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1.3 Stand der Forschung
Die Sozialpädagogische Familienhilfe wird schon in den 70er Jahren in allen einschlägigen Fachblättern erwähnt, vorgestellt und diskutiert. Ausführliche Darstellungen gibt es jedoch wenige. Erwähnenswert ist hier der Bericht der Berliner Gesellschaft für Sozialarbeit (1980) über die Anfänge und die Erfahrungen des ersten Jahrzehnts in Berlin. Das erste wissenschaftlich begleitete Projekt in der Bundesrepublik war das Modellprojekt Kassel, über das ein ausführlicher, alle internen Strukturprobleme dieser Hilfeart erstmalig explizierender Forschungsbericht vorliegt (Pressel 1981). Unter den Aufsätzen sind zum einen Berichte aus der Praxis zu unterscheiden, welche die konkrete Arbeit an Fallbeispielen schildern und keinen ausgesprochenen konzeptionellen Anspruch haben. Zum anderen gibt es eine Reihe von Überblicksaufsätzen (zumeist in Sammelbänden), in denen das vorhandene Wissen über Sozialpädagogische Familienhilfe, ihre Zielgruppen, ihre Arbeitsansätze, ihre Standards, aber auch ihre Probleme zusammengetragen ist (z.B. Elger/Christmann 1989, Nielsen 1990). Sie wiederum basieren auf einigen empirischen Forschungsprojekten:
Am Sozialpädagogischen Institut Berlin (SPI) haben Heidi und Karl Nielsen 1980 bis 82 erstmals durch eine Aktenauswertung genauere Daten über die Familienhilfe in Berlin erarbeitet und in Interviews die Perspektiven von BezirkssozialarbeiterInnen, Fachkräften der Sozialpädagogischen Familienhilfe und Familien einander gegenübergestellt (Nielsen/ Nielsen 1984). In einem Anschlußprojekt 1983 bis 85 wurde diese Arbeit vertieft, erweitert und durch eine aufwendig abgesicherte Einschätzung des Erfolgs von Sozialpädagogischer Familienhilfe ergänzt (Nielsen/Nielsen/Müller 1986). Nach dieser Untersuchung halten die BezirkssozialarbeiterInnen SPFH in einem Drittel der Familien für erfolgreich, in einem Drittel für nicht erfolgreich; ein Drittel der Familienhilfen wurde vorzeitig abgebrochen. In anschaulichen Falldarstellungen werden Bedingungen gezeigt, unter denen Familienhilfen zu scheitern drohen bzw. sogar dem Wohl der Kinder erheblich schaden können. Dies sind vor allem mangelnde Qualifikation der FamilienhelferInnen, einseitige Parteinahme für Kinder, unklare Aufträge, Vermischung von Hilfe-/Kontrollauftrag, fehlende inhaltliche Ausgestaltung der Hilfe und ungenügende Verfügung flankierender Maßnahmen. In vieler Hinsicht sind diese Punkte Konsequenz einer Ausgestaltung der Hilfe, bei der wenig qualifizierte, "freischaffende" FamilienhelferInnen auf Honorarbasis vom Jugendamt eingestellt werden, wie es in Berlin nach wie vor der Fall ist.
Des weiteren entwickelten Nielsen/Nielsen/Müller eine Typologie von Familien (ebd. S. 101 f):
Familien in Einzelkrisen, d.h. Familien, die ihren Lebensalltag weitgehend ohne fremde Hilfe bewältigen konnten, aber durch nicht erwartete Einzelereignisse in Krisensituationen geraten sind (Tod des Ehepartners, Krankheit, Reintegration eines Kindes usw.). Diese Krisen können nicht mehr aus eigener Kraft bewältigt werden, wobei aber die grundsätzliche Versorgung in der Familie gewährleistet ist.
Familien in Strukturkrisen. Diese Familien sind Dauerbelastungen ausgesetzt. Seit Jahren bestehen Probleme auf verschiedenen Gebieten: schwierige Partnerschaft der Eltern, Sucht, Gewalt, finanzielle Mangelsituation, schlechte Wohnverhältnisse. Strukturelle Defizite nehmen Einfluß auf die familiale Organisation im Sinne einer sozio-ökonomischen Benachteiligung. Einzelne Ereignisse sind der Auslöser für eine Intervention durch Institutionen, für den Einsatz der SPFH. Aber auch diese Familien haben in gewissen Bereichen noch Problemlösungskompetenzen, die Dauerbelastungen äußern sich nicht fortwährend krisenhaft.
Familien in chronischen Strukturkrisen: Hier weisen die Eltern bereits gravierende Defizite in ihrer Sozialisation und Bildungserfahrung auf, es bestehen existentielle Probleme in allen Lebensbereichen, die Familie lebt in einer dauernden Krise. Nach Nielsen/Nielsen/Müller verfügen diese Familien über kein Eigenpotential zur Veränderung ihrer Lebenssituation.
Nielsen/Nielsen/Müller halten SPFH für nur erfolgreich in den ersten zwei Kategorien von Familien. Abgesehen von der Problematik der Einordnung von Familien innerhalb dieser Typen gibt es aber inzwischen durchaus Erfahrungen von SPFH, daß ein erfolgreiches Arbeiten auch mit Familien möglich ist, die belastet sind wie die in der dritten Kategorie beschriebenen. Voraussetzung dafür sind bestimmte Rahmenbedingungen und Qualifikationen der Fachkräfte, deren Konzepte, Arbeitsansätze und Methoden in besonderer Weise auf diese Familien eingestellt sein müssen (> Kapitel 4 und 5).
Neben diesen eher qualitativ ausgerichteten Studien wurden zwei "Bestandsaufnahmen" durchgeführt. Die eine, durchgeführt vom Institut für soziale Arbeit Münster (ISA), bezog sich auf das Land Nordrhein-Westfalen (Der Minister... 1985), die andere, vom SPI Berlin gemacht, auf das übrige Bundesgebiet und Westberlin (Christmann/Müller/Elger 1986). In beiden Studien ging es um die Erfassung des quantitativen und qualitativen Ausbaus der Sozialpädagogischen Familienhilfe, ihre Finanzierungs- und Organisationsformen, die faktische Qualifikation und die erwünschten Fähigkeiten des Personals, die günstigen bzw. weniger günstigen Bedingungen für den Erfolg und die Desiderate für die fachliche Weiterentwicklung. Christmann und Müller (1986), deren Untersuchung sich auf das gesamte Bundesgebiet bezieht, kommen hinsichtlich des Erfolgs von SPFH zu ähnlichen Ergebnissen wie Nielsen/Nielsen/Müller. Christmann/Müller kritisieren, daß SPFH hauptsächlich auf innerfamiliale Aspekte bezogen ist und warnen vor der "Umdefinierung gesellschaftlicher Problembereiche in personenbezogene Defizite". (ebd. S. 57).


