III Einschätzung des Prostitutionsgesetzes aus unterschiedlichen Perspektiven
1
Die Sicht von Prostituierten
1.5
Einschätzung des Prostitutionsgesetzes
Die Meinungen der schriftlich Befragten zum ProstG waren ziemlich eindeutig. Die weitaus meisten begrüßten die Existenz des Gesetzes und erhofften sich davon (weitere) Verbesserungen ihrer Situation. Gleichzeitig sah die Mehrheit aber noch keine wesentlichen Veränderungen. Fast alle hielten einen besseren Kenntnisstand der Behörden über das ProstG für erforderlich. Inwiefern die Behörden tatsächlich zu wenig über das Gesetz informiert sind, ist dadurch nicht belegt. Die große Zustimmung zu dieser Variablen kann auch auf der weit verbreiteten Skepsis gegenüber Behörden beruhen. Obwohl das ProstG begrüßt wurde, war es für die Mehrheit der Befragten offenbar kein vorrangiges Thema. Insbesondere nicht mehr als Prostituierte tätige Befragte sprachen seltener über das Gesetz. Nur ein kleiner Teil der Befragten hielt das Gesetz für überflüssig.
Tabelle 19: Meinungen von Prostituierten zum Prostitutionsgesetz (N=305)*
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Item
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ja
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eher ja
|
eher nein
|
nein
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| Ich finde es gut, dass es das Prostitutionsgesetz gibt. |
61,6 % |
23,9 % |
6,2 % |
3,0 % |
| Man merkt bereits erste Auswirkungen des Gesetzes. |
14,4 % |
17,0 % |
33,8 % |
20,0 % |
| Ich halte das Prostitutionsgesetz für überflüssig. |
6,9 % |
9,2 % |
23,6 % |
42,6 % |
| Das Gesetz hat schon Verbesserungen erbracht. |
11,5 % |
20,0 % |
31,1 % |
22,3 % |
| Ich erhoffe mir dadurch weitere Verbesserungen. |
45,9 % |
26,6 % |
10,5 % |
5,9 % |
| Ich finde es gut, dass es das Gesetz gibt, aber leider hat sich dadurch noch nichts geändert. |
34,8 % |
24,9 % |
18,4 % |
5,2 % |
| Die Behörden sollten sich besser über das Gesetz informieren. |
65,2 % |
21,6 % |
1,6 % |
1,3 % |
| In meiner Umgebung sprechen wir öfter über das Prostitutionsgesetz. |
19,3 % |
18,7 % |
26,6 % |
27,5 % |
* Diejenigen, die keine Angaben machten, wurden in der Tabelle nicht berücksichtigt.
Bei den Meinungen zum ProstG gab es keine wesentlichen Unterschiede zwischen haupt- und nebenberuflich arbeitenden Prostituierten.
Auch die persönlich Befragten äußerten sich überwiegend positiv zum ProstG und hielten es für einen Schritt in die richtige Richtung. Begrüßt wurde die für längst überfällig gehaltene Möglichkeit, Prostitution nunmehr als legale Tätigkeit ausüben zu können.
„Also dass man legal dem Gewerbe nachgehen kann, das ist schon auf alle Fälle gut. Das ist ja immer so eine Gratwanderung gewesen. Und ich finde, es ist auch Zeit geworden. Wir sind schon seit Jahrhunderten da und anerkannt sind wir nicht. Das hat wirklich lang genug gedauert.“ (P w 4/17)
Interviewpartner und -partnerinnen fühlten sich durch das ProstG geschützt und die Möglichkeit, sozialversicherungspflichtig als Prostituierte arbeiten zu können, wurde grundsätzlich positiv gesehen, auch wenn dies für sich selbst z. B. aufgrund des Alters nicht (mehr) in Erwägung gezogen oder wenn dies eher als eine längerfristige Perspektive eingeschätzt wurde. Verbesserungen wurden insbesondere für diejenigen gesehen, die hauptberuflich als Prostituierte arbeiten und keine anderen Möglichkeiten der sozialen Absicherung haben.
„Also die positive Seite ist definitiv unser Schutz, dass uns nicht mehr so viel passieren kann. Das unterstützt das Gesetz, denke ich. Und natürlich auch unsere Absicherung im Alter, Absicherung, Sozialerhalt, dass sich das verbessert. Nur nicht von heute auf morgen, ich denke, es braucht einfach noch Zeit.“ (P m 4/18)
„Arbeitslosengeldanspruch, Rentenanspruch, Krankenkasse. Es hätte bestimmt, wenn es das in meinen jungen Jahren gegeben hätte, sehr vielen Frauen manche Sorgen abnehmen können. Deswegen sage ich, den jungen Frauen bringt es eventuell etwas, für uns ist das uninteressant, weil wir sind zu alt dazu, bei uns bringt’s das nicht mehr. Aber die Jungen, wenn die zehn, zwanzig, dreißig Jahre anschaffen und dann anschließend ihre Absicherung hätten, dann bringt es was.“ (P w 5/27)
„Für Frauen, die es wirklich hauptberuflich machen. Also Frauen, die aus Armut, Verzweiflung, aus der Not in die Branche gegangen sind und die eigentlich auch den Ausstieg nicht mehr schaffen, für die Frauen ist es wichtig, weil sie schaffen wirklich hart. Die sollten genau so das Recht haben auf Rentenbeträge und alles drum und dran. Für die ist das wichtig, die das hauptberuflich machen und nichts anderes nebenher haben.“ (P w 8/20)
Das Gesetz wurde sowohl für die berufliche Situation der Prostituierten als auch für Betreiber und Betreiberinnen von Prostitutionsbetrieben als sinnvoll eingeschätzt.
„Also für die Prostituierten ist dieses Gesetz auf jeden Fall sinnvoll. Für die Betreiber finde ich das auch wichtig, aber ich glaube, das haben die noch nicht so erkannt. (…) Für den Einstieg wäre mehr Klarheit vorhanden, nicht so eine Ungewissheit. Und für den Ausstieg, wenn in einem Vertrag Kündigungsfristen mit drin stehen, kann man einen direkten Schnitt machen. Wenn der Arbeitgeber den letzten Monat nicht zahlt, kann man es auch gerichtlich einfordern. Das ist auch ein Vorteil.“ (P w 2/12)
„Ich halte es auf jeden Fall für sinnvoll, dass die Sittenwidrigkeit und die Förderung der Prostitution abgeschafft worden sind. Das sind Aspekte, die ganz wichtig sind, vor allen Dingen auch dahingehend, dass jetzt eine Betreiberin einen Laden aufmachen kann, wo Frauen geschützt unter sauberen, hygienischen Bedingungen arbeiten können. (…) Als Verbesserung für meine eigne Situation sehe ich, dass ich zum Beispiel sagen könnte, ich mache ein Studio oder eine eigene Terminwohnung auf und habe dann nicht das Gefühl, mit einem Bein im Knast zu stehen.“ (P w 9/21)
Einige Interviewpartnerinnen äußerten sich eher skeptisch gegenüber dem ProstG, sie sahen darin keine Vorteile für sich selbst.
„Ich kann ja nur für mich selbst entscheiden und kann ja jetzt nicht sagen, das trifft für mich nicht zu und das ist deswegen sowieso alles Scheiße. Das hat schon alles seine Richtigkeit. (…) Es mag vielleicht Einrichtungen geben mit Arbeitsverträgen. Wenn das geht, dann soll es das auch geben. (…) An sich finde ich das Ganze schon in Ordnung. Nur für mich trifft es nicht zu, ich bin Mitte 40, das hat sich eh erledigt. Aber sonst soll das schon so bleiben und vielleicht auch verbessert werden. Aber es ist nun mal so, wir sind Prostituierte und wir sind nun mal eine Randgruppe und wir bleiben vorläufig auch eine Randgruppe.“ (P w 5/26)
Auch wenn das Gesetz als realitätsfern und vor allem hinsichtlich des Abschlusses von versicherungspflichtigen Arbeitsverträgen als Prostituierte an den Gesetzmäßigkeiten und Gepflogenheiten des „Milieus“ vorbeigehend bezeichnet wurde, wurde die Intention des ProstG als positiv eingeschätzt und sich vor allem eine entdiskriminierende Wirkung versprochen.
„Ich würde schon fast sagen, es ist an der Realität vorbei. Das hat damit zu tun, dass Leute, die Gesetze machen, in der Regel die Gesetze des Milieus entweder nicht genügend kennen oder es nicht wahrhaben wollen, dass sie so sind, die Gesetze des Milieus. (…) Also dass die Sittenwidrigkeit weg kam, das ist schon ein guter Akt, das ist nur nützlich. (…) Aber in der Praxis? (…) Natürlich, wenn tatsächlich eine Frau ein Angestelltenverhältnis haben möchte und ein Betreiber macht das mit ihr, dass das möglich ist, bin ich durchaus dafür. Nur ich glaube, dass es an der Realität vorbei ist, dass viele das machen werden, und das ist dann eigentlich nichts Böses gegen das Gesetz, sondern sie haben einfach keinen Vorteil davon, deswegen machen sie es nicht. (…) Also ich finde das Gesetz toll, es hilft bloß mir nicht und vielen anderen auch nicht. Aber trotzdem bin ich nicht gegen das Gesetz. (…) Es ist gut für die Köpfe der Leute, dass sie denken, oh ja, das können wir jetzt alles ein bisschen akzeptabler finden. Dafür finde ich es wunderbar.“ (P w 3/28ff)