Grafik: 7. Familienbericht

II. Familien in Europa

Die Familienentwicklung in Deutschland ist Teil einer europäischen Entwicklung insgesamt, denn in den meisten europäischen Ländern haben sich Lebensläufe der Menschen analog verändert. Die Altersgruppe der jungen Erwachsenen unter 25 Jahren entscheidet sich nur noch selten für Kinder. Die gängige Abfolge von "ökonomischer Selbständigkeit - Heirat - eigener Haushalt - Kinder" wurde abgelöst durch eine Vielzahl unterschiedlicher Entwicklungspfade in das Erwachsenenalter, die nicht mehr notwendigerweise in eine bestimmte Familienform münden. Auch die demografischen Entwicklungen anderer europäischer Länder sind mit Deutschland vergleichbar. Mit der Einführung der Anti-Baby-Pille und der Bildungsreform gab es in ganz Europa Geburtenrückgänge. Das eigentliche Problem in Deutschland ist jedoch nicht die hohe Kinderlosigkeit, sondern die geringe Quote an Mehrkinderfamilien, die die Kinderlosigkeit ausgleichen könnte.

Die entscheidende Ursache liegt in der spezifisch deutschen Planung des Lebenslaufs. Seine strenge Dreiteilung in Ausbildung, Beruf und Rente führt deshalb zu einer "Rushhour des Lebens": In kurzer Zeit muss alles auf einmal geschafft werden, einen Partner finden, den Berufseinstieg schaffen, Kinder bekommen, ein Haus bauen. Verstärkt wird diese Logik des Lebenslaufs durch die Organisation der Ausbildungs- und Berufssysteme. Zudem erleben Eltern mit der Entscheidung für Kinder einen ökonomischen Achterbahneffekt. Gerade zu Beginn der Familiengründung, wenn das Einkommen besonders nötig ist, geht es mit dem Bezug von Erziehungsgeld und der Inanspruchnahme von Elternzeit rapide zurück.

Trotz ähnlicher Voraussetzungen befinden sich heute andere europäische Länder in einer besseren Situation als Deutschland. Die Geburtenzahlen sind höher, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist leichter zu bewerkstelligen und mehr Mütter sind berufstätig. Für ähnliche Entwicklungen wurden unterschiedlich erfolgreiche gesellschaftspolitische Antworten gefunden. Die Kontrastierung der Entwicklungen in Dänemark, Frankreich, Niederlande und Großbritannien mit denen in Deutschland ermöglicht, die unterschiedlichen Entwicklungen in Bezug zu den jeweiligen familienpolitischen Strategien zu setzen und mögliche Optionen für ein Umsteuern in der deutschen Familienpolitik herauszufiltern.

Anders als andere europäische Länder hat Deutschland den rasanten Wandel von der Industrie- zur Wissens-/ Dienstleistungsgesellschaft verschlafen. Doch neue Arbeitsstrukturen mit neuen Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen verlangen eine Neuorganisation von Erwerbsarbeit und privater Zeit. Neue Lebenslaufmodelle sind gefragt, um die Zeitspanne für Ausbildung, Beruf und Familiengründung zu entzerren und zu verlängern. Ein besonders kinder- und familienfreundliches Klima herrscht in denjenigen Ländern, die den jungen Erwachsenen verschiedene Optionen der Entscheidung eröffnen und es ihnen zugleich ermöglichen, vielfältige und heterogene Herausforderungen zu bewältigen. Dagegen schränken die Länder, die Entscheidungen in einem Entweder-Oder organisieren, die individuellen Wahlmöglichkeiten ein. Dies geht häufig zu Lasten von Familie.

Gliederung des Kapitels
II.1. Europäische Vielfalt familialer Lebensformen
II.2. Differenzen in den Entwicklungen einzelner europäischer Länder
II.3. Der Versuch einer Kontrastierung von familienbezogenen Politiken
II.4. Familienpolitik und demografische Entwicklung im europäischen Vergleich

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