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9.6 Behinderte Frauen und Männer im Alter

Die demografische Entwicklung in Deutschland wird entscheidend dadurch beeinflusst, dass nicht nur die mittlere, sondern auch die fernere Lebenserwartung der Menschen steigt und darunter auch die Überlebenszeiten nach Unfällen oder Erkrankungen. Kontrovers diskutieren Expertinnen und Experten (meist im Zusammenhang mit Fragen der Belastungen der Sozialhaushalte), ob mit dem Anstieg des Anteils alter Menschen in der Gesellschaft automatisch die Zahl kranker und behinderter alter Menschen steigt (Medikalisierungsthese) oder ob gewonnene Jahre in erster Linie gesunde Lebensjahre sind, also Krankheit und Behinderung in noch höhere Altersgruppen verlagert werden (Kompressionsthese). Im Bericht der Enquete-Kommission "Demographischer Wandel" (Deutscher Bundestag 2002b: 398-399) wird darauf verwiesen, dass beim gegenwärtigen Wissensstand die auf einer Synthese zwischen den beiden Ausgangsthesen basierende so genannte Bi-Modalitätsthese am überzeugendsten erscheint. Es wird also einen großen Teil älterer Frauen und Männer geben, die ihr Leben mit gesundheitlichen Einschränkungen gestalten müssen und auf entsprechende Hilfsangebote angewiesen sind. Darüber hinaus steigt mit zunehmendem Alter das Erkrankungsrisiko, z.B. bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bösartigen Tumoren oder demenziellen Erkrankungen. Ebenso wird es aber auch eine große Gruppe von Menschen geben, die im Alter gesund und aktiv ihr Leben gestalten können.

Aus der Tatsache, dass nur ein relativ kleiner Teil der Frauen und Männer seit Geburt bzw. seit der Kindheit oder Jugend mit einer Behinderung lebt, die Mehrzahl hingegen im mittleren oder höheren Lebensalter mit einer Behinderung konfrontiert wird, ergeben sich völlig unterschiedliche Lebenssituationen. Während von Kindheit an behinderte Menschen meist recht gut mit ihrer Behinderung umgehen können, weichen ihre Lebensentwürfe und ihre Biografien von denen nicht behinderter mehr oder weniger stark ab. Für Frauen und Männer, bei denen die Behinderung erst im höheren Lebensalter eintrat, lassen sich vergleichbare biografische Verläufe wie bei nicht behinderten gleichaltrigen Frauen und Männern feststellen, so z.B. in Bezug auf die familiäre Einbindung, die schulische und berufliche Ausbildung, die berufliche Integration oder die Einkommenssituation. Je später eine Behinderung eintritt, umso größere Probleme können sich aber bei der Bewältigung der behinderungsbedingten Veränderungen ergeben. So ist z.B. die Integration älterer Patienten in Maßnahmen der medizinischen Rehabilitation zum Teil erschwert, sowohl durch Haltungen der Leistungserbringer (Medizinisches Personal, Kostenträger) als auch der Betroffenen selbst (fehlende Informationen über bestehende Möglichkeiten, fatalistische Einstellungen oder fehlende Einsicht bezüglich auftretender Leistungseinschränkungen oder Behandlungsbedürftigkeit). Teilweise erschweren multimorbide Krankheitsbilder Rehabilitationsmaßnahmen.

Ein Aspekt ist bei der Betrachtung der Situation alter behinderter Menschen besonders hervorzuheben. Erstmals erreichen Kohorten lebenslang behinderter Frauen und Männer das Rentenalter, da infolge des Euthanasie-Programmes in der NS-Zeit von 1943 bis zum Ende des Regimes im Mai 1945 behinderte Menschen systematisch ermordet wurden. Darüber hinaus wurden behinderte Frauen und Männer zumeist zwangssterilisiert, was dazu führt, dass diejenigen, die den Faschismus in Deutschland überlebten, ohne eigene Kinder und möglicherweise auch häufiger als nicht behinderte ohne sonstige familiale Bindungen im Alter leben.

Ein Überblick über die Situation behinderter Frauen und Männer wurde im Rahmen des Workshops "Lebenswelten älterer Menschen mit Behinderung" gegeben und entsprechender Forschungsbedarf deutlich gemacht (BMFSJ 2002b).

Im Rahmen des vorliegenden Datenreports sollen die Themen Rente und Pflege kurz beleuchtet werden, die zwar auch für jüngere Frauen und Männer mit Behinderungen Bedeutung besitzen, jedoch im mittleren bis höheren Lebensalter besonders relevant werden.

Rentenbezüge behinderter Frauen und Männer

Das durchschnittliche Zugangsalter in die Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit lag 2003 für Frauen in Deutschland bei 49,2 Jahren, für Männer bei 50,7, in den ostdeutschen Ländern noch darunter (Frauen 48,8 Jahre, Männer 49,8). Damit ist das Renteneintrittsalter wegen Erwerbsminderung seit 1993 sowohl bei ost- als auch bei westdeutschen Frauen kontinuierlich gesunken, ebenso bei westdeutschen Männern. Bei ostdeutschen Männern schwanken die Zahlen etwas, das Rentenzugangsalter lag für sie 2000 mit 50,3 Jahren am höchsten (Tabelle 9.10).

Tabelle 9.10: Durchschnittliches Rentenzugangsalter - GRV-Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit nach Geschlecht in Deutschland insgesamt sowie in West- und Ostdeutschland 1993 bis 2003 (in %)

Datenbasisbasis: VDR-Statistik
Quelle: VDR-Statistik Rentenzugang, verschiedene Jahrgänge

Bei allen Versichertenrenten[238] betrugen 2003 die Versichertenjahre für westdeutsche Frauen 25 Jahre, für westdeutsche Männer 39,5 Jahre. Auch ostdeutsche Frauen weisen weniger Versichertenjahre auf als ostdeutsche Männer (41 Jahre bzw. 44,5 Jahre), diese Unterschiede sind aber wesentlich geringer als in Westdeutschland. Deutlich mehr Versicherungsjahre bis zum Renteneintritt weisen bei allen Versichertenrenten ostdeutsche Frauen gegenüber den westdeutschen Frauen auf. Diese Differenzen sind zwar auch im Vergleich zwischen ost- und westdeutschen Männern nachweisbar, jedoch nicht so deutlich ausgeprägt. So bestand ein Verhältnis der Versichertenjahre Frauen Ost zu Frauen West von 163,8 Prozent sowie Männer Ost zu Männer West von 112,5 Prozent (Abbildung 9.28). Bei Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit betrug 2003 das Verhältnis 114,2 Prozent für Frauen und 102,1 Prozent für Männer. Die durchschnittliche Anzahl der Versichertenjahre in dieser Rentenart betrug für westdeutsche Frauen 35,8 Jahre, für westdeutsche Männer 40,7 Jahre. Ostdeutsche Frauen hatten 40,9 Jahre, ostdeutsche Männer 41,5 Jahre bis zum Eintritt der Erwerbsminderungsrente gearbeitet. Bei Altersrenten für Schwerbehinderte schließlich betrug das Verhältnis der Versichertenjahre Ost zu West 118 Prozent bei Frauen und 99,8 Prozent bei Männern. Frauen, die Altersrente für Schwerbehinderte bezogen, konnten in Westdeutschland im Durchschnitt 35,7 Jahre nachweisen, Männer 46,3 Jahre, Frauen in Ostdeutschland 42,1 Jahre, und Männer 44,3 Jahre. Erwerbsbiografien ostdeutscher Frauen gleichen somit stärker denen der Männer, sie haben durchschnittlich ein bis drei Berufsjahre weniger als Männer, westdeutsche Frauen hingegen ca. fünf bis elf Jahre weniger als westdeutsche Männer.




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