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9.4 Frauen und Männern mit Behinderung in Deutschland im historischen Vergleich

Die amtliche Statistik zur Erfassung der Zahlen schwerbehinderter Frauen und Männer in Deutschland reicht bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts zurück. Menschen mit Behinderungen wurden erstmals im Rahmen der "Krüppelzählung" im Jahr 1906 erfasst. Infolge der beiden Weltkriege wurde 1925 eine "Reichsgebrechlichenzählung" und 1950 in Westdeutschland eine Zählung der "Körperbehinderten im Bundesgebiet" durchgeführt. Im Rahmen der Mikrozensuserhebungen wurde nach Haushaltsmitgliedern mit Kriegsbeschädigungen oder sonstigen Behinderungen gefragt und seit Einführung des Schwerbehindertengesetzes im Jahr 1974 in Westdeutschland orientierte sich die statistische Erfassung an der Vergabe der Schwerbehindertenausweise, die wiederum in erster Linie auf die Integration in den Arbeitsmarkt ausgerichtet waren (Schildmann 2003: 31 ff.). Aus diesem sehr kurzen Abriss der statistischen Erfassung schwerbehinderter Menschen wird schon ersichtlich, dass sich der Status der Schwerbehinderung vorwiegend an der männlichen Biografie orientierte. Verbesserungen in der Versorgung schwerbehinderter Menschen erfolgten oft als Antwort auf den Bedarf von Kriegsversehrten bzw. im Interesse der beruflichen Eingliederung. Daraus ergab sich die bis zur Gegenwart andauernde Unterrepräsentanz behinderter Frauen in der Statistik. Letztlich ist es dem engagierten Wirken behinderter Frauen selbst zu verdanken, dass sich eine eigenständige Frauenforschung zunächst in der Behindertenpädagogik entwickelte und die Bedürfnisse behinderter Frauen damit stärker in das öffentliche Interesse rückten (ebd.). 20 Jahre nach dem Erscheinen des Buches "Geschlecht: behindert, besonderes Merkmal: Frau" (Ewinkel/Hermes 1985) hat sich an dieser Situation einiges geändert, besonders mit der Einführung des Sozialgesetzbuch IX (SGB lX) und des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) fanden weibliche Lebensentwürfe stärkere Beachtung in der Behindertenpolitik in Deutschland. Eine völlige Gleichstellung behinderter und nicht behinderter Frauen und Männer ist jedoch nach wie vor nicht erreicht. Die Mehrfachdiskriminierung behinderter Frauen in verschiedenen Lebensbereichen ist noch immer Realität. Darauf wird im Rahmen dieses Kapitels einzugehen sein.

In der DDR lagen statistische Angaben über Menschen mit Behinderungen vor in Bezug auf Leistungen der Sozialversicherung bei Invalidität[222] oder im Rahmen der Gesundheitsstatistiken (Das Gesundheitswesen DDR[223]). Die Vergabe der "Schwerbeschädigtenausweise" erfolgte über Rehabilitationszentren und war ebenfalls vorrangig an das Erwerbsleben gekoppelt. Da Frauen mit Behinderungen aber ebenso wie Männer in den Arbeitsmarkt integriert waren, ergab sich ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen behinderten Frauen und Männern in der Statistik. Kinder und Personen im Rentenalter waren hingegen in der Statistik unterrepräsentiert (Seidel 1987). Die Versorgung behinderter Menschen erfolgte als staatliche Leistung, gesundheitlich gefährdete oder eingeschränkte Personen wurden im Rahmen von Dispensaires[224] medizinisch betreut. Die Beschulung erfolgte in erster Linie in Sonderschuleinrichtungen, die das Ziel hatten, den Abschluss der Polytechnischen Oberschule zu erreichen. Insbesondere die Möglichkeiten der beruflichen Eingliederung werden rückblickend von Frauen mit Behinderungen als positiv bewertet. Die in diesem Abschnitt dargestellten Ergebnisse zu Rentenleistungen bestätigen die Langzeitwirkung beruflicher Teilhabe. Einige Behindertenverbände existierten in der DDR, eine Selbsthilfebewegung jedoch nur in Ansätzen, zum Teil unter dem Dach der Kirche. Frauen mit Behinderungen erlebten die gesellschaftliche Wende in der DDR ambivalent, darauf verweisen u.a. Schnabel (1999) und Vieweg (1999). Nach 1989 entstand eine vielfältige Selbstvertretungs- und Selbsthilfelandschaft, in der engagierte Frauen und Männer mit Behinderungen aktiv tätig sind (Michel u.a. 2001).

Die Orientierung des Schwerbehindertengesetzes an der Teilhabe am Erwerbsleben findet bis zur Gegenwart ihren Niederschlag in der Schwerbehindertenstatistik. Die Zahl amtlich anerkannter Schwerbehinderter stieg insgesamt seit 1987 bis 1991 leicht an. Seit 1993 wird die Statistik gesamtdeutsch geführt, bis 2001 ist ein weiterer geringfügiger Anstieg zu verzeichnen, 2003 liegen die Zahlen jedoch etwas unter den Werten von 2001. Die Anzahl der Männer lag zu allen Erfassungszeitpunkten über der Anzahl der Frauen (Abbildung 9.3).

Abbildung 9.3: Zeitreihe Frauen und Männer mit Behinderungen in Deutschland1 1987 bis 2003 (absolut)

1 bis 1991 nur westdeutsche Länder und Berlin-West
Datenbasis: Schwerbehindertenstatistik
Quelle: Statistisches Bundesamt 2005: 20

Während in den westdeutschen Ländern die Relation zwischen Frauen und Männern dem Bundesergebnis entspricht, gibt es in den ostdeutschen Ländern annähernd gleich viel Frauen und Männer mit einer anerkannten Schwerbehinderung (Abbildung 9.4). Der Anstieg der Schwerbehindertenquote in Ostdeutschland von 2001 zu 2003 resultiert unter anderem auch aus der anhaltenden Abwanderung junger Menschen aus den Regionen Ostdeutschlands, was zu einer weiteren Verschiebung der Alterstruktur führt.




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