Badische Neueste Nachrichten

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig über familienpolitische Vorhaben

Badische Neueste Nachrichten: Familienpolitik nimmt vieles in den Blick: die Interessen der Frauen, die Interessen der Wirtschaft, die Interessen des Staates an mehr Kindern ... sie haben kürzlich gefordert, moderne Familienpolitik müsse Partnerschaftlichkeit mehr in den Vordergrund stellen. Klingt selbstverständlich. Aber wie soll das gehen?

Manuela Schwesig: Gerade junge Paare wünschen sich, die Zeit für Kinder, für den Haushalt, aber vor allen Dingen auch die Arbeit partnerschaftlich zu teilen. 60 Prozent der Paare mit Kindern unter drei Jahren möchten das, aber nur 14 Prozent tun es, weil die Arbeitswelt noch immer familienunfreundlich ist. Aber auch, weil es lange Zeit die Regel war, dass Männer 40 Stunden plus und Frauen häufig in kleiner Teilzeit arbeiten.

Badische Neueste Nachrichten: Manche Familien stehen unter finanziellem Druck, sie haben gar nicht die Wahl: Vater und Mutter müssen arbeiten, um mit den Kindern über die Runden zu kommen ...

Manuela Schwesig: ... genau. Deshalb müssen wir darüber nachdenken, wie wir Familienmit Eltern, die beide arbeiten müssen, besser unterstützen. Ich habe die Idee der Familienarbeitszeit zur Diskussion gestellt. Wir machen den ersten Schritt mit dem ElterngeldPlus. Damit werden wir ab 1. Juli 2015 die Eltern unterstützen, die nach der Geburt wieder in Teilzeit in den Beruf einsteigen. Wenn Elternteile partnerschaftlich mit Teilzeit einsteigen, bekommen sie noch einen Partnerschaftsbonus.

Badische Neueste Nachrichten: Wer bezahlt das?

Manuela Schwesig: Die Kosten liegen bei knapp 100 Millionen Euro und werden aus Steuermitteln finanziert.

Badische Neueste Nachrichten: Ist die Geburtenrate für Sie ein Erfolgsbarometer für die Familienpolitik?

Manuela Schwesig: Ich sehe meine Aufgabe als Bundesfamilienministerin nicht in erster Linie darin, die Geburtenrate zu erhöhen. Die Entscheidung für ein Kind ist so privat, dass sie sich zur Begründung von Politik nicht eignet. Ich will ein familienfreundliches Klima schaffen: Wer einen Kinderwunsch hat, soll ihn auch verwirklichen können. Wenn wir dieses Klima erreicht haben, werden sicherlich auch mehr Eltern sich für ein Kind entscheiden.

Badische Neueste Nachrichten: Nun stehen Familien auch auf anderer Weise unter Druck: das Ideal einer Familie gerät ins Wanken. Muss die Politik sich darauf einstellen?

Manuela Schwesig: Moderne Familienpolitik muss sich an der Lebenswirklichkeit der Menschen orientieren. Die Familien heute sind bunt, sie sind vielfältig. Familie ist für mich da, wo Menschen füreinander partnerschaftliche Verantwortung übernehmen. Das können Paare sein mit Trauschein oder ohne, das sind Alleinerziehende, aber auch die Patchwork- und Regenbogenfamilien. Zu Familien zählen auch Singles und diejenigen, die pflegebedürftige Angehörige haben. Auch sie stellen sich oft die schwierige Frage, wie sie Berufsleben und Pflege vereinbaren können. Für all diese verschiedenen Lebensmuster muss die Politik gute Rahmenbedingungen schaffen.

Badische Neueste Nachrichten: Vielfalt in den Lebensformen: Gerade hat Conchita Wurst sozusagen ein europaweites Plädoyer für mehr Toleranz erhalten. Ist die Gesellschaft weiter als viele dachten?

Manuela Schwesig: Dass unsere Gesellschaft schon weiter ist, zeigen die vielfältigen Lebensentwürfe und Familienkonstellationen in unserem Land. In einer Familie kommt es darauf an, dass man mit Liebe und Respekt miteinander umgeht und Zeit füreinander hat - egal, ob Paare heterosexuell sind oder homosexuell. Die Beziehung zu Kindern basiert auf Liebe und Vertrauen, und das können alle Menschen geben.

Badische Neueste Nachrichten: Kirchen - sie sind selbst evangelisch - stehen diesen Fragen eher abwartend gegenüber. Was antworten Sie Menschen, die sich mit dieser Entwicklung des Familienbildes schwer tun?

Manuela Schwesig: Ich kann verstehen, dass manche sich mit den gesellschaftlichen Entwicklungen schwer tun. Aber ich finde es gut und wichtig, sich damit zu beschäftigen. Gerade vor einem christlichen Hintergrund stelle ich die Frage: Was hätte Jesus dazu gesagt? Er hätte bestimmt niemanden ausgegrenzt, sondern ihn in die Mitte des Lebens geholt!

Badische Neueste Nachrichten: Ihr Ministerium fördert auch das private Engagement. Warum braucht privates Engagement staatliche Unterstützung?

Manuela Schwesig: Wir brauchen eine starke Bürgergesellschaft. Der Staat kann nicht alles alleine machen. Mir ist es wichtig, dass Menschen sich einsetzen, füreinander da sind. Daher habe ich in meinem Ministerium eine Unterabteilung genau mit diesem Thema betraut: Es gilt, Engagement für das Gemeinwesen anzuerkennen und wertzuschätzen.