Inhaltsbereich

2.3. SPFH im Kontext von Fremdplazierung und "Freiwilligkeit"

Sozialpädagogische Familienhilfe erfordert, wie das KJHG in § 31 sagt, die "Mitarbeit der Familie"; andere eindeutige Kriterien für die Indikation im Einzelfall gibt es nicht.

Stellenwert der SPFH im KJHG

Die folgenden Ausführungen sind Kapitel 2.1 der Expertise von
Joachim Merchel (1995): Rechtliche Aspekte der Beziehung zwischen MitarbeiterInnen der Jugendhilfe und den Hilfe-Empfängern beim Entscheidungsprozeß und während der Gewährung einer Hilfe zur Erziehung nach § 31 KJHG (Sozialpädagogische Familienhilfe) entnommen:

"Im Prozeß der Hilfeplanung ist zu entscheiden, nach welchen Kriterien im Einzelfall eine SPFH als 'geeignet und notwendig' (§ 27, Abs.1 KJHG) anzusehen ist. Wie bereits dargelegt, sind Indikationskriterien, bei deren Vorliegen SPFH als die im Einzelfall richtige Hilfe diagnostiziert werden kann, angesichts der Komplexität der Problemsituationen und Hilfevollzüge in der Erziehungshilfe nicht anzugeben. Als einzige, jedoch angesichts der Funktionsweise der SPFH zentrale Voraussetzung wird in § 31 KJHG die Bereitschaft der Familie zur Mitarbeit genannt. SPFH wäre nur dann 'geeignet', wenn die Familie eine grundlegende Motivation besitzt, ihre Lebenssituation  zu verändern. Es bedarf einer grundlegenden Bereitschaft zur Mitarbeit der Familie, die aus dieser Motivation erwächst und die während des Hilfeverlaufs im Sinne einer Stärkung der Selbsthilfekräfte der Familie weiterentwickelt werden kann.[17] Diese Bereitschaft zu Mitarbeit wird man nur dann von einer Familie erwarten können, wenn in der Familie noch positive Beziehungen zwischen den einzelnen Familienmitglieder existieren und wenn die Familie somit den Willen hat, die Familie als Lebensgemeinschaft zu erhalten. Eine grundlegende Mitwirkungsbereitschaft der einzelnen Familienmitglieder ist nicht nur die Basis für das Ingangsetzen von SPFH, sondern auch ein zentrales Kriterium für die Beurteilung des Hilfeverlaufs. Die Orientierung an der Mitwirkungsbereitschaft der Adressaten muß zum einen das methodische Vorgehen während der Hilfe steuern, und zum anderen wird dies als ein wesentlicher Gesichtspunkt die Reflexion des Hilfeverlaufs im Rahmen der regelmäßigen Fortschreibung des Hilfeplans beeinflussen. Die einzelnen methodischen Schritte haben sich an der Frage auszurichten, ob und in welcher Weise sie die Mitwirkungsbereitschaft und die Selbsthilfekräfte der Familienmitglieder zu fördern vermögen. Darüber hinaus wird eine begonnene SPFH nur dann als weiterhin 'geeignet' bezeichnet werden können, wenn ein Prozeß der Verstärkung einer eigenständigen Handlungsmotivation der Adressaten zu beobachten ist. Die Mitwirkungsbereitschaft der Adressaten als Voraussetzung und gleichermaßen prozessuales Element ist sowohl als rechtliches Kriterium zur Eignung der SPFH im Sinne des § 27, Abs. 1 KJHG als auch als inhaltlicher Qualitätsmaßstab für die Beurteilung des Hilfeverlaufs zu würdigen".
 

Die Mitwirkungsbereitschaft der Familie ist andererseits keineswegs ein exakter, fest umrissener Begriff: Wo beginnt sie? Reicht es, wenn die Familie der Fachkraft überhaupt die Tür aufmacht oder wird ein Mehr an "Freiwilligkeit" und "Motivation" erwartet? (zum Begriff "Motivation" > siehe Kapitel 10). Kann man noch von Mitwirkungsbereitschaft und Freiwilligkeit reden, wenn bei Beginn einer SPFH in einer Familie die Drohung im Raum steht, daß bei Nicht-Akzeptanz der SPFH eine Fremdplazierung der Kinder durchgeführt wird? Es existiert in der Fachbasis eine kontroverse Diskussion, ob FamilienhelferInnen mit Familien arbeiten können, die diesem Druck unterliegen. Dabei scheint in der Praxis die Frage gelöst: Die mögliche Fremdplazierung von Kindern ist ein wichtiges Thema in der SPFH insgesamt. In der Bestandsaufnahme des DJI zur SPFH (Blüml/Helming/Schattner 1994) wurde bei einem Drittel der zum Zeitpunkt der Untersuchung betreuten 330 Familien angegeben, daß die Hilfe als Alternative zur Fremdplazierung eingesetzt wurde. Ergänzend dazu können die folgenden Daten betrachtet werden: In 11% der Familien wurde bereits vor der Aufnahme der SPFH ein Kind fremdplaziert. Bei 70 Kindern (von insgesamt 880) wird ein anderer Aufenthaltsort angegeben als die eigene Familie, 60 % dieser Kinder leben in Heimen oder Pflegefamilien. In 4,5 % der Familien wurde während der SPFH eine Fremdplazierung vorgenommen. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes für die Bundesrepublik waren 1994 in 15 % der Familien, die SPFH erhielten, Kinder bereits fremduntergebracht, hauptsächlich in Heimen und Pflegefamilien. Für fast 3000 Kinder, deren Familien 1994 SPFH erhielten, begann in diesem Jahr eine Hilfe zur Erziehung außerhalb der Familie (Heimunterbringung/betreutes Wohnen/Pflegefamilie); das sind 11,5 % der insgesamt betroffenen Kinder/Jugendlichen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß es unter bestimmten Bedingungen durchaus möglich ist, mit Familien auch "im Zwangskontext" eine Arbeitsbasis herzustellen (vgl. z.B. Cirillo/Di Blasio 1992). "Unfreiwilligkeit" kann in systemischer Sicht als Lösungsstrategie fungieren (Conen 1996d). Wenn z.B. die Motivation der Eltern sehr groß ist, mit den Kindern auch weiterhin zusammenzuleben, gibt es damit eine Grundlage für sie, die ersten Monate der SPFH erstmal 'durchzuhalten', bis sich dann doch eine Vertrauensbasis entwickelt hat. Die Bedingung ist hier eine große Transparenz und genaue Klärung der Aufträge der verschiedenen Seiten. Die  Frage an die Familie könnte lauten: "Wie können wir Ihnen helfen, uns wieder loszuwerden?" (Conen 1996a, S. 178). Die FamilienhelferInnen brauchen in diesen Familien eine gute Unterstützung im fachlichen System, um das Risiko für die Kinder genau abzuschätzen. Wenn Fachkräfte der Sozialpädagogischen Familienhilfe ablehnen, mit Familien zu arbeiten, deren Freiwilligkeit eine äußerst bedingte ist und bei denen die Zusammenarbeit unter gewissem Druck zustandegekommen ist, dann fallen viele Familien aus der Hilfe heraus, die dringend eine Unterstützung benötigen würden. "Mit dem Postulat der Freiwilligkeit einer Vielzahl von Therapierichtungen ist es Therapeuten möglich, ganze Bevölkerungsgruppierungen aus psychotherapeutischen und sozialpädagogischen Hilfeformen auszugrenzen bzw. fernzuhalten. Hohe Anforderungen und Voraussetzungen wie z.B. Verbalisierungsfähigkeit tragen bei vielen therapeutischen Verfahren dazu bei, einzelne gesellschaftliche Gruppen, die insbesondere aufgrund ihrer sozioökonomischen und sozialen Benachteiligung auf Hilfestellungen angewiesen sind, auszugrenzen. Aufgrund des Postulats der Freiwilligkeit ist es möglich, sich von Klienten, um deren Kooperation bzw. Compliance man sich anders als traditionell bemühen müßte, abzugrenzen, da sie nicht 'therapiefähig' sind bzw. nicht die 'Bereitschaft' zur Therapie zeigen." (Conen 1996 c).




Artikel ausdrucken Zur Druckansicht Seite 1 von 6  | weiter