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16.3 Hilfen für Familien in Krisensituationen

Auch Knijff (1996) beschreibt das niederländische "Families First"-Programm der Jugendhilfeeinrichtung "Stichting Jeugdzorg" als Mischung aus alltagspraktischen und therapeutischen Hilfen.

Diese Betonung alltagspraktischer Ansätze findet sich in den Ansätzen des "FAM - Familienaktivierungsmanagement" nicht, während Gehrmann/Müller wiederum im Gegensatz zu den niederländischen Modellen auf einer Abgrenzung zu therapeutischen Ansätzen bestehen: "Die sozialen Hilfen und Dienstleistungen, welche die Familienarbeiter(innen) erbringen, sind integrierte - im echten Sinne ganzheitliche - und dadurch genuin sozialarbeiterische und eben nicht therapeutische Hilfen (wir legen großen Wert auf eine klare Abgrenzung)" (Gehrmann/Müller 1996b, S. 219)

Das "Homebuilders Model" legt großen Wert auf die Rahmenbedingungen der Arbeit: Den BeraterInnen wird ein ausgeklügeltes fachliches Unterstützungssystem zur Verfügung gestellt, damit sie den Anforderungen der 24-Stunden-Verfügbarkeit als auch den depressiven und hoffnungslosen Aspekten der Arbeit begegnen können: "Making Counselors Jobs as Easy as Possible". (Kinney/Haapala/Booth S. 160). Es sollte immer jemand erreichbar sein, der den BeraterInnen Unterstützung geben kann: KollegInnen, SupervisorInnen. Diese Art von Unterstützung ist notwendig, da die Intensität der emotionalen Qualität und Quantität durch den zeitlich hohen Kriseneinsatz Gefahren in sich birgt, die aufgefangen werden müssen. Aber auch Partizipation an den Entscheidungen der Organisation wird als notwendig erachtet, es wird auf funktionierendes Teamwork geachtet, darauf, daß die BeraterInnen sich wohlfühlen innerhalb ihrer Organisation. Auch sollen die anderen Teammitglieder jeweils informiert sein über die betreuten Familien, damit sie notfalls schnell Rückhalt oder Begleitung geben können. BeraterInnen können Einzelsitzungen mit SupervisorInnen oder Teammitgliedern machen, sie sind in Notfällen sogar verpflichtet dazu (ebd. S. 182). Wenn BeraterInnen entmutigt sind, dann setzt eine spezielle Beratung durch die SupervisorIn ein, um ein Burn-Out zu vermeiden.

All diese Programme verstehen sich als Kriseninterventionen in Fällen, wo eine Fremdplazierung eines Kindes akut notwendig erscheint. Diese Art von schnell einsetzender, ambulanter Unterstützung von Familien in Krisen fehlte bisher in Deutschland. Die Ansätze bieten sowohl kurzfristige Krisenintervention als auch intensives Clearing, um mit Eltern und Kindern/Jugendlichen Motivation dafür zu schaffen, Hilfe in Anspruch zu nehmen und gemeinsam weitere geeignete Hilfeformen herauszufinden und zu planen.

Erstaunlich ist jedoch, mit welch hohen Erwartungen diese Konzepte verknüpft sind bzw. angeboten werden: "Families First verspricht Superlative: Erfolg, Kostenersparnis, Hilfe für 'aussichtslose Fälle' und professionelles Handeln." (Lindemann/Funk 1997, S. 414). An manchen Orten wird deshalb diese Hilfe - zumindest im Diskurs - als die künftige Hilfe gehandelt, die langfristigere und kostspieligere Hilfen, vor allem Sozialpädagogische Familienhilfe, ersetzen wird, was Begeisterung auslöst bei den für Kosten zuständigen öffentlichen Jugendhilfeträgern und Ängste auf seiten der FamilienhelferInnen. In Bezug auf diese Euphorie, die von den Anbietern teils auch geschürt wird, ist es notwendig, sehr genau über Möglichkeiten, aber auch Grenzen der Angebote nachzudenken. Der Erfolg der Programme beschränkt sich z.B. auf die Erfüllung des Kriteriums "Vermeidung von Fremdplazierung", was in ca. 80 % der Fälle erreicht wird. Dazu ist kritisch anzumerken, daß es manchmal problematisch ist, Erfolg im vorhinein so festzulegen, da ein Beratungsprozeß prinzipiell offen sein muß für die eigene Problemlösung der Hilfesuchenden, die sich in einem Clearingprozeß auch gegen ein Verbleiben des Kindes in der Familie entscheiden könnten, was keineswegs ein Mißlingen des Hilfeprozesses bedeuten muß (Lindemann/Funk 1997, S. 416).

Zudem scheint es für die längerfristige Aufrechterhaltung des Erfolges und die weitere Stabilisierung der Familien offenbar notwendig, Nachfolgehilfen einzurichten: Beim "FAM - Familienaktivierungsmanagement" war es in 2/3 der Fälle eine SPFH; auch in den niederländischen Programmen erhielten 80 % der Familien eine ambulante oder teilstationäre Anschlußhilfe. Insofern sind diese Ansätze zwar eine fruchtbare Ergänzung des bisherigen Beratungs- und Unterstützungsangebots, ersetzen aber keinesfalls ein ausdifferenziertes Jugendhilfesystem mit verschiedenen ambulanten und teilstationären Hilfen. "Family-First kann nicht langjährige, manchmal schon in der Ursprungsfamilie der Eltern praktizierte Verhaltensweisen innerhalb von 4 - 6 Wochen verändern, sondern nur Anregungen geben für den richtigen Weg mit einer von der Familie mitbestimmten und mitgetragenen Zielsetzung." (Rothe 1996, S. 228). Auch das Kostenersparnisargument relativiert sich an dieser Stelle, da eigentlich die Nachfolgehilfen miteinbezogen werden müssen, wenn die Ersparnis gegenüber Heimkosten veranschlagt wird [193].




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