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8.5 Arbeitswelt und Gesundheit

Bei einer Betrachtung des Zusammenhangs von Arbeitswelt, Geschlecht und Gesundheit lohnt es sich, verschiedene Perspektiven zu verfolgen. Ein erster Zugang erschließt sich über die Frage, in welchem Umfang Krankheit Erwerbsarbeit beeinträchtigt, ein anderer, inwiefern Erwerbsarbeit Männer und Frauen krank macht. Arbeitsunfälle können hier in den Blick genommen werden, daneben auch berufs- und arbeitsbezogene Krankheiten sowie Beschwerden, die von den Beschäftigten selbst auf Belastungen im Arbeitsalltag zurückgeführt werden. Angesichts der geschlechtsspezifischen Segmentation des Arbeitsmarktes, ist davon auszugehen, dass Frauen und Männer nicht nur unter unterschiedlichen Bedingungen arbeiten, sondern dass sie auch unterschiedlichen geschlechtsspezifischen Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind.

Arbeit nur unter der Perspektive zu betrachten, dass sie krank macht, würde allerdings verkennen, dass Erwerbsarbeit eine wichtige Funktion für die Inklusion, Selbstverwirklichung und Anerkennung der Beschäftigten hat und insofern auch zu deren Wohlbefinden beiträgt. Dies lässt sich am besten aufzeigen, wenn man den Gesundheitsstatus von arbeitslosen Frauen und Männern in den Blick nimmt und mit dem der erwerbstätigen Personen vergleicht. Zunächst soll nun auf die Fehltage von Frauen und Männern und dann auf ihre gesundheitliche Beschwerden eingegangen werden, die häufig in Zusammenhang mit der Erwerbsarbeit auftreten.

Fehltage

Der Krankenstand der deutschen Beschäftigten geht seit Beginn der 90er-Jahre deutlich zurück. Im Jahr 2004 wurden im Durchschnitt nur noch 13 krankheitsbedingte Fehltage gezählt, im Jahr 2003 waren es 13,5. Im Jahr 1990 war jeder Beschäftigte dagegen noch durchschnittlich 25 Arbeitstage pro Jahr krankgeschrieben (BKK Pressemitteilung vom 23.03.2005). 44 Prozent der Beschäftigten wurden im Jahr 2004 überhaupt nicht krankgeschrieben. Besonders selten wurden Krankschreibungen bei Bank- und Versicherungsangestellten sowie bei in Lehr- und Erziehungsberufen Tätigen gemeldet. Langzeiterkrankte stammten im vergangenen Jahr vor allem aus der Bauwirtschaft, den Verkehrsbetrieben und der Land- und Forstwirtschaft. Die meisten Krankheitstage wurden durch Muskel- und Skeletterkrankungen (27 %) verursacht, gefolgt von Atemwegserkrankungen (16 %) und Verletzungen (15 %). An vierter Stelle stehen mit 8 Prozent psychische Störungen. Bei den Frauen steht diese Krankheitsursache mit 11 Prozent sogar an dritter Stelle (ebd.).

Im BKK Gesundheitsreport von 2004 werden die Fehlzeiten für das Kalenderjahr 2003 nach Geschlecht differenziert. Hier zeigt sich, dass Frauen keineswegs häufiger am Arbeitsplatz fehlen, auch wenn sie sich im Durchschnitt häufiger als Männer gesundheitlich beeinträchtigt fühlen: 2003 hatten weibliche Beschäftigte nur 13 Fehltage, Männer 14,1. Im Osten lagen die Fehltage mit durchschnittlich 14,5 Arbeitsunfähigkeitstagen pro Pflichtmitglied über den im Westen (13,4 Tage) gemeldeten (BKK Bundesverband 2004: 9 f.). Erwerbstätige Frauen haben die Reduktion der Fehltage also genauso wie die Männer vollzogen.

Arbeitsbezogene Beschwerden

In einer Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)[212] berichteten 12 Prozent der befragten Männer und 9 Prozent der befragten Frauen, dass sie auf Grund eines Arbeitsunfalls oder einer durch den Beruf verursachten Krankheit in den vergangenen zwölf Monaten arbeitsunfähig waren (Koppelin/Müller 2004: 133). Männer sind von solchen Beeinträchtigungen also häufiger betroffen als Frauen. Erwartungsgemäß variieren gesundheitliche Beschwerden, die während oder unmittelbar nach der Arbeit auftreten, mit dem Beruf. Besonders häufig berichtet werden zum Beispiel Rückenschmerzen bei Hilfsarbeiterinnen und Hilfsarbeitern sowie bei Krankenschwestern und Krankenpflegern (Tabelle 8.10). Gleichzeitig zeigen sich Frauen und Männer auch innerhalb der einzelnen Berufe unterschiedlich stark belastet.

Tabelle 8.10: Häufige gesundheitliche Beschwerden während oder unmittelbar nach der Arbeit nach Beruf und Geschlecht in Deutschland 1998/1999 (absolut und in %)

1 Grund-/Haupt-/Real-/Sonderschullehrerinnen bzw. Grund-/Haupt-/Real-/Sonderschullehrer
Datenbasis: repräsentative Befragung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) 1998/1999
Quelle: BIBB/IAB nach Koppelin 2004: 132; ausgewählte Ergebnisse

Betrachtet man alle befragten Erwerbstätigen, so lassen sich zwischen Frauen und Männern keine Unterschiede feststellen, wenn es darum geht, ob sie häufig von Rückenschmerzen, Müdigkeit oder Nervosität während oder unmittelbar nach der Arbeit betroffen sind. Häufige Beschwerden im Bereich der Schultern und des Nackens sowie Kopfschmerzen äußern dagegen deutlich häufiger Frauen als Männer.

Schaut man auf die einzelnen Berufe, so zeigen sich differenziertere Unterschiede zwischen den weiblichen und männlichen Beschäftigten. Über häufige Rückenschmerzen berichten am häufigsten Hilfsarbeiterinnen und Krankenpfleger; auch Hilfsarbeiter und Krankenschwestern sind von Rückenschmerzen betroffen, jedoch nicht in diesem Ausmaß. Auch bei Nacken- und Schulterschmerzen liegen die Hilfsarbeiterinnen mit Abstand vorne, an zweiter und dritter Stelle folgen Krankenschwestern sowie Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschullehrerinnen. Häufige Kopfschmerzen berichten vor allem Gymnasiallehrerinnen. Am häufigsten von Müdigkeit geplagt werden Ärztinnen und Gymnasiallehrerinnen. Nervosität ist vor allem bei den Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschullehrerinnen und -lehrern verbreitet. Sie ist jedoch kein weibliches Phänomen; Verkäufer, Krankenpfleger, männliche Bankkaufleute und Gymnasiallehrer sind häufiger nervös als ihre weiblichen Kolleginnen. Am häufigsten beschwerdefrei sind männliche Bankkaufleute und Köche.




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