Untersuchung „Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes“

III Einschätzung des Prostitutionsgesetzes aus unterschiedlichen Perspektiven

1   Die Sicht von Prostituierten

1.6   Erwartungen und Veränderungswünsche

An ein Prostitutionsgesetz wurden vielfältige Erwartungen geknüpft. Sowohl schriftlich1 als auch persönlich Befragte äußerten eine breite Palette von Wünschen und Hoffnungen, vorrangig die gesellschaftliche Anerkennung der Prostitution, allgemeine Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen, aber auch konkrete Verbesserungen des Arbeitsfeldes Prostitution. Nur sehr wenige hatten keine Erwartungen oder äußerten sich dezidiert ablehnend.

Entdiskriminierung, Akzeptanz und Berufsanerkennung

Die meisten schriftlich Befragten erwarteten die Entdiskriminierung von Prostituierten auf allen gesellschaftlichen Ebenen.2 Erhofft wurden Akzeptanz, Gerechtigkeit und Gleichbehandlung ebenso wie die volle berufliche Anerkennung:

„Gerechtigkeit. Akzeptiert zu werden wie jeder andere auch. Gesellschaftliche Anerkennung.“

„Mehr Respekt und Gleichbehandlung für uns Frauen.“

„Vollkommene rechtliche und soziale Gleichstellung mit anderen Berufen. Warum sollten z. B. Anwälte besseres Ansehen genießen als Prostituierte?“

Akzeptanz, gesellschaftliche Anerkennung und Berufsanerkennung hatte auch für die persönlich Befragten Priorität.

„Also dass die Akzeptanz einfach besser werden muss. Die Nachfrage ist da, und diese Scheinheiligkeit, mit der komme ich nicht klar. Dass man nicht einfach sagt, gut, die gibt’s halt wie die anderen auch und fertig, also dass man das wirklich als Beruf anerkennt.“ (P m 1/20)

„Dass es anerkannt wird endlich, dass es wirklich offiziell in der Gesellschaft anerkannt wird. Wenn man sich mit jemandem drüber unterhält, dann finden es alle ganz toll, ‚Hut ab vor der Dame’ und Trallala und überhaupt. Wenn man aber dann erwähnt, ‚ja, ich mache das auch’, dann ‚I pfui!’. (…) Die meisten sehen es ja wirklich noch als ‚I pfui!’, aber im Endeffekt ist es einfach nur ein Job, und das sehen manche halt nicht.“ (P w 10/19)

Entdiskriminierung bedeutete auch Entkriminalisierung des „Milieus“.

„Was für mich wichtig ist, dass ich nicht nur die gleichen bürgerlichen Rechte habe, sondern dass auch eine Entkriminalisierung des Milieus erfolgt. Dass ich hier bin und die Polizei jederzeit kommt und mich kontrolliert und mich als Prostituierte wie eine Kriminelle behandelt. (…) Das muss klar sein, dass nicht jede Prostituierte kriminell ist. (…) Diese Entkriminalisierung wäre mir ein ganz wichtiger Aspekt zur Gleichstellung und in der Behandlung der Prostituierten durch die allgemeine Bevölkerung. Dass es nicht gleich heißt, das ist eine Nutte und die ist kriminell. Sondern dass es heißt, das ist eine Prostituierte und die macht einen Job, und der ist auch wichtig in unserer Gesellschaft.“ (P w 9/22f.)

Um die mit dem ProstG erhoffte Entdiskriminierung von Prostituierten weiter zu befördern, wurden zusätzliche Maßnahmen wie ein Anti-Diskriminierungsgesetz mit konkreten Regelungen zur Gleichstellung von Prostituierten sowie Gleichstellungsbeauftragte für Prostituierte erforderlich gehalten.

„Es müsste auch ein Anti-Diskriminierungsgesetz geben, also praktisch so, wie es die Gleichstellung für Frauen gibt. (…) Ich denke, wir bräuchten die Gleichstellungsbeauftragten für Frauen weniger als für Prostituierte, wo ich mich hinwenden kann und sagen: ‚Pass mal auf, da ist mir das und das passiert.’ Wo ich ernst genommen werde und wo es nicht heißt, die kleine Nutte da. (…) Eine Gleichstellungsbeauftragte für Frauen ist nicht speziell mit dem Thema befasst, die weiß gar nicht, worum es geht.“ (P w 9/22)

Als Folge der mangelnden Anerkennung der Prostitution und gesellschaftlichen Diskriminierung von Prostituierten führen viele ein Doppelleben. Auch etliche der Interviewten verheimlichten ihre Tätigkeit als Prostituierte. Insbesondere Mütter achteten aus Sorge um ihre Kinder darauf, dass ihre Prostitutionstätigkeit nicht bekannt wird.

„In dem Ort, wo ich wohne, würde ich nie irgendwas machen, nie, einfach zur Sicherheit für mein Kind. Weil wenn das einer irgendwann mal mitkriegt, man weiß ja, wie die Leute sind. Und ich will halt nie, dass irgendwas auf mein Kind kommt, dass es heißt: ‚Oh, deine Mama geht anschaffen, deine Mama ist eine Hure.’ Das will ich nicht.“ (P w 8/10)

Aber auch Frauen ohne oder mit bereits erwachsenen Kindern verheimlichten im Freundes- bzw. Bekanntenkreis, womit sie ihr Geld verdienen.3 Sie fühlten sich damit jedoch nicht wohl und würden gerne offener mit ihrer Tätigkeit als Prostituierte umgehen.

„Es wäre schon in manchen Situationen erleichternd, wenn man es sagen könnte. Es kommen ja immer wieder Fragen auf, wenn man da nicht vorbereitet ist oder gleich schaltet, ist es manchmal schon schwierig. Ich lüge eh nicht gern, und wenn ich dann was sagen soll, was gar nicht stimmt, also das ist manchmal schon schwierig. Und es ist irgendwo auch ekelhaft, weil man kommt sich dann auch irgendwie dreckig vor, dass man denen so ins Gesicht lügen muss.“ (P w 4/22f.)

Verbesserungen der Arbeits- und Lebensbedingungen und soziale Sicherheit

Erwartet wurden von einem Prostitutionsgesetz weiterhin generelle Verbesserungen der Arbeits- und Lebensbedingungen sowie soziale Absicherung, häufig in Verbindung mit beruflicher Anerkennung. Von den schriftlich Befragten äußerten sich fast gleich viele entsprechend.4

„Verbesserte Arbeits- und Lebensbedingungen für Prostituierte, Kranken- und Sozialversicherung, Schutz vor Zuhälterei, mehr Gerechtigkeit.“

„Die sozialen und arbeitsrechtlichen Belange der Frauen verbessern, die Frauen kranken- und rentenversichern. Es sollte den Beruf mit jedem anderen gleichstellen (auch wenn es kein Beruf wie jeder andere ist).“

„Sicherheit bei Krankheit und im Alter.“

Auch persönlich Befragte wünschten sich eine generelle Verbesserung ihrer Situation sowie eine bessere soziale Absicherung für Prostituierte.

„Dass man es vielleicht auch mal ein bisschen leichter haben würde. Uns wird es noch sehr, sehr schwer gemacht.“ (P w 8/16)

Konkrete Verbesserungen im Arbeitsbereich Prostitution und am Arbeitsplatz

Über eine allgemeine Entdiskriminierung und Verbesserung der Lebensbedingungen hinaus wurden an ein Prostitutionsgesetz auch konkrete Erwartungen im Hinblick auf die Gestaltung des Arbeitsbereiches Prostitution und des eigenen Arbeitsplatzes geknüpft. Die Wünsche der Befragten reichten vom sehr allgemein gehaltenen Wunsch nach geordnetem Ablauf über die Forderung nach härterer Bestrafung von Zuhältern bis hin zum Wunsch nach geringeren Mieten im Bordell.

Anregungen für eine Veränderung des Prostitutionsgesetzes

Von den schriftlich Befragten hatten 17,7 % (54) Anregungen für eine Veränderung des ProstG. Die meisten von ihnen betonten die Notwendigkeit der vollständigen Gleichstellung. Einige wollten konkrete Arbeitsplatz bezogene Regelungen wie z. B. normale Mieten im Gewerbe oder Strafe für diejenigen, die ohne Kondom arbeiten, im Gesetz verankert sehen. Einzelne forderten einheitliche steuerliche Regelungen, äußerten sich skeptisch bzw. dezidiert ablehnend zum ProstG oder nutzen den Platz für allgemeine Äußerungen wie z. B. „Hätte es das Gesetz schon früher gegeben, wäre mein Leben anders verlaufen“.

Mehr Informationen und Öffentlichkeitsarbeit zum ProstG hielten sowohl einige schriftlich als auch persönlich Befragte für wichtig.

Nur wenige äußerten keine Erwartungen oder lehnten das Gesetz ab

Nur wenige der schriftlich Befragten hatten keine Erwartungen an das ProstG oder lehnten es ausdrücklich ab.5 Die Äußerungen derjenigen, die keine Erwartungen an das Gesetz hatten, klangen überwiegend resigniert. Sie konnten sich offenbar nicht vorstellen, dass sich durch ein Gesetz ihre Situation verbessern würde. Vereinzelt wurden aber auch eine grundlegende Skepsis gegenüber Staat und Politik und der Wunsch geäußert, in Ruhe gelassen zu werden:

„Es ist egal, was es für ein Gesetz ist, wir werden sowieso immer benachteiligt. Durch die Legalisierung kann ich nicht zu meiner Familie gehen und sagen, was ich mache.“

„Hure ist Hure, was soll ich erwarten?“

Die Ablehnung des ProstG beruhte auf dem Wunsch, dass alles so bleibt wie es ist oder wurde damit begründet, dass es zu keinen Verbesserungen geführt hätte:

„Es soll sich nichts verändern dadurch.“

„Das Gesetz ist überflüssig und nutzlos und hat zu keinen Verbesserungen geführt.“

1) Die im Fragebogen gestellte offene Frage „Was ist das Wichtigste, was Sie von einem Prostitutionsgesetz erwarten?“ wurde von zwei Dritteln aller schriftlich Befragten (201=65,9 %) und somit erstaunlich vielen beantwortet. Die ebenfalls offene Frage „Haben Sie Anregungen für eine Veränderung des Prostitutionsgesetzes?“ wurde dagegen nur von einem kleineren Teil (54=17,7 %) beantwortet. Die vorliegenden Antworten wurden im Nachhinein kategorisiert und entsprechend ihrer Hauptaussage einer Kategorie zugeordnet.

2) 74=36,8 % derjenigen, die Frage nach dem Wichtigsten beantworteten

3) Die Interviewten entschieden sich sehr bewusst, wem sie von ihrer Tätigkeit erzählten. Bei einigen wusste nur der Ehemann bzw. Partner Bescheid, bei anderen auch einige Familienangehörige oder wenige Freundinnen.

4) Bessere Arbeits- und Lebensbedingungen: 17,4 % der offenen Antworten; soziale Absicherung: 15,9 %.

5) Von den 201 Befragten, die die offene Frage nach der wichtigsten Erwartung an das Prostitutionsgesetz beantworteten, hatten 3,5 % (7) keine Erwartungen und nur 1,5 % (3) äußerten sich dezidiert ablehnend. Von den 54 Befragten, die die offene Frage nach Anregungen für eine Veränderung des Prostitutionsgesetzes beantworteten, äußerten sich 9,3 % (5) dem Gesetz gegenüber skeptisch bzw. ablehnend.

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