Grafik: 7. Familienbericht

VI. Chancen und Zwänge: Zeitorganisation

Auf Familie wirken sich in unterschiedlicher Weise die gravierenden Umbrüche in Zeitstrukturen aus, die mit dem Wandel von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft verbunden sind. Die Organisation eines Familienalltags mit seinen vielen Teilaufgaben ist unter komplexer werdenden gesellschaftlichen Arbeits- und Lebensbedingungen aufwändig. Familienzeit bedarf in besonderer Weise einer aktiven Herstellung. Ohne eine solche aktiv und bewusst betriebene Koordinations- und Synchronisationsleistung ist Familienleben in modernen Gesellschaften nicht möglich.

Zeit in der Familie ist vielgestaltig und integriert verschiedene Dimensionen. Ein wichtiger Teil betrifft Familienzeit als Versorgungs- und Fürsorgezeit für andere. Der Wandel der Erwerbsarbeitswelt und die verstärkte Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt führen nur in begrenztem Maß zu neuen Geschlechterarrangements hinsichtlich der Aufteilung von Familienaufgaben.

Viele Diskussionen über die gegenwärtigen Zeitprobleme von Familien kreisen um die pauschale Behauptung, Familien verfügten heute über ein knapper gewordenes Budget an gemeinsamer Familienzeit. Festzuhalten ist jedoch, dass sowohl international als auch in der repräsentativen Zeitbudgetstudie für die Bundesrepublik in der jüngsten Vergangenheit nicht nachgewiesen werden kann, dass Eltern weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen. Neben teilweise objektiv knappen Zeitbudgets in Familien führen vor allem zu wenig Betreuungsplätze und unflexible Betreuungszeiten dazu, dass familiale Alltagsarrangements zunehmend komplizierter und anspruchsvoller werden und zwischen den Eltern immer wieder aufs Neue ausgehandelt und abgestimmt werden müssen.

Unbestritten ist die Erwerbsarbeit der mächtigste Taktgeber für familiale Lebensführung. Aufgrund der neuen variablen Anforderungen an die Arbeitszeitgestaltung erweist sich der Alltag erwerbstätiger Eltern, insbesondere erwerbstätiger Mütter, als hochgradig widersprüchlich. Die Forschung zeigt, dass nicht ein Arbeitszeitmodell an sich und als solches auf Familienleben wirkt, vielmehr sind es die betrieblichen Bedingungen seiner Umsetzung in Wechselwirkung mit den weiteren Faktoren der Lebensführung von Familien, die das Alltagsleben erleichtern oder erschweren. Ein Spektrum von Maßnahmen zur Gestaltung familiengerechter Arbeitszeit wird an dieser Stelle thematisiert.

Zukünftig notwendig wird die Entlastung des familialen Alltags von zu viel konfligierender Gleichzeitigkeit, zusammengepresst auf wenige Lebensjahre. Die radikale Abkehr vom männlich konnotierten Modell der kontinuierlichen Erwerbsbiografie ist dafür erforderlich. Eine zukunftsorientierte Zeitpolitik muss Alternativen des Ausstiegs in Sabbaticals und die Arbeitszeitreduktion beider Geschlechter ins Auge fassen, so wie langfristige Alternativen zur Kopplung von Einkommen an Erwerbsarbeit ermöglichen.

Gliederung des Kapitels
VI.1. Umbrüche von Zeitstrukturen
VI.2. Familienzeit - die Komplexität gemeinsamer Zeit
VI.3. Versorgungszeiten im Familienalltag
VI.4. Zeitkonflikte von Familien - das Spannungsfeld von Erwerbs- und Familienzeit
VI.5. Flexibilisierung der Arbeitszeit in ihrer Bedeutung für Familien
VI.6. Die doppelte Anforderungsstruktur von Familienzeiten

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