III Einschätzung des Prostitutionsgesetzes aus unterschiedlichen Perspektiven

1   Die Sicht von Prostituierten

1.1   Die befragten Prostituierten

Von 305 schriftlich Befragten waren 90,2 % als Prostituierte tätig, 9,8 % waren innerhalb des letzten halben Jahres aus der Prostitution ausgestiegen. Für 56,1 % war die Prostitution Haupterwerbstätigkeit, 43,6 % gingen nebenbei der Prostitution nach1. Der größte Teil der Befragten (72,1 %) wurde über eine Beratungsstelle2 bzw. eine Prostituiertenselbsthilfegruppe erreicht, 23,3 % erhielten den Fragebogen über andere Personen und 4,3 % beteiligten sich über das Internet. Erreicht wurden Prostituierte aus 13 Bundesländern.3 Die meisten lebten und arbeiteten in Großstädten.

Alle 18 persönlich Befragten arbeiteten zum Zeitpunkt des Interviews in der Prostitution. Für zehn war es die Haupterwerbsquelle, die anderen acht arbeiteten nebenbei als Prostituierte bzw. Callboy.4 Die Kontakte zu den Interviewten kamen über Fachberatungsstellen sowie über eine Prostituiertenselbsthilfegruppe zustande. Sie lebten in sechs Bundesländern.5

Auch wenn Angaben von einer großen Zahl von Prostituierten vorliegen, können die folgenden Aussagen aufgrund der unbekannten Anzahl der in Deutschland tätigen Prostituierten nicht als repräsentativ gelten.6 Es wurde jedoch eine breite Spanne von in der Prostitution Tätigen erreicht.

Tabelle 17: Überblick sozialstatistische Daten der befragten Prostituierten*
Schriftlich Befragte (N=305) Persönlich Befragte (N=18)
Geschlecht
weiblich 276 (90,5 %) 13
männlich 21 (6,9 %) 4
transsexuell 8 (2,8 %) 1
Alter 18–64 Jahre, Ø 35,6 Jahre 23–52 Jahre, Ø 37,5 Jahre
Nationalität
deutsch 240 (78,7 %) 16
andere 63 (20,7 %) 2
Familienstand** N=292
ledig 113 (38,7 %) 7
verheiratet 64 (21,9 %) 5
geschieden/getrennt 106 (36,3 %) 5
verwitwet 4 (1,4 %) 1
Kinder** N=292 147 (50,3 %) 8
Höchster Schulabschluss** N=292
geht noch zur Schule 7 (2,4 %)
ohne Abschluss 35 (12,0 %)
Hauptschule 8. Klasse 75 (25,7 %) 7
Hauptschule 10. Klasse/ Mittlere Reife 74 (25,3 %) 6
Fachhochschulreife/Abitur 75 (25,7 %) 5
Berufsausbildung
noch in Ausbildung 14 (4,6 %) 1
keine 85 (27,9 %) 1
abgebrochen 42 (13,8 %)
abgeschlossen*** 157 (51,5 %) 16

* „Keine Angaben“ wurden in der Tabelle nicht berücksichtigt.

** Entsprechende Angaben wurden in der Kurzfassung des Fragebogens für das Internet nicht erhoben.

*** Am stärksten vertreten waren Berufe im kaufmännischen bzw. Bürobereich, gefolgt von klassischen Dienstleistungsberufen, Handwerk, Berufen im medizinischen und pädagogischen Bereich.

Prostitutionsdauer, Prostitutionsbereiche und Einkommen aus der Prostitution

Die schriftlich Befragten arbeiteten zwischen einem und 40 Jahren als Prostituierte. Knapp die Hälfte (48,9 %) war durchgängig in der Prostitution tätig (Ø 7,7 Jahre), fast genauso viele (48,5 %) mit Unterberechungen (Ø 9 Jahre). Die weitaus meisten arbeiteten bis zu zehn Jahre in der Prostitution.7 Die persönlich Befragten arbeiteten teilweise mit Unterbrechungen zwischen 10 Monaten und 30 Jahren als Prostituierte bzw. Callboy (Ø 11,4 Jahre).

Die schriftlich Befragten waren teilweise in mehreren Prostitutionsbereichen tätig bzw. verfügten über Erfahrungen in verschiedenen Settings. Die Hälfte hatte Erfahrungen im Bereich der Wohnungs- oder Appartementprostitution, über zwei Fünftel war bereits in Clubs, Bars oder Kneipen der Prostitution nachgegangen, knapp zwei Fünftel in Bordellen, Eros-Centern oder Laufhäusern, fast genauso viele hatten Erfahrungen mit Haus- und Hotelbesuchen.8

Die persönlich Befragten arbeiteten zum Zeitpunkt des Interviews vorwiegend in einem bordellähnlichen Betrieb bzw. der Wohnungsprostitution, einzelne machten (auch) Hausbesuche oder nahmen in Kneipen bzw. auf der Straße Kontakt zu ihren Kunden auf. Vertreten war auch der SM-Bereich. Die meisten Interviewten hatten Erfahrungen in mehreren Prostitutionsbereichen.

Das monatliche Nettoeinkommen9 aus der Prostitution reichte bei den schriftlich Befragten von unter 500 bis über 5.000 Euro. Spitzenverdienste stellten dabei die Ausnahme dar.10 Annähernd drei Fünftel (58,7 %) hatten ein Nettoeinkommen bis 1.500 Euro, weitere 16,4 % zwischen 1.500 und 2.000 Euro. Die ganze Verdienstspanne war sowohl bei haupt- als auch bei nebenberuflich tätigen Prostituierten anzutreffen. Insgesamt war der Verdienst der hauptberuflich Tätigen höher: Über die Hälfte (55,7 %) der nebenberuflichen Prostituierten verdiente bis 1.000 Euro, bei den Hauptberuflichen waren es lediglich über ein Viertel (27,9 %). Die meisten der hauptberuflich als Prostituierte tätigen Befragten (72,1 %) hatten ein monatliches Nettoeinkommen von mehr als 1.000 Euro. Knapp zwei Fünftel (39,6 %) hatten zwischen 1.000 und 2.000 Euro zur Verfügung. Nur ein Zehntel (10,4 %) verdiente mehr als 3.000 Euro netto im Monat.

1) Davon waren 31 Hausfrau/Hausmann. 22 arbeiteten anderweitig als Angestellte bzw. Angestellter oder Beamtin bzw. Beamter. 16 befanden sich in einer universitären bzw. betrieblichen Ausbildung oder gingen noch zur Schule. 20 waren Bezieherinnen bzw. Bezieher von Sozialhilfe und 18 erhielten Arbeitslosengeld oder -hilfe. Acht waren in einem anderen Beruf selbstständig.

2) Fachberatungsstelle für Prostituierte, Stricher oder zugewanderte Prostituierte sowie Beratungsstellen für sexuell übertragbare Erkrankungen (STD-Beratungsstellen).

3) Aus Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Thüringen liegen keine Fragebögen vor. Die meisten Befragten (111=38,0 %) lebten und arbeiteten in Nordrhein-Westfalen.

4) Sie übten entweder hauptberuflich eine andere Tätigkeit aus oder befanden sich in der Ausbildung bzw. im Erziehungsurlaub. Einzelne bezogen Leistungen vom Arbeitsamt.

5) Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen

6) zur Frage der Repräsentativität und Repräsentation siehe Kapitel I.4.3

7) Ohne Unterbrechung 75,7 %, mit Unterbrechungen 71,9 %.

8) Mehrfachnennungen: Wohnung/Appartement: 50,5 % (154), Club/Bar/Kneipe: 44,3 % (135), Bordell/Eros-Center/Laufhaus: 38,7 % (118), Haus- und Hotelbesuche: 37,0 % (113), Terminwohnungen: 30,5 % (93), Escort-Service/Agentur: 20,3 % (62), Straßenstrich (mit Hotelbesuch/Zimmer): 17,7 % (54), Straßenstrich (mit Auto): 16,4 % (50), Studio/Dominastudio: 15,8 % (48), FKK-Club/Sauna: 9,8 % (30), Sexkino: 6,9% (21), Wohnwagen: 4,3 % (13)

9) Erfragt wurde die Höhe des Einkommens aus der Prostitution nach Abzug der Steuern und Arbeitskosten wie Zimmermiete, Arbeitskleidung, Inserate, Hygieneartikel etc.

10) Nur 3,3 % der Befragten hatten ein monatliches Nettoeinkommen von 4.000 bis über 5.000 Euro.