Hintergrund

Zwangsverheiratung in Deutschland

Das Bundesfamilienministerium hat 2007 zusammen mit dem Deutschen Institut für Menschenrechte den Sammelband "Zwangsverheiratung in Deutschland" vorgelegt, der erstmals ein breites Spektrum an Expertenwissen aus Wissenschaft und Praxis bündelte. Darauf aufbauend wurde die nun vorliegende Studie "Zwangsverheiratung in Deutschland - Anzahl und Analyse von Beratungsfällen" in Auftrag gegeben. Beide Studien machen deutlich, dass gezielte Maßnahmen getroffen werden müssen, um Zwangsverheiratungen zu verhindern und Bedrohte sowie Betroffene unterstützen zu können.

Die Analysen der aktuellen Veröffentlichung zeigen, dass vor allem Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund von Zwangsverheiratung bedroht beziehungsweise betroffen sind. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Jungen und Männer von der Problematik Zwangsverheiratung ausgeschlossen sind. Nicht zuletzt aufgrund traditionell ausgelegter Männlichkeitsrollen ist der Graubereich zwischen "arrangierter Ehe" und "Zwangsverheiratung" bei ihnen noch schwerer zugänglich als bei Frauen. In den Befragungen wurde ein Anteil von 6,6 Prozent (Befragung von Beratungsstellen) respektive 5,2 Prozent (Falldokumentation) betroffener Jungen und Männer ermittelt. Nicht nur die Konsequenzen der Verheiratung unterscheiden sich - Jungen und Männer haben in der Zwangsehe meist mehr Freiheiten als Mädchen und Frauen - auch der Umgang mit Zwang ist anders: Jungen und Männer sehen sich selbst häufig nicht als Opfer.

Angedrohte und erfolgte Zwangsverheiratung

Wie viele Personen in Deutschland tatsächlich von Zwangsverheiratung bedroht beziehungsweise betroffen sind, kann nicht eindeutig geklärt werden. Die gewonnenen Zahlen bieten dabei erstmals einen Anhaltspunkt. Der Studie liegt eine weite Definition von Zwangsverheiratung zugrunde, die sowohl angedrohte als auch erfolgte Zwangsverheiratungen umfasst, da die Gefährdungslage oft vergleichbar ist. Vermutlich kam es auch in 14 bis 43 Prozent der Fälle zu Mehrfachberatungen, so dass die Anzahl der Beratenen nicht exakt ermittelt werden kann.

Vor diesem Hintergrund gaben die Beraterinnen und Berater aus 830 Beratungs- und Schutzeinrichtungen in Deutschland an, dass sie im Jahr 2008 zusammen 3.443 Personen zum Thema "Zwangsverheiratung" beraten haben. Demgegenüber steht eine Dunkelziffer nicht erfasster Betroffener.

Zwangsverheiratung und Gewalt in der Familie

Die Studie macht zudem deutlich, dass Zwangsverheiratungen im Kontext von Gewalt in der Familie vollzogen werden. Zwei Drittel der befragten Personen erlebten in ihrer Erziehung häusliche Gewalt. Diese erfolgte gegenüber Frauen wie Männern in ähnlicher Weise: An erster Stelle steht psychische, gefolgt von körperlicher und sexueller Gewalt. Mehr als die Hälfte gab an, dass sie zur Durchsetzung der Zwangsverheiratung körperlichen Angriffen ausgesetzt waren, 27 Prozent wurden mit Waffen und / oder Mord bedroht.

Häufig geht eine Zwangsverheiratung auch mit Schul- und Ausbildungsabbrüchen einher. Zudem sind die Betroffenen in hohem Maße davon bedroht, in der Ehe zukünftig im Ausland leben zu müssen.

Maßnahmen der Bundesregierung

Neben der Intensivierung der Forschung sind weitere Maßnahmen zur Bekämpfung von Zwangsverheiratungen und zur Unterstützung der Betroffenen erforderlich: neben niedrigschwelligen Präventions- und Unterstützungsangeboten und rechtlichen Maßnahmen sollte auch die Stärkung der Betroffenen vorangetrieben werden.

Prävention und Unterstützung

Um Zwangsverheiratung wirksam bekämpfen zu können, müssen niedrigschwellige Präventions- und Unterstützungsangebote geschaffen werden. Bis Mai 2010 hat das Bundesfamilienministerium für drei Jahre eine Online-Beratung zum Bereich Zwangsverheiratung als Modellprojekt gefördert. Das Projekt wird von mehreren Bundesländern weiter unterstützt, so dass die Online-Beratung weiterhin allen Betroffenen und Unterstützerinnen und Unterstützern offen steht. Projektträger ist Papatya, eine Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen in Berlin.

Rechtliche Maßnahmen

Auch rechtliche Maßnahmen sind erforderlich, um wirksam gegen Zwangsverheiratungen vorgehen zu können. Am 1. Juli 2011 ist das Gesetz zur Bekämpfung von Zwangsverheiratung und zum besseren Schutz der Opfer von Zwangsheirat sowie zur Änderung weiterer aufenthalts- und asylrechtlicher Vorschriften in Kraft getreten.

Stärkung der Betroffenen

Die vom Bundesfamilienministerium geförderte Studie "Migrantinnenorganisationen in Deutschland" macht deutlich, dass Selbstorganisationen ebenfalls einen wichtigen Beitrag zum Empowerment und zur Integration von Migrantinnen leisten. Die Studie enthält daher unter anderem die Empfehlung, die Selbstorganisation der Migrantinnen zu stärken. Um dies zu ermöglichen, veranstaltet das Bundesfamilienministerium am 19. und 20. November einen bundesweiten Kongress für Migrantinnen und ihre Selbstorganisationen in Frankfurt am Main

Ein weiteres Projekt zur Stärkung von Mädchen und Frauen ist der Girl's Day 2012, der im nächsten Jahr speziell Mädchen mit Migrationshintergrund adressieren wird.