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16.3 Hilfen für Familien in Krisensituationen

Der Ursprung dieser Art von Hilfe liegt in den amerikanischen "Family Preservation Services[187]", u.a. dem "Homebuilders Model" (Kinney/Haapala/Booth 1991). Dieses entstand in den USA als Angebot an Familien, in denen ein Sorgerechtsentzug und damit eine Fremdunterbringung von Kindern unmittelbar notwendig erschien, um schnell und auf eine kostengünstige Art die Familie so zu unterstützen, daß die Kinder doch weiter zu Hause leben können. Als Ausgangspunkt des "Homebuilders Model" [188] werden von (Kinney/Haapala/Booth 1991) Überzeugungen angegeben, die das Verhalten der BeraterInnen mitbestimmen sollen: "Wir haben in bezug auf Menschen einige Überzeugungen, die uns helfen, positiv gegenüber Familien zu empfinden, die zunächst einen negativen Eindruck machen. Wir glauben, daß solche Überzeugungen sich in alle möglichen verbalen und nonverbalen Verhaltensweisen übersetzen, welche die Entwicklung von Vertrauen und Partnerschaft verhindern oder unterstützen" (1991, S. 58f). Typisch für alle diese Ansätze ist, daß weniger Wert gelegt wird auf die Grundlegung der Arbeitsprinzipien durch wissenschaftliche Theorien, sondern es werden - mit Erfahrung unterfütterte - "Glaubenssätze" formuliert, die bestimmte Werthaltungen als Grundprinzipien der Arbeit festlegen, und es steht eine - meist sehr ähnliche - "Menschenrechtserklärung" am Beginn der Konzepte. In den Glaubenssätzen, die das positive Menschenbild der humanistischen Psychologie aufgenommen haben, geht es um die Überzeugung, daß Menschen aktive Gestalter ihres Lebens sind, daß sie sich immer verändern können, und daß die Akzeptanz und Wertschätzung von KlientInnen wichtigste Arbeitsgrundlage der BeraterInnen sind. "Wir nahmen eine Neubewertung unserer Basisannahmen in bezug auf Veränderung vor. Als Ergebnis unserer Erfahrung und unserer Beobachtungen sind wir jetzt überzeugt, daß jeder lernen kann: Leute lernen, wenn sie es nicht wollen; Leute lernen, wenn sie verärgert sind; Leute lernen, auch wenn sie bisher auf viele Soziale Dienste nicht angesprochen haben; Leute können lernen, auch wenn SozialarbeiterInnen sagen, sie können es nicht; Leute lernen, obwohl sie dreckige Häuser haben, wenig Bildung und eine lange Liste von Problemen. Leute lernen und ändern sich unentwegt." (ebd., S. 6). Diese Haltung steht in einer Tradition von "Hilfe zur Selbsthilfe" und beinhaltet tendenziell die voluntaristische Maxime "Du kannst, wenn du willst". Sie ist primär auf Selbstverantwortung gerichtet. Der Glaube an das Individuum und seine "Selfmade-Möglichkeiten" wird ergänzt durch die Überzeugung, daß Freiheit und Toleranz soziale und verantwortungsvolle Menschen schaffen (siehe auch Ruesch/Bateson 1995, S. 123). 

Als hauptsächliche Indikation für die Hilfe wird genannt: Familien sind geeignet, wenn eine Fremdplazierung bevorsteht. Zudem müssen die Familien in der Region des Anbieters der Intervention leben, zumindest ein Erwachsener aus der Familie steht dem Dienst zur Verfügung; die Familie muß sich binnen 72 Stunden für die Inanspruchnahme der Hilfe entscheiden. Wenn die Arbeit begonnen hat, sind die TherapeutInnen 24 Stunden lang täglich 7 Tage in der Woche verfügbar für die Familie. Die Arbeit in der Familie kann zwischen fünf Stunden und 25 Stunden pro Woche betragen. Die Hilfe ist ein Kurzzeitprogramm, sie dauert vier bis sechs Wochen. Interventionen finden in der familiären Umgebung statt, da auf diese Weise alle Familienmitglieder einbezogen sind, auch wenn sich einzelne nur im Hintergrund aufhalten und nicht aktiv mitarbeiten. (Kinney/Haapala/Booth 1991).

Als grundsätzliche Prinzipien der Arbeit werden genannt:

  1. Es gibt mehr Ähnlichkeiten zwischen KlientInnen und TherapeutInnen als Unterschiede: Alle brauchen manchmal Hilfe, alle werden ärgerlich, alle sind manchmal unfair, alle Räume werden dreckig und unordentlich usw.

  2. Jeder tut das Beste, was er kann, innerhalb seiner Grenzen, die man verstehen kann.

  3. Motive sind meist positiv, oft jedenfalls besser als ihre Folgen. Jeder macht Fehler, verletzt andere, man mißversteht einander: Aufgabe der TherapeutInnen ist es, in Kontakt mit den positiven Intentionen zu bleiben und nicht mit den negativen Resultaten.

  4. Die meisten Familienmitglieder mögen einander, wobei das oft unter Schichten verborgen liegt. (Kinney/Haapala/Booth 1991, S. 58).

Aus dem "Homebuilders Model" hat sich das "Families First Program" abgespalten, das nach ähnlichen Prinzipien arbeitet. Vor allem in Michigan wird das "Families First Program" flächendeckend eingesetzt. Es wird eine 80%ige Erfolgsquote angegeben, wobei allerdings lediglich das Kriterium "Vermeidung einer Fremdunterbringung" angewandt wird.

In der Bundesrepublik Deutschland wird dieses Programm inzwischen unter dem Namen "FAM-Familienaktivierungsmanagement" von der Jugendhilfeeinrichtung Stiftung Hospital St. Wendel im Saarland auf deutsche Verhältnisse übertragen und erprobt. "FAM ist ein intensives 6-wöchiges Training der Familien und eine Vernetzung der Familie in unterstützenden Strukturen zur Verhinderung der Fremdplazierung der Kinder. Zielrichtung der Aktivierung sind die Fähigkeiten und Stärken der Familien. FAM kann andere Hilfeformen nicht ersetzen." (Klein/Römisch 1997, S. 149). Als Indikationen werden angegeben: Eine schwere Krise in der Familie, aus der sie allein oder mit Hilfe der 'normalen' Betreuung durch soziale Dienste nicht herauskommt, drohende oder akute Fremdplazierung von Kindern, Kooperationsbereitschaft mindestens eines Elternteils (ebd.). Es werden die folgenden Ausschlußkriterien angegeben: Die Eltern wollen unbedingt doch eine Fremdplazierung des Kindes oder die Kinder wollen selbst unbedingt aus der Familie rausgehen; die Probleme sind so gravierend, daß eine akute massive Gefährdung des Kindes wahrscheinlich ist (sexueller Mißbrauch, Gewalt); akute Suizidgefährdung; Probleme sind durch schwere Krankheit verursacht. FAM ist grundsätzlich ein Kriseninterventionsansatz und mündet häufig in ambulanten Hilfeformen. Die Stiftung Hospital St. Wendel hat sich vom "Families First Program" Michigan autorisieren lassen, das Programm in der Bundesrepublik Deutschland modellgetreu zu verbreiten und bietet eine Ausbildung dazu an für andere interessierte Einrichtungen und Fachkräfte: "Neben der arbeitsbegleitenden Ausbildung durch intensive Trainings über zwei Jahre werden die AusbildungsteilnehmerInnen in einer wöchentlichen Beratung durch qualifizierte BeraterInnen in ihrer inhaltlichen Arbeit begleitet" (ebd. S. 152).




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