IV. Innerfamiliale Dynamiken
Familie ist zwar als angestrebte Lebensform stabil, aber in ihrer Ausprägung keine feste Einrichtung mehr. Vielmehr ist sie heutzutage eine Lebensform, die ständig neu überprüft und verändert wird. Familie unterliegt zahlreichen Bindungs- und Zerreißproben, die sich im Rahmen von Partnerschaft, Elternschaft sowie der Generationenbeziehungen unter Erwachsenen ergeben.
Aufgaben- und Rollenverteilung in Partnerschaften haben sich nicht nur stark verändert, sie sind auch zu einem wesentlichen Einflussfaktor für die Realisierung von Kinderwünschen geworden.
Noch kinderlose Paare leben ein relativ egalitäres Partnerschaftsmodell, beide Partner sind erwerbstätig, beteiligen sich an den familialen Aufgaben und schreiben sich wechselseitig in gleichem Maße die Verantwortung für den Eintritt der Schwangerschaft zu. Die Paare, die die Familiengründung bereits vollzogen haben, leben hingegen ein stärker traditionelles Partnerschaftsmodell, bei dem der Vater die Ernährerrolle übernimmt und die Mutter für die familialen Aufgaben zuständig ist. Die aufgabentypische Differenzierung zwischen Müttern und Vätern wird dadurch begünstigt, dass viele Routinetätigkeiten und kindbezogene Versorgungsaufgaben sofort erledigt werden müssen, der Vater aber tagsüber berufsbedingt abwesend ist. Zwar hat die Beteiligung von Vätern an der Betreuung und Erziehung ihrer Kinder in der Vergangenheit kontinuierlich zugenommen, die Hauptzuständigkeit für die Kinder liegt jedoch nach wie vor bei den Müttern. Denn für jede dritte Mutter bedeutet die Familiengründung einen langfristigen Ausstieg aus dem Beruf, während Väter zu 80 bis 90% einer Erwerbstätigkeit nachgehen, die überwiegende Mehrheit davon einer Vollzeittätigkeit.
Der Übergang zur Elternschaft erweist sich als ein Lebensabschnitt, der weit reichende Auswirkungen auch auf die Paarbeziehung der jungen Eltern hat. So lässt sich regelmäßig eine Abnahme der Beziehungsqualität im Übergang zur Elternschaft beobachten, mit der Paare unterschiedlich umgehen. Zunehmend mehr Familien sind heutzutage von einer Scheidung betroffen. In der Folge ist davon auszugehen, dass etwa ein Fünftel aller Kinder in den alten und ein Drittel in den neuen Bundesländern ihre Kindheit nicht mit ihren beiden leiblichen Eltern verbringen werden.
Scheidung wird in der Mehrzahl als eine Bedrohung für das physische, psychische und ökonomische Wohlbefinden von Erwachsenen betrachtet. Studienergebnisse zeigen aber auch, dass die überwiegende Mehrheit der Betroffenen resilient und dazu imstande ist, sich wieder ein normales und befriedigendes Leben aufzubauen. Festzuhalten bleibt, dass Scheidung zu einem größeren ökonomischen Abstieg bei betroffenen Frauen als bei Männern führt.
Mit dem Begriff der alltäglichen Herstellungsleistungen sind jene Prozesse gemeint, über die sich Familie selbst jeweils neu als Familie konstituiert. Diese Prozesse finden täglich statt. Sie umfassen die kindliche Sozialisation ebenso, wie die Generationenbeziehungen unter Erwachsenen. Heutzutage überwiegt die multilokale Mehrgenerationenfamilie. Die allermeisten erwachsenen Familiengenerationen leben nicht innerhalb derselben vier Wände oder unter demselben Dach, aber sie sind dennoch räumlich nicht weit voneinander entfernt. Gleichzeitig sind die intergenerationalen Verhältnisse von einer engen emotionalen Verbundenheit, von häufigen Kontakten und von vielfältigen und umfangreichen Unterstützungsleistungen geprägt.
Gliederung des Kapitels
IV.1. Herausforderungen für Familien
IV.2. Verlaufspfade der Familienentwicklung
IV.3. Familie als alltägliche Herstellungsleistung
IV.4. Familiendynamiken und ihre Folgen
