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1.1 Was ist Sozialpädagogische Familienhilfe?

Entstanden ist diese Hilfe im Kontext des Reformdiskurses sozialer Arbeit Ende der 60er Jahre und zwar aus der Forderung der Reduzierung von Fremdplazierungen von Kindern und der Kritik am etablierten Heimwesen. Eine Form intensiver und direkter Betreuung von Familien schien vor allem für die Kinder eine bessere Lösung - bei wesentlich geringeren Kosten. Während die ersten Einsätze, die von der Berliner Gesellschaft für Heimerziehung zu Beginn der 70er Jahre vermittelt wurden, noch eher pragmatischen Charakter in Form von Haushaltsfortführung zur Vermeidung kurzfristiger Heimunterbringungen hatten, setzte sich die Familienhilfe allmählich als sozialpädagogische Maßnahme durch. Die Berliner Senatsverwaltung finanzierte als erste Behörde dieses Modell über Honorarsätze und -kräfte. Die ersten Fachkräfte der Sozialpädagogischen Familienhilfe waren StudentInnen und arbeitslose AbsolventInnen sozialer und pädagogischer Berufe, die meist ohne einschlägige Erfahrung in den Familien eingesetzt wurden.

Ausgehend von Westberlin wurde die neue Hilfeart seit Mitte der 70er Jahre auch in Städten und Landkreisen des Bundesgebietes eingerichtet. Im Rahmen des Konzeptes einer "offensiven Jugendhilfe", (BMJFG 1974: Mehr Chancen für die Jugend, zitiert nach Nielsen H. 1990), das auf den Ausbau präventiver Hilfen ausgerichtet war, wurde die Entwicklung Sozialpädagogischer Familienhilfe durch eine hier stattfindende Reflexion der traditionellen Interventionsformen und Angebote der Jugendhilfe begünstigt. Man hatte erkannt: "Ein großer Teil der jugendhilfebedürftigen Familien nahm erfahrungsgemäß bestehende unterstützende Einrichtungen, wie z.B. Erziehungsberatungsstellen, nicht in Anspruch. Gerade dieser Teil der Klientel wiederum war (und ist) am schwersten von den gesellschaftlichen Krisen betroffen. ... Drohende Deklassierung wegen mangelnder finanzieller Ressourcen, vorübergehende oder strukturell bedingte mangelnde kontinuierliche Versorgung der Kinder verdeutlichten die steigenden Problembelastungen und Notlagen von sozial schwachen Familien und ihren Kindern. Familienersetzende Hilfen - Heimunterbringungen - wurden den akuten Problemlagen nicht gerecht." (Nielsen H. 1990, S. 234). Diese Diskussion bestärkte die existierenden Ansätze einer Hilfe, als deren Name sich der Begriff "Sozialpädagogische Familienhilfe" durchsetzte, welcher signalisieren sollte, daß es sich hier nicht um eine einfache, bloß hauswirtschaftliche Unterstützung handelte, sondern um mehr. Die Fachkräfte der Sozialpädagogischen Familienhilfe entwickelten ihren Auftrag und ihr Programm für die Familien mit Hilfe einer alten Formel aus der Geschichte der sozialen Arbeit: "Hilfe zur Selbsthilfe" (> vgl. dazu Kapitel 7: Vorformen und historische Einordnung).

Es ist sicherlich nicht überraschend, daß vor allem arme Familien, d.h. Familien in Unterversorgungslagen in den Bereichen Finanzen, Arbeit, Wohnung, Bildung, Versorgung mit gesundheitlichen und psychosozialen Dienstleistungen Sozialpädagogische Familienhilfe erhalten. Es sind meist Familien mit überdurchschnittlich vielen Kindern, häufig in Anpassungssituationen nach Trennungen oder bei einer Familienneubildung. Die Schwierigkeiten bestehen besonders in der Häufung der Belastungen, die oft über Jahre andauern, und den damit verringerten Chancen von Veränderungen. Wie auch andere Familien, unterliegen auch diese Familien dem Druck von gesellschaftlichen Anforderungen, Herausforderungen, Verlockungen und Veränderungen, Offenheiten und Undurchschaubarkeiten. Familien mit einer solchen Häufung von Belastungen sind nicht das gewohnte Klientel von Beratung und Therapie. Dies liegt aber offensichtlich nicht an den Familien, sondern an den nicht "passenden" Beratungsformen. Schon vor Jahren hatte Hemminger (1982, S. 247) hinsichtlich der Psychotherapie kritisch geäußert: "Wenn ich vom ersten Psychotherapeuten höre, der seine Praxis gelegentlich verläßt und sich mit einem Patienten in dessen Wohnung an den Kaffeetisch setzt, um über die anstehenden Probleme zu sprechen, werde ich beginnen zu glauben, daß es eines Tages doch so etwas wie eine funktionierende Psychotherapie geben könnte". Wenn auch in der Psychotherapie die von Hemminger geforderten Tugenden - Lebensweltorientierung und Gleichwertigkeit - noch nicht in großem Umfang Eingang gefunden haben, so gehören diese im Rahmen von sozialpädagogischer Arbeit, speziell bei der Sozialpädagogischen Familienhilfe, inzwischen weitgehend zum Grundverständnis. Dazu wird auch zunehmend versucht, nicht nur die Schwierigkeiten, sondern auch die Stärken der Familien zu sehen und zu fördern. Das Thema des Handbuches ist letztendlich die Passung zwischen den Familien, der Gesellschaft und der Hilfeform Sozialpädagogische Familienhilfe. In einer Gesellschaftsform, in der Individualisierung ein zentraler Wert ist, bedeutet Passung aber nicht Anpassung, sondern eine Entscheidung über den eigenen Lebensentwurf. Die Sozialpädagogische Familienhilfe ist dementsprechend kein Anpassungsinstrumentarium der Öffentlichkeit, sondern eine Unterstützungsmöglichkeit für die Familien, einen eigenen Weg zu finden.




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