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Inhalt

14.2.6 SPFH in Familien, in denen ein Familienmitglied psychisch erkrankt ist

Schwere psychische Erkrankungen gelten oft als Ausschlußkriterium für eine SPFH. Wenn jedoch Basiskommunikation und grundsätzliche Beziehungsaufnahme möglich sind, kann SPFH durchaus eine Familie begleitend unterstützen, in der ein Familienmitglied nicht so "funktioniert", wie es im Rahmen von Normalität erwartet wird, zusätzlich zu oder nach einer psychiatrischen Behandlung. Neben der Auseinandersetzung mit der Krankheit haben diese Familien meist auch die üblichen Alltagsprobleme, die auch bei anderen Anlaß für SPFH sind. Dabei sind folgende Besonderheiten zu beachten: Ein psychisch erkranktes Mitglied einer Familie muß oft entlastet werden, da es tendenziell eine Sündenbockfunktion in der Familie hat. In den Familien gibt es manchmal die gemeinsame Theorie: "Weil die so und so ist und nicht funktioniert, haben wir Probleme." Insbesonders Ehepartner haben die Tendenz, sich aus der Situation herauszuziehen und die Verantwortung dem erkrankten Familienmitglied zuzuschieben, das die Fachkraft der SPFH möglichst reparieren soll: "Meine Frau spinnt, die funktioniert nicht mehr. Machen Sie, daß die wieder funktioniert." Der/die Kranke wird ausgegrenzt.[179] Das erkrankte Familienmitglied wiederum kann sich wegen seiner Erkrankung und seinem "Nichtfunktionieren" schuldig fühlen. Hier gilt es, einen Erkenntnisprozeß der ganzen Familie anzuregen mit dem Ziel, den Anteil aller an der problematischen Situation zu sehen. Es sollte in der Familie eine möglichst klare Kommunikation über die gegenseitigen emotionalen Befindlichkeiten hergestellt werden. Mit den Familienmitgliedern muß erarbeitet werden, wie sie mit der Krankheit und dem erkrankten Familienmitglied in Zeiten von Krisen, bei psychotischen Schüben bspw., umgehen und sich Hilfe organisieren können. Neben den üblichen methodischen Ansätzen - Ressourcenorientierung und dem Versuch von Empowerment auch in diesen Familien - ist es sinnvoll und notwendig, daß sich die Fachkraft kundig macht hinsichtlich des jeweiligen Krankheitsbildes, z.B. hinsichtlich der entsprechenden "Fettnäpfchen", die eine Krankheit zur Folge haben kann, daß es bspw. bei Depressionen notwendig ist, mit positiver Verstärkung vorsichtig umzugehen. Alltagspraktische Kompetenzen zu entwickeln, verstärkt das Selbstwertgefühl von psychisch Kranken. Diese müssen ermutigt werden, "ExpertIn" für die eigene Krankheit zu werden und Verantwortung zu übernehmen, um rechtzeitig kommende Krisensituationen zu erkennen und Hilfe und evtl. Medikation heranzuziehen. Es müssen Unterstützungsnetzwerke vor allem für die Kinder aufgebaut werden. Das folgende Familienbeispiel zeigt alle diese Facetten:

  • die Förderung des "Expertentums" der Mutter hinsichtlich ihrer Krankheit,

  • die Stabilisierung der Kinder,

  • die Unterstützung dabei, ihre Mutter und deren Krankheit zu akzeptieren,

  • Anregung der Familie dazu, miteinander ins Gespräch zu kommen,

  • Hilfe bei der Verarbeitung der Nachscheidungssituation der Familie.

  • die Ermutigung der Mutter, den Alltag mit den Kindern in die Hand zu nehmen,

  • die Verbesserung der Bewältigung vieler alltagspraktischer Probleme von den Finanzen bis hin zum Chaos in der Wohnung,

  • die Organisation von Zusatzhilfen für die Kinder.

Chaos und Psychose: Familienhilfe in Familie Kurz
(aus der Sicht des Familienhelfers)

Familie Kurz besteht aus einer alleinerziehenden Mutter mit zwei Kindern (ein 11 Jahre alter Sohn und eine 16 Jahre alte Tochter). Frau Kurz ist in einer Obdachlosensiedlung aufgewachsen und hat eine Ausbildung als Verkäuferin. Ihr Mann kommt aus einer höheren sozialen Schicht, was zu Konflikten in der Partnerschaft und dann zur Trennung geführt hat. Die Mutter ist psychisch erkrankt und hat seit ca. sieben Jahren spektakuläre psychotische Schübe, die zu häufigen Aufenthalten im Krankenhaus geführt haben, durch die die Kinder sehr gestreßt sind. Der Vater der Kinder lebt getrennt von der Familie, springt aber doch immer wieder ein, wenn die Mutter ausfällt. Die Eltern haben ein gemeinsames Sorgerecht, die Trennung hat erst kürzlich stattgefunden. Das Helfersystem rund um die Familie umfaßt: Nervenklinik/Die Brücke/Caritas/Alleinerziehendengruppe/ASD/Sozialamt/Nachhilfe für den Sohn. Die Familienhilfe wird vom ASD vorgeschlagen und in die Wege geleitet, um eine Stabilisierung der Familie insgesamt zu erreichen. Anlässe des ASD für Familienhilfe waren:

  • Depressivität der Mutter

  • Chaos im hauswirtschaftlichen Bereich

  • Finanzielle Probleme

  • Schulprobleme der Kinder

  • Unverarbeitete Trennungssituation vom Ehemann und Vater

Die Familie stimmte der SPFH zu; der Vater, der hinzugezogen wurde, war kritisch, ob es was nützt, vor allem hinsichtlich seiner Ex-Frau, der er nicht mehr viel zutraute. Er selber ist vermutlich alkoholabhängig. Die Familienhilfe dauerte zwei Jahre. Der Familienhelfer besuchte die Familie ca. 2 -3 mal wöchentlich.

Zu Beginn der Hilfe war Frau Kurz noch sehr apathisch und auf Grund von Medikamenten benommen und verlangsamt, ihre Kommunikation bestand hauptsächlich aus Jammern und Klagen. Die Familie hat sich viel gestritten, der Sohn hatte in der Schule große Probleme durch Wutausbrüche (hat selber ebenfalls zu viel Alkohol getrunken). Die Mutter wurde von den Kindern nicht ernstgenommen, sie hatte kaum Einfluß auf sie. Die Wohnung war chaotisch und dreckig, Hausaufgaben wurden nicht gemacht, es gab ständig gegenseitige Vorwürfe, daß nichts funktionieren würde. Die Kinder hatten in gewisser Weise Erwartungen des Vaters übernommen, daß ihre Mutter lernen muß, den Haushalt zu machen. Obwohl sie insgesamt relativ selbstverantwortlich waren, schoben sie die Verantwortung für Hausarbeit doch allein ihrer Mutter zu.

Der Familienhelfer fand die Familie trotz ihrer Chaos-Kommunikation sehr sympathisch, die Kinder waren Persönlichkeiten, die Mutter trotz ihrer Depressivität witzig. Er regte bald Familiengespräche an, bspw. über den Umgang mit Hausaufgaben, über die gemeinsame Organisation des Alltags, um Chaos und Dreck in der Wohnung zu reduzieren: Wie können alle zusammenhelfen, damit der Haushalt klappt? Die Wohnung wurde gemeinsam renoviert. Da sie sehr klein war, wurde daran gearbeitet, daß die Jugendlichen Bereiche zum Rückzug und zur Abgrenzung haben, die sie auch nutzen dürfen. Weitere Fragen des Zusammenlebens wurden besprochen, z.B. wie die Familie gemeinsam Weihnachten gestalten will. Thema der Familienhilfe waren die Kommunikationsformen und Strukturen der Familie: Rolle der Mutter, Rolle des Vaters; Akzeptanz/Nicht-Akzeptanz der psychischen Krankheit, Umgang mit der Krankheit. Die Familienmitglieder mußten ins Gespräch miteinander kommen, sie wußten nicht viel voneinander, von ihren emotionalen Nöten. Als sie anfingen, einander zuzuhören, waren sie verwundert.

Dann gab es viele Einzelgespräche mit der Mutter: die Verarbeitung der Trennung; wie kommt sie aus ihrer Isolation und findet eine Freundin; Finanzprobleme, Beantragung von Sozialhilfe. Gleichzeitig arbeitete der Familienhelfer mit ihr an einer Ermutigung und Stärkung ihrer Alltagskompetenzen durch soziales Training: sich Geld wechseln lassen, Leuten ins Auge schauen, sie um etwas bitten. Der Familienhelfer ermutigte die Mutter, über ihre depressiven Verstimmungen genaue Listen zu führen, um herauszufinden, wann sie sich wohlfühlt und wann nicht; wie sie sich z.B., statt völlig abzusacken, erholen kann. Die Mutter blieb dabei in Behandlung beim Nervenarzt, mit dem sie auch regelmäßige Gespräche führte. Bei einem Klinikaufenthalt während der SPFH vermittelte der Familienhelfer den Besuch der Kinder bei ihr, die sie zunächst nicht sehen wollten.

Ebenso gab es Einzelgespräche mit dem Sohn, z.B. beim gemeinsamen Fußballspiel: über den schulischen Bereich, über sein Verhältnis zum Vater, die Trennung der Eltern, wie man Freunde findet. Seine Alkoholproblematik ist beim Abschluß der Familienhilfe nicht gelöst. Der Familienhelfer ist unsicher, wie es mit ihm weitergehen wird, obwohl eine Tagesheimschule für ihn gefunden wurde, die einen äußeren stabilen Rahmen für ihn bereitstellt. Mit der Tochter gab es Gespräche über ihren Berufswunsch, über das Verhältnis zu ihrem Freund, Nachhilfe.

Zwischendurch gab es Krisen in der Arbeit: Die psychische Krankheit der Mutter wurde phasenweise so dominant, daß es aussah, als habe die Unterstützung nichts bewirkt. Erarbeitete Veränderungen waren wieder weg und die Familie fiel auf ihre alte Struktur zurück. Der Familienhelfer hatte dann viele Zweifel, ob seine Arbeit überhaupt sinnvoll gewesen war. Aber in den Familiengesprächen zeigte sich dann doch eine anhaltende Verbesserung: Frau Kurz wachte allmählich auf und versuchte stärker, die Rolle des Familienoberhauptes zu übernehmen. Das Familienklima wandelte sich zunehmend von einem sehr ruppigen zu einem liebevolleren Umgang miteinander. Das Ergebnis der Familienhilfe war: Die Familie fand als Einelternteilfamilie allmählich zusammen, die vorherige Dominanz des Vaters lockerte sich, die Mutter wurde mutiger, eine eigene Position in der Familie zu übernehmen. Der Vater zog in eine 200 km entfernte Stadt und löste sich auch dadurch von der Familie. Der Sohn steigerte seine schulischen Leistungen erheblich und bestand die Aufnahmeprüfung auf die Realschule, er fand Aufnahme in einer Tagesheimschule. Das Mädchen beendete die Schule und fand einen Ausbildungsplatz als Krankenschwester. Sie entwickelte insgesamt mehr Eigenmotivation. Frau Kurz fing an zu arbeiten, sie fand eine Halbtagsstelle und ist insgesamt weniger diffus, sie organisiert sich besser. Wenn sie merkt, daß sie in eine Krise gerät, kann sie darüber sprechen. Sie hat sich stabilisiert, hat einen guten Kontakt zum ASD. Der Umgang der Familie mit der psychischen Krankheit hat sich verbessert. Krisen durch die Krankheit der Mutter müssen nicht mehr völliges Chaos auslösen. Die Ärzte in der psychiatrischen Klinik waren sehr angetan von der Arbeit der SPFH, die in ihrem praktisch-systemischen Ansatz therapeutische Bemühungen mit der Alltagspraxis verweben konnte und ihre Arbeit auf einer Ebene unterstützte, wo die engere therapeutische Arbeit nicht hinkommt: im Alltag der Familie.

"Dann beerdigt mich und ist a Ruh" - Familienhilfe in Familie Dreher
(aus Sicht von Herrn und Frau Dreher)

Auch in diesem Familienbeispiel wird deutlich, daß SPFH - trotz der schweren Depression der Mutter - eine sinnvolle Hilfe dabei war, eine Integration der Familie in Gang zu bringen und die Möglichkeiten des Umgangs mit den vielfältigen Schwierigkeiten miteinander und im Alltagsleben zu verbessern.

Diese Kernfamilie lebt mit 3 Kindern (Tochter 10 Jahre alt, zwei Söhne mit 8 und 7 Jahren, die beide körperlich behindert sind) in einer Kleinstadt. Beide Eltern haben eine abgeschlossene Lehre; der Vater ist in diesem Beruf tätig, die Mutter ist momentan Hausfrau. Die Sozialpädagogische Familienhilfe hat insgesamt drei Jahre gedauert und ist zum Zeitpunkt des Interviews seit etwa vier Monaten abgeschlossen. SPFH war zunächst 2 1/2 Jahre in der Familie, dann gab es eine Verlängerung nach einer Pause zur Unterstützung der Familie nach einem Krankenhausaufenthalt der Mutter. Der für die Familie zuständige Familienhelfer kam wöchentlich an ca. 2 Nachmittagen für etwa 4 Stunden. Frau Dreher befand sich gleichzeitig in regelmäßiger Behandlung bei einem Neurologen.

Anlaß der Hilfe war die große Überforderung von Frau Dreher mit den zwei behinderten Kindern, die in Depressionen bis hin zu einem Selbstmordversuch der Mutter ihren Ausdruck fand. Empfohlen und vermittelt wurde die Sozialpädagogische Familienhilfe durch die Frühförderung, wo eine Erzieherin die Überforderung der Mutter bemerkt hatte. Frau Dreher: "Das war eigentlich der ausschlaggebende Punkt, daß mir alles zuviel geworden ist, daß wir Hilfe gebraucht haben. ... Es war halt bei mir so schlimm, ich hab halt gemerkt, mein Mann nimmt sich gar keine Zeit mehr für uns und für mich. Und ich hab halt immer gehört: 'Du machst es falsch', von außen halt (von der Verwandtschaft). ... Und dann hab ich dann irgendwann gesagt: 'Na, macht's ihr und ich geh fort, ich geh ganz und gar weg, und dann braucht ihr mich nicht und dann beerdigt mich, und ist a Ruh'. Die Phase haben wir auch durchgemacht."

Zudem formulierten die Eltern große Schwierigkeiten in der Erziehung der "schwierigen" Tochter, die Frau Dreher aber andererseits auch am nächsten steht. Frau Dreher wollte lernen, besser mit ihr umzugehen und weniger Gewalt anzuwenden. Frau Dreher: "Auch mit den Buben, aber die Buben haben halt weniger Schwierigkeiten. Wenn ich da was sag, dann machen sie des, oder sie versuchen es nicht, aber dann bleib' ich hart und sie machen des doch. ... Aber L. (Tochter) ist gleich wie eine Mauer; die ist einfach wie ein Brett, die ist hart und zäh und ... Da kann man nicht viel machen. ... Wenn ich zulang, dann lang ich zu, und das hinterläßt dann Spuren. Also ich hab halt zu viel Kraft, und des weiß ich, und ich möcht des nicht, daß da irgendwas passiert, weil ich falsch hingelangt hab. Das ist eigentlich auch nicht meins, gleich hinzuhauen, und wir wollten halt einen Weg finden, ihr (der Tochter)zu helfen, und auch lernen, besser mit den Kindern umzugehen und einzugehen auf die Kinder, auf ihre Bedürfnisse, und im großen und ganzen haben wir des schon erreicht."

Die finanzielle Situation der Familie war sehr angespannt. Frau Dreher wurde jedoch vom Familienhelfer als Organisationsgenie beschrieben, die es schaffte, mit dem wenigen Geld auszukommen, so daß die wirtschaftliche Situation nicht zum Problemfeld der SPFH wurde.

Das Jugendamt war nur bei der Bewilligung der SPFH beteiligt, es gab ein Erstgespräch darüber, was für Probleme die Familie hat und was sie von der SPFH erwartet. "Die Warterei war halt dann, wird es bewilligt, sind die Probleme groß genug, weiß man ja nicht. Im ersten Moment: Jugendamt, o nee, mit dem Jugendamt wollen wir nichts zu tun haben." , weil sie Angst hatten, das Jugendamt "nimmt einem die Kinder weg, wie man's im Fernsehen so sieht".

Frau Dreher hatte zuerst eher praktische Entlastung durch die Familienhilfe erwartet vor allem dadurch, daß ihr die Kinder abgenommen werden und sie mehr Freiraum hat, hat aber dann gemerkt, daß die Gespräche und Rollenspiele und die daraus abzuleitenden Erkenntnisse letztlich wichtiger waren. Sie fand dadurch Möglichkeiten eigener Konfliktlösungen, vor allem da diese Schritt für Schritt selbst erarbeitet wurden, die sie nicht in Form von Ratschlägen vorgesetzt bekam. "Es ist halt anders, als man gedacht hat, und dann muß man sich erst zurechtfinden. Und dann merkt man, daß das Üben und Einstudieren wichtiger ist als jetzt, daß man Freiraum hat für sich. Also ich finde es sehr wichtig, daß man da zurechtkommt, denn man ist den Kindern nicht gewachsen, man hat selber mit sich Probleme und dann mit den Kindern, ... Es läuft ja nicht so, daß gesagt wird: "Jetzt wird des gemacht und so". Sondern das ist wirklich Schritt für Schritt aufgebaut worden, wie ein Baukasten. Wir haben immer ein Thema gehabt, also ein Grundthema, was wir erarbeitet haben, mal erst in Gesprächen, dann mit einem Blatt Papier, dann haben wir Aufzeichnungen gemacht, dann sind wir zum Video übergegangen. Also wenn wir was gelernt haben, haben wir uns trotzdem noch mal die Situation angeschaut, wie sie ist. Und des war schon sehr interessant, und ich möcht auch die Zeit nicht missen, obwohl sie sehr anstrengend war."

Ein wesentlicher Punkt der Arbeit der SPFH mit dieser Familie waren Elterngespräche, in denen Probleme des Umgangs mit den Kindern beredet wurde und wie es zur Überlastung von Frau Dreher gekommen war. Daneben beriet der Familienhelfer die Mutter auch allein, teilweise extern in den Räumen der SPFH, z.B. mit Anleitung für sie, wie sie in Stressituationen mit Hilfe von Atemübungen besser zurechtkommen kann. Es gab gemeinsame Spiele mit den Kindern, um deren Bedürfnisse zu erkennen und mit ihnen etwas zu unternehmen. Frau Dreher: "Ich kann mich gut entsinnen, wie wir das erstemal ein Schlammbad im Sandkasten gemacht haben, ich bin bald explodiert, (lacht), und jetzt sind die Kinder nicht mehr zu bremsen, die haben sich des gut gemerkt. Oder auch was mit den Kindern zu unternehmen, das war ja auch für uns sehr schwierig." Der Einbezug der Kinder in Hausarbeit wurde besprochen, um die Mutter zu entlasten, es wurden Listen erstellt, wer wann etwas übernehmen muß. Ein Schulwechsel der Tochter wurde organisiert.

Wichtig war es dabei für Herrn und Frau Dreher, als Eltern gegenüber den Kindern zueinanderzufinden, die Elternebene gegenüber den Kindern abzugrenzen: Mann: "Und dann haben wir des gelernt, kann man sagen, die Partner zusammenzuhalten, ... und nicht ein Partner zum Kind zu helfen, daß man dann einen Partner ausspielt, man sollte immer drüber reden ... ." Frau Dreher: "Auch wie wir (Ehepartner) dann miteinander umgegangen sind in solchen Situationen".

Hohe Bedeutung hatte der allmähliche Einbezug des Vaters, der sich anfangs den Gesprächen eher entzog. Konsequenz war ein Offenlegen von Konflikten in der Partnerschaft der Eltern, die auf Anraten des Familienhelfers - der hier die Grenze seiner Möglichkeiten sah - eine Eheberatung begonnen haben. Durch die Arbeit der SPFH in der Familie konnten so allmählich Probleme, die von den Eltern zunächst weggeschoben wurden, beredet und verändert werden. Frau Dreher (auf den Vorschlag des Familienhelfers, eine Eheberatung aufzusuchen): "Und ich dann, nee, unser Ehe ist in Ordnung, wie man halt reagiert. Und dann haben wir halt doch gemerkt, da ist was nicht in Ordnung, daß es doch viel an der Ehe liegt, daß wir halt zuwenig miteinander reden. ... Aber wir versuchen auch mal, (inzwischen nach der SPFH) miteinander zu sprechen, das ist jetzt besser geworden. Ich denk, daß das schon mehr ist als sonst, weil er hat mich eigentlich ganz allein gelassen mit den Kindern damals. Er hat's vielleicht gar nicht gemerkt, das kann schon sein, er hat halt seinen Beruf gehabt und dann wollt er sich ausruhen, und hat des halt normal gefunden, weil er es vielleicht auch nicht anders gewohnt war, von früher, von seinem Vater. Aber die Zeiten sind anders, und jetzt müssen wir halt lernen mit den Kindern zurechtzukommen, und auch so, ... in der heutigen Zeit ist Miteinander wichtig und nicht nur die Frau als Magd, also ich glaub, ich tät' des nicht aushalten, wenn ich nur die Magd wär." Herr Dreher: "Naja, früher hab ich halt die Frau viel alleingelassen, und die Freizeit, ... das haben wir auch mit Herrn G. (Familienhelfer) besprochen, wie man des machen könnte, daß mal einen Tag die Frau mal Zeit für sich hat, und dann der Mann auch mal Zeit hat, daß jeder Partner mal seine eigene Freizeit hat." Sie hatten früher keine Zeit mehr füreinander; Frau Dreher war immer unterwegs, hat die Kinder jeweils zu verschiedenen Therapien gefahren und beide haben (Herr Dreher): "geschrien, paß auf, ich brauch Dich, und die Frau war auch immer unterwegs, da hat der Partner seine Frau nie gehabt." Herr und Frau Dreher betonen im Interview, daß sie mit Hilfe der SPFH "zu einer Familie" geworden sind: "Ich denk, daß er (ihr Mann) mehr auf die Kinder eingeht, er hat sich ja auch mit den Kindern nicht richtig gekümmert. Vor allem auch das Miteinanderleben, ich denk, das ist das Wichtigste, und wie man miteinander umgeht." Vorher war sie "...immer nur auf einen programmiert: Jetzt geh ich mit D. zur Gymnastik, jetzt geh ich mit A. zur Ergotherapie, ... Wir waren keine Familie, wir waren einfach keine Familie. ... Die Termine haben uns aufgefressen, die waren wichtig, aber wir haben durch die Termine uns vergessen". Herr Dreher faßt den Prozeß der SPFH folgendermaßen zusammen: "Die Frau, die hat ja meistens die Probleme gehabt mit den Kindern, und dann später bin ich ja dazugekommen, und dann zum Schluß waren wir dann die ganze Familie, das hat uns eigentlich sehr gut getan."

Für diesen Prozeß waren auch Abgrenzungen der Familie nach außen zur umgebenden Verwandtschaft notwendig, die viele Ansprüche auf Hilfe und Unterstützung an die Eltern gestellt hatte, so daß es kaum gemeinsame Wochenenden gab. Nach eigenen Aussagen würde diese Familie die SPFH auch anderen Familien mit vergleichbaren Problemen weiterempfehlen, da diese Hilfeform auf jede Familie und deren jeweilige Probleme individuell eingeht, auch wenn es ihnen zu Beginn der Familienhilfe durchaus schwer gefallen ist, offen über sich zu reden. Sie mußten der Herausforderung durch die SPFH begegnen und sich zunächst da "durchbeißen". Frau Dreher: "Bevor's dann auseinanderlegt und die Kinder noch mehr leiden, dann sollt man schon schauen, daß man sich da durchbeißt. Es ist bestimmt nicht leicht, das würd ich schon sagen, aber es rentiert sich schon. ... Das Oberflächliche war schon leicht, aber wenn's dann sozusagen unter der Gürtellinie war, dann war's schwierig. ... Des (schwierige Momente) gab's, weil die Intensivphase, wenn man halt gemerkt hat, oh, jetzt kommt der Herr G. (Familienhelfer) und wir hocken jetzt da und sprechen über unsere Probleme. Und wenn man halt nicht von der Stelle gekommen ist, wenn wir immer dran gesprochen haben und gearbeitet haben und wir haben keinen Punkt gesehen, wo's vorwärts gegangen ist, dann ist es für uns auch heut noch schwierig." Selbst wenn Frau Dreher immer noch große Unsicherheiten in der Erziehung der Tochter formuliert und auch die Offenheit der Entwicklung der Kinder sieht - z.B. Angst hat vor Pubertätsschwierigkeiten der Tochter - denkt sie doch, daß sie für sich einen Weg gefunden haben, auf dem sie zunächst noch durch die Eheberatung, die noch nach Abschluß der SPFH weiterläuft, unterstützt werden: "Und da haben wir gesehen, jetzt müssen wir mal für uns einfach einen Weg finden. Wir haben ihn noch nicht richtig gefunden, aber ich denk, wir sind auf dem Weg. Ein Weg braucht seine Zeit, bis er da ist."

[179] Der Psychiater Thomas Szasz sagt dazu in einem Interview: "Die Praxis der gewalttätigen Psychiatrie ist in der Gesellschaft sehr verbreitet. Sie wird in erster Linie genutzt in den Familien. Wenn es dort ein unbequemes Familienmitglied gibt, fängt man an, sich mit ihm als einem möglichen Fall für die Psychiatrie zu beschäftigen. Das gleiche geschieht auch zwischen Ehepartnern, wenn einer von beiden depressiv wird und damit nicht einlöst, was von ihm bei der Heirat erwartet werden konnte." (TAZ, 11.7.1997, S. 14 , siehe auch Szasz (1997): Grausames Mitleid. Die Aussonderung unerwünschter Menschen", Frankfurt a. Main/Hamburg: Fischer Taschenbuch)





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