Untersuchung „Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes“

I Forschungsauftrag, Forschungsfeld, Forschungsgegenstand und Methodik

3   Das Untersuchungsfeld Prostitution – Binnendifferenzierungen

Prostitution ist ein sehr heterogenes Feld, das in seiner Gesamtheit weder durch Gesetze reformierbar noch durch eine Untersuchung zu erfassen ist. Charakteristisch ist, dass dieser Bereich lange Zeit an den Grenzen der Gesellschaft und trotzdem in ihrer Mitte existierte und dass in der Praxis viel geduldet wurde, was rechtlich nicht gestattet war (siehe II.3.1). So entstand ein „Milieu“, das nach eigenen Regeln funktionierte und eigene Traditionen und Gewohnheiten ausbildete. Dieses „Milieu“ deckt aber nicht das gesamte Untersuchungsfeld ab und ist in sich heterogen.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, das Untersuchungsfeld Prostitution zu strukturieren. Hier wird zunächst nach den Kriterien Motivation und Selbstbild differenziert:

Differenzierung nach dem Kriterium Motivation und Selbstbild1
Freiwillige Prostitution Beschaffungsprostitution Zwangsprostitution
Frauen und Männer, die reflektiert und aus eigener Motivation in diesem Bereich arbeiten Frauen und Männer, die in der Prostitution arbeiten, um sich das Geld für ihren Drogengebrauch zu verdienen Frauen (und Männer), die gegen ihren Willen zur Prostitution gezwungen oder unter ungewollten Bedingungen in der Prostitution festgehalten werden

Diese Unterscheidung thematisiert das Selbstverständnis der in der Prostitution Tätigen: Professionelle Prostituierte bzw. die in der Hurenbewegung organisierten „Sexarbeiter/innen“ sind neben anderen in der ersten Gruppe zu finden. Die zweite Gruppe, die überwiegend auf der Straße arbeitet, sieht die Prostitution ausschließlich als Mittel zum Gelderwerb und versteht sich selbst in der Regel nicht als Prostituierte. Die dritte Gruppe wird gezwungen und ausgebeutet und würde sich gegen diese Tätigkeit bzw. gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen entscheiden, wenn sie könnte.

Der Begriff „Zwangsprostitution“ ist umstritten. „Zwangsprostitution gibt es nicht. Prostitution ist eine freiwillig erbrachte sexuelle Dienstleistung, die einen einvernehmlichen Vertrag zwischen erwachsenen Geschäftspartner/innen voraussetzt. Ohne dieses Einvernehmen handelt es sich nicht um Prostitution, sondern um erzwungene Sexualität und damit um sexualisierte Gewalt.“ So nahm die Bundesweite AG Recht und Prostitution zur aktuellen Debatte von CDU und CSU zur Bekämpfung von Zwangsprostitution Stellung.2 In fast gleichem Wortlaut äußerte sich die LandesArbeitsGemeinschaft Recht/Prostitution NRW am 13. April 2005.

Zurzeit gibt es keine konsensfähige Alternative. Sowohl der Begriff der Zwangsarbeit in der Prostitution als auch der der sexuellen Gewalt blenden aus, dass Personen, die bereit sind, in der Prostitution zu arbeiten, trotzdem mit Drohung und Gewalt konfrontiert sein können. Der Zwang besteht oft darin, dass sie unter Bedingungen arbeiten müssen, die sie nicht wollten und als unzumutbar empfinden, bzw. dass sie ausgebeutet werden und kaum verdienen. Nicht wenige wollen jedoch auch nach einer Flucht aus Zwangsverhältnissen hier arbeiten und Geld verdienen und sehen keinen anderen Weg als in der Prostitution.3

Für das Verständnis der Vielschichtigkeit des Untersuchungsfeldes ist der Hinweis auf Zwischenformen, weitere Binnendifferenzierungen und Übergänge wichtig:

Eine Binnendifferenzierung des Untersuchungsfeldes kann auch wie folgt aussehen:

Differenzierung nach dem Kriterium Freiwilligkeit
Freiwilliger Bereich Grauer Bereich Unfreiwilliger, gewaltförmiger Bereich
Entscheidung für die Prostitution in Abwägung mehrerer realer Optionen an Erwerbs- bzw. Berufsmöglichkeiten Entscheidung für haupt- oder nebenberufliche Prostitution aufgrund von Not (z. B. Schulden) oder (emotionaler) Abhängigkeit, fehlender Ausbildung usw. in Abwägung stark eingeschränkter Optionen Erzwungene Prostitution bzw. erzwungener Verbleib in der Prostitution; Ausbeutung und Gewalt

Diese Unterscheidung in drei Muster von Prostitution differenziert nach dem Handlungs- und Entscheidungsspielraum, Arbeitsbedingungen und Arbeitsverhältnisse selbst zu bestimmen bzw. entsprechend die Möglichkeiten des ProstG zu nutzen: Während für die dem ersten Muster zugeordneten Prostituierten diese Optionen offen stehen und hier viele zu finden sind, die selbstbewusst für ihre Rechte eintreten werden, sind diese Möglichkeiten für das zweite Muster bereits eingeschränkt. Wer dringend auf den Verdienst angewiesen ist, kann wenig wählerisch sein bezüglich der Kunden und der Betriebe. Viele aus dieser Gruppe werden Zugeständnisse bei der Sicherheit (Arbeit ohne Kondom, Akzeptieren jeglicher Kunden, auch der unangenehmen oder gefährlichen) bzw. bei den Arbeitsbedingungen (Abgaben an Zuhälter oder Partner; Arbeit unter schlechten räumlichen, zeitlichen, hygienischen oder finanziellen Bedingungen) machen.

Mit Blick auf die Zielsetzung einer Prostitutionspolitik, die Legalisierung und rechtliche Gleichstellung anstrebt4, können aus der Perspektive des Rechts auch folgende Bereiche im Prostitutionssektor unterschieden werden:

Differenzierung nach dem Kriterium Legalität
Heller Bereich 5 Grauer Bereich Illegaler (dunkler) Bereich
Genehmigte (lizenzierte) Betriebe6, angemeldete Gewerbe, angemeldete Selbstständige, mit Arbeitsvertrag Tätige Legal, aber von Ausbeutung und (latenter) Gewalt durchdrungen(unter anderem Prostitution aus Not oder zur Beschaffung von Drogen) Zwang, Gewalt, Gefangenschaft, Menschenhandel; ohne erforderliche Genehmigungen Eingereiste, Eingeschleuste, nicht angemeldete bzw. nicht genehmigte (nicht lizenzierte) Betriebe

Problematisch ist, dass diese Perspektive im Bereich der illegalen Prostitution sowohl Opfer von Menschenhandel als auch freiwillig tätige Prostituierte ohne legalen Aufenthaltstitel bzw. Arbeitserlaubnis zusammenfasst. Ebenfalls problematisch ist, dass eine nicht angemeldete Wohnung, in der Prostituierte selbstständig ihrer Arbeit nachgehen, mit einer Wohnung oder einem Bordell, wo Prostituierte gegen ihren Willen festgehalten werden, gleichgesetzt wird.

Aufgabe der hier vorgelegten Untersuchung – ebenso wie der Umsetzung des Gesetzes – ist es, die Auswirkungen des ProstG auf die Rahmenbedingungen der Arbeit in der Prostitution in dem jeweiligen Bereich des Untersuchungsfeldes (siehe II.2.3) zu erfassen. Der Zugang in den hellen Bereich muss im Rahmen der Umsetzung des ProstG gestaltet und der graue Bereich deutlich reduziert werden, was nur durch reale Alternativen zur Prostitution geschehen kann. Innerhalb des illegalen Bereichs gilt es abzuklären, wer Opfer von Gewalt ist und wie die Opfer sowie ohne erforderliche Genehmigung Eingereiste oder Zugewanderte vor Ausbeutung geschützt werden können.

Ein Blick auf die Struktur des Untersuchungsfeldes Prostitution zeigt, dass die hier vorgelegte Untersuchung auftragsgemäß nur bestimmte Ausschnitte – nämlich die der freiwillig ausgeübten Prostitution – erfassen kann. Einerseits sind Gewaltverhältnisse und Bereiche, die sich der Legalität entziehen, nur sehr begrenzt der Forschung zugänglich, andererseits haben die Regelungen des ProstG für diese Bereiche überwiegend keine Relevanz. Gewalt und Ausbeutung sind nach wie vor nach anderen Gesetzen strafbar, ebenso wie sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen; Menschenhandel, Kinderhandel und Zuhälterei werden nach wie vor verfolgt. Auswirkungen des ProstG auf die Strafverfolgung wurden geprüft (siehe II.2.4). Arbeitsverträge, Verbesserung von Arbeitsbedingungen, gesetzliche Krankenversicherung bzw. Alterssicherung usw. sind für Zwangsprostituierte und gehandelte Prostituierte ebenso wenig eine Option wie für Migrantinnen ohne legalen Aufenthaltsstatus. Für diese Gruppen gelten die Bestimmungen des Strafgesetzbuches (StGB) und des Zuwanderungsgesetzes, sie werden in dieser Untersuchung nicht erfasst. Die spezifisch schwierige Lebens- und Arbeitssituation von Migrantinnen, Menschenhandelsopfern oder Drogen gebrauchenden Prostituierten und Strichern kann daher nur gestreift werden (siehe I.4.3).

Diese Differenzierungen innerhalb des Untersuchungsfeldes sind umso wichtiger, als unterschiedliche Interessengruppen in den aktuellen Diskussionen jeweils spezifische Ausschnitte des Feldes und deren Besonderheiten in den Vordergrund stellen. Forschung über Prostitution ist zum Beispiel oft themenbezogen auf Gewalterleben vor und während der Prostitutionstätigkeit ausgerichtet und im Gewaltdiskurs verankert. Dieser Zugang blendet aus, dass nicht alle Prostituierten Opfer von Gewalt sind und auch die Selbstwahrnehmung von Prostituierten mit Gewalterfahrungen sich nicht durchgehend mit der eines Gewaltopfers deckt.7 Lobbyarbeit seitens einzelner Prostituiertenorganisationen betont die selbstverantwortliche Entscheidung und die relativen Vorzüge dieser Tätigkeit wie Selbstständigkeit und Selbstbestimmung von Art und Umfang der Arbeit. Sie blendet im Kampf um Gleichstellung häufig die Schattenseiten von Prostitution aus.

1) Vgl. Engelmeyer in Deutscher Bundestag Protokoll 14/69, 2001, S. 15. Engelmeyer bezieht sich hier auf Kassandra e.V., Nürnberg.

2) Presseerklärung 14. März 2005

3) vgl. Fokusgruppe Migration und Prostitution 13. 12. 2004

4) Siehe auch IV.1.1 zur Situation in den Niederlanden.

5) Der Bereich wird „hell“ genannt, weil oft von der „Aufhellung“ des Feldes die Rede ist, wenn das Erzielen von Transparenz gemeint ist, bzw. davon, die Prostitution „ans Licht der Sonne“ zu bringen – zu legalisieren und anzumelden (siehe II.3.2).

6) Diese Betriebsform existiert in Deutschland nicht, jedoch in den Niederlanden (vgl. IV.1.1). Eine Lizenzierung bzw. Konzessionierung, um Arbeitsbedingungen kontrollieren zu können, wird jedoch auch hierzulande diskutiert, z. B. in Dortmund, wo bereits bei der gewerblichen Anmeldung von Bordellen von Konzessionierung gesprochen wird.

7)vgl. HWG 1994.

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