger. Die Unternehmen können ihre wirtschaftliche Grundlage nur erhalten, wenn mehr Frauen arbeiten. Das geht nur mit einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Dr. Franziska Giffey: Und die gibt es nur mit ausreichender und qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung. Das geht in der Krippe und der Kita los und muss danach weitergehen. Deshalb arbeiten wir daran, den Rechtsanspruch auf Ganztag in der Grundschule bis 2025 umzusetzen. Es gibt dafür auch zwei Milliarden Euro Investitionsmittel vom Bund.

WirtschaftsWoche: Was heißt eigentlich "Ganztagsbetreuung"? Das ist ja ein dehnbarer Begriff.

Dr. Franziska Giffey: Jedenfalls endet Ganztagsbetreuung nicht um 14.30 Uhr - auch wenn es einige Landespolitiker so sehen.

WirtschaftsWoche: Ernsthaft?

Dr. Franziska Giffey: Inzwischen haben Bund und Länder sich geeinigt: An fünf Tagen pro Woche soll es für die ersten vier Schulklassen ein Angebot von acht bis 16 Uhr mit Mittagessen und maximal vier Wochen Schließzeit in den Grundschulen geben. Im Moment ist etwa die Hälfte der Grundschulkinder in einer Ganztagsbetreuung untergebracht, der Bedarf liegt aber bei 75 Prozent. Diese Lücke wird meistens von Müttern gefüllt. Wir müssen dahin kommen, dass alle, die arbeiten wollen, dass auch tun können. Das ist auch im Sinne der Wirtschaft. Wo ich hinkomme, erzählen mir die Unternehmer, dass sie keine Leute finden.

Eric Schweitzer: Das ist ja auch so. Wobei ich hinzufügen muss: Es muss bei der Betreuung nicht um Aufbewahrung, sondern um bestmögliche Qualität gehen. Wir sollten die Nachmittage nutzen, um Kinder für Naturwissenschaften und Technik zu begeistern!

WirtschaftsWoche: Ist da nur der Staat gefordert oder auch die Unternehmen?

Dr. Franziska Giffey: Selbstverständlich alle.

Eric Schweitzer: Aber es ist ja nicht so, als würden die Firmen nichts tun. In den vergangenen Jahren ist im Hinblick auf Familienfreundlichkeit extrem viel passiert. Das Bewusstsein hat sich gewandelt: Als ich 2013 Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages wurde, habe ich deshalb sofort einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschüler gefordert. Damals wurde ich noch schief angeguckt. Heute sagen alle: Du hattest Recht. Aber das reicht noch nicht.

WirtschaftsWoche: Ist ihr Ideal, dass beide Eltern mit kleinen Kindern Vollzeit arbeiten?

Eric Schweitzer: Nein. Darum geht es nicht, das ist Sache der Eltern. Wir erleben in den Betrieben den Mangel an Fachkräften - und bekommen immer wieder die Rückmeldung, dass insbesondere Frauen mehr arbeiten könnten, wenn sich Familie und Beruf leichter vereinbaren ließen. Inzwischen sind mehr als 70 Prozent der Frauen in Deutschland erwerbstätig, das ist Platz drei in der Europäischen Union. Aber fast die Hälfte dieser Frauen arbeiten Teilzeit mit durchschnittlich 20 Stunden in der Woche. Da geht noch was. Der Unterschied bei den Arbeitsstunden ist übrigens auch ein Grund, warum Männer öfter Karriere machen.

WirtschaftsWoche: Weil Frauen zu wenig im Büro präsent sind?

Eric Schweitzer: Wer vorher zehn oder 20 Jahre halbtags gearbeitet hat, wird in der Regel nicht mit 50 Konzernchefin.

WirtschaftsWoche: Muss man nicht auch andere Anreize schaffen? Das Ehegattensplitting nützt Paaren mit ungleichen Einkommen und macht es gerade für Frauen oft unattraktiv, arbeiten zu gehen.

Dr. Franziska Giffey: Ich würde das Splitting deswegen auch gerne abschaffen, aber das ist nicht Teil des Koalitionsvertrags.

WirtschaftsWoche: Das stört die SPD bei anderen Themen allerdings auch nicht.

Dr. Franziska Giffey: Wir müssen realistisch bleiben. Und Gleichberechtigung ist viel mehr: gleiche Erwerbschancen, gleiche Bezahlung, gleiche Rentenansprüche.

WirtschaftsWoche: Warum starten die Wirtschaftsverbände keine Initiative zur Abschaffung des Ehegattensplittings?

Eric Schweitzer: Wir haben bei so vielen Steuerthemen Handlungsbedarf …

WirtschaftsWoche: … dass andere Themen wichtiger sind?

Eric Schweitzer: Für die Perspektive, die wir im Interesse der gewerblichen Unternehmen bei der Steuerpolitik einnehmen, ist das sicher so.

WirtschaftsWoche: Herr Schweitzer, die Schulen kämpfen jetzt schon mit Unterrichtsausfall und Lehrermangel, sie sollen aber immer mehr leisten. Müsste sich die Wirtschaft nicht schon im eigenen Interesse stärker engagieren?

Eric Schweitzer: Tut sie ja. Unser Unternehmensnetzwerk "Erfolgsfaktor Familie" hat mehr als 7300 Mitglieder, die sich für Familienfreundlichkeit engagieren. Wir sind da sehr hemdsärmelig unterwegs. Manch einer in Deutschland hat ja noch ein Unternehmerbild, dass da einer mit Zylinder herumläuft und mit einer dicken Mercedes S-Klasse herumkutschiert wird ...

WirtschaftsWoche: ... die SPD hat vor kurzem eine Kampagne gegen die Abschaffung des Solis für Gutverdiener gestartet und dabei ein Foto verbreitetet, auf dem jemand beim Liegen im Sonnenstuhl Geld verdient.

Eric Schweitzer: Ich kenne solche Leute nicht. Wir sind Unternehmer, nicht Unterlasser. Wenn Sie sich mal allein unter den Firmenchefs umschauen, die sich in unseren Industrie- und Handelskammern ehrenamtlich engagieren, finden Sie sehr viele, die vor Ort Schulen, Kitas und und Sportvereinen helfen.

WirtschaftsWoche: Ist dieses Engagement in ganz Deutschland die Regel?

Eric Schweitzer: Es ist jedenfalls weit verbreitet. Mein Unternehmen Alba engagiert sich beispielsweise bei Deutschlands größtem Basketball-Club, und wir sind nun wirklich nicht die einzigen, die sich in ihrer Region einbringen. Ich würde mir manchmal wünschen, dass die Politik ähnlich nah an den Problemen ist - und etwa die Öffnungszeiten für Kitas so regelt, dass sie halbwegs in Einklang mit den Arbeitszeiten der Eltern sind.

Dr. Franziska Giffey: Der Bedarf ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Wenn wir mehr Betreuungszeit wollen, brauchen wir mehr Leute. Und wenn wir mehr gute Betreuung wollen, brauchen wir mehr qualifizierte Leute. So einfach ist das. Und da müssen wir bei den Erzieherinnen und Erziehern anfangen. Hier sind die Länder in der Pflicht.

WirtschaftsWoche: Aber wie soll das passieren?

Dr. Franziska Giffey: Das Bundesfamilienministerium unterstützt die Länder mit einer Fachkräfteoffensive für Erzieher und Erzieherinnen. In diesem Jahr gab es für die von uns finanzierten 2500 Plätze dreimal so viele Interessenten. Und warum? Weil sie kein Schulgeld zahlen müssen, sondern eine Ausbildungsvergütung bekommen.

Eric Schweitzer: Es geht in Richtung eines Ausbildungssystems, wie wir es bei von den Kammern kennen: praxisnah und anpassungsfähig an neue Aufgaben.

Dr. Franziska Giffey: Es ist sonnenklar, was zu tun ist. Es gibt viele Menschen, die Erzieher oder Erzieherin werden wollen, aber die Bedingungen müssen stimmen. Dann können wir ganz neue Gruppen erreichen. Bei unseren Azubis sind Menschen um die 40 dabei, die seit Langem als Notarangestellte oder Zahnarzthelferin arbeiten, aber eigentlich schon immer Erzieher oder Erzieherin werden wollten. Aber sie waren eben nicht in der Lage, Schulgeld zu bezahlen und drei Jahre ohne Gehalt zu überbrücken. Wer kann das schon?

Eric Schweitzer: So geht übrigens kein Unternehmer mit seinen Auszubildenden um.

Dr. Franziska Giffey: Und wissen Sie, was das Tollste ist? Sobald es Geld gibt, kommen auch mehr männliche Bewerber.

WirtschaftsWoche: Trotzdem wollen Frauen und Männer auch eine echte berufliche Perspektive. Die fehlt bei Erziehern bislang häufig.

Dr. Franziska Giffey: Mir hat mal ein Erzieher gesagt: Ich will mehr als 40 Jahre Bauteppich. Deshalb brauchen wir bessere Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten. Das fördern wir mit unserer Offensive auch.

WirtschaftsWoche: Müssen Erzieher besser bezahlt werden? Das Einstiegsgehalt liegt bei rund 2700 Euro brutto.

Dr. Franziska Giffey: Dafür brauchen wir erst einmal die richtige Haltung: Kitas sind keine Aufbewahrungsanstalten, sondern Bildungseinrichtungen. Dort arbeiten keine Basteltanten, sondern Pädagoginnen und Pädagogen. Und die müssen gut bezahlt werden.

WirtschaftsWoche: Das heißt konkret?

Dr. Franziska Giffey: Eine Orientierung am Grundschullehrergehalt wäre gerechtfertigt.

WirtschaftsWoche: Ein verbeamteter Grundschullehrer verdient beim Berufseinstieg rund 3500 Euro. Heißt Orientierung dann 3500 oder letztlich doch nur 3000 Euro?

Dr. Franziska Giffey: Das muss letztlich in Tarifverhandlungen entschieden werden.

WirtschaftsWoche: In Deutschland arbeiten fast so viele Erzieher wie Beschäftigte der Automobilindustrie. Warum hatten sie es bisher so schwer, ihre Interessen durchzusetzen?

Eric Schweitzer: Die Chefs der Autokonzerne können sich auch nicht über mangelnde Herausforderungen beklagen. Aber wenn wir wollen, dass Eltern länger am Arbeitsplatz sein können, müssen wir nicht nur in Gebäude, sondern auch in die verantwortlichen Menschen investieren. 

WirtschaftsWoche: Und irgendwann ist die Ganztagsbetreuung der Normalfall?

Eric Schweitzer: Nein. Man muss die Prioritäten der Eltern respektieren. Ich bin gegen eine Hort- oder Kitapflicht.

Dr. Franziska Giffey: Ich finde wichtig, dass Eltern die Wahl haben.

WirtschaftsWoche: Auch für Kinder, die nicht gut Deutsch sprechen?

Eric Schweitzer: Das sind doch Theoriedebatten. Zunächst brauchen wir doch Plätze für diejenigen, die ihre Kinder gern unterbringen wollen - und das möglichst am richtigen Ort. Noch ist die Nachfrage deutlich größer als das Angebot. 

Dr. Franziska Giffey: Wenn mehr Kinder in die Kita gehen und dort qualifizierte Erzieher haben, klappt es auch besser mit der Sprache. Der Bund hilft den Ländern deshalb mit einem Programm für "Sprach-Kitas".

WirtschaftsWoche: Im internationalen Vergleich fallen die deutschen Schüler allerdings zurück, gerade Ausbildungsbetriebe klagen darüber - und auch die Bürger machen sich zusehends Sorgen.

Eric Schweitzer: Das Thema beschäftigt uns in der Tat seit Jahren. Nur qualitativ gute Ganztagesangebote können das ändern. 

WirtschaftsWoche: Gehört dazu nicht auch eine konsequentere Digitalisierung? An vielen Schulen wird noch mit Tafel und Kreide gelehrt. 

Dr. Franziska Giffey: Jetzt übertreiben Sie. Erstens ist eine Tafel nicht per se schlecht. Zweitens ist es auch nicht damit getan, überall Smartboards aufzuhängen, die Medienkompetenz der Lehrer muss stimmen. Drittens haben sich viele Schulen auf den Weg gemacht. Mit dem Geld aus dem DigitalPakt Schule können sie jetzt noch besser werden.