Service-Angebote
Inhaltsbereich
8.1 Einleitung
Der gesundheitliche Zustand und die Lebenserwartung einer Bevölkerung gelten gemeinhin als Indikatoren für die Lebensqualität in einer Gesellschaft. Insofern kann man von Daten über geschlechtsspezifische gesundheitliche Beeinträchtigungen und Sterblichkeitsraten auch Hinweise auf ungleiche Belastungen und Risiken von Frauen und Männern in Deutschland erwarten. Vorsicht ist bei dieser Argumentation allerdings insofern geboten als die unterschiedliche genetische und hormonelle Ausstattung der Geschlechter ebenfalls Einfluss auf deren Gesundheit im Lebenslauf nimmt.
Heute sind neben den geschlechtsspezifisch akzentuierten biologischen Risiken folgende andere Einflussfaktoren zu berücksichtigen, wenn man die Daten der amtlichen Statistik und der Gesundheitsforschung angemessen interpretieren will: Frauen und Männer sind auf Grund ihrer geschlechtsgebundenen Integration in die Gesellschaft, ihrer unterschiedlichen Erwerbsbeteiligung, ihrer differenten Berufe und Einkommen, ihrer verschiedenen Beanspruchung durch Familienaufgaben etc. trotz mancher Angleichungen diversifizierten Lebensbedingungen ausgesetzt. Frauen und Männer verarbeiten Belastungen und Krankheiten auch unterschiedlich. Darüber hinaus entwickeln sie, orientiert an Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern differente Lebensstile und Gewohnheiten, die Einfluss auf ihre Gesundheit nehmen. Männer tendieren im Allgemeinen zu einer riskanteren Lebensweise. Ferner nehmen Frauen und Männer Beeinträchtigungen ihrer Gesundheit unterschiedlich deutlich wahr. Zum verbreiteten Männlichkeitsbild passt es nicht, krank zu sein. So halten sich Männer häufiger auch dann für gesund, wenn sie es aus medizinischer Perspektive nicht sind (Hurrelmann/Kolip 2002; Koppelin/Müller 2004). Eine zum Teil geschlechtsspezifische medizinische Behandlung und gesundheitliche Versorgung von Frauen und Männern nimmt ebenfalls Einfluss auf deren Gesundheitszustand.
"Gesund-Sein" und "Krank-Sein" sind also stark von subjektiven Wahrnehmungsweisen und Bewertungen abhängig. In der Medizin wird versucht, die Einschätzung von Gesundheit und Krankheit durch objektive Messwerte abzusichern. Für Blutdruck, Knochendichte oder Cholesterinspiegel etc. gibt es Normwerte, deren Überschreiten bzw. Unterschreiten aus medizinischer Sicht auf (beginnende) Krankheiten hindeuten. Diese Normwerte werden oft auf der Basis von Befunden an männlichen Probanden festgelegt und sind häufig nicht einfach auf Frauen übertragbar (Eichler/Fuchs/Maschewsky-Schneider 2000).
In der Gesundheitsforschung werden Gesundheit und Krankheit heute als zwei Pole eines Kontinuums begriffen. Der jeweilige Gesundheitszustand von Personen wird als Produkt von Risiko- und Schutzfaktoren verstanden.[198]
Hurrelmann definiert Gesundheit als eine Balance zwischen inneren Möglichkeiten und Zielen und äußeren Lebensbedingungen. Demnach ist Gesundheit ein
"Zustand des objektiven und subjektiven Befindens einer Person, der gegeben ist, wenn sich diese Person in den physischen, psychischen und sozialen Bereichen ihrer Entwicklung im Einklang mit den eigenen Möglichkeiten und Zielvorstellungen und den jeweils gegebenen äußeren Lebensbedingungen befindet" (Hurrelmann 1990).
Einer solch weiten Definition in einem Datenreport zu folgen, der sich auf aggregierte amtliche Daten stützt, ist schwierig. In diesen Statistiken haben harte Indikatoren wie Lebenserwartung, Krankheitsdiagnosen und Todesursachen den Vorrang. Es bieten sich allerdings auch Möglichkeiten, weichere Indikatoren zu präsentieren, wie etwa Daten, die auf Selbstauskünften über Krankheiten beruhen oder solche, die die subjektive Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit anzeigen.
Um eine Einschätzung des aktuellen Gesundheitszustandes und der Lebensrisiken von Frauen und Männern in der Bundesrepublik zu erleichtern, werden im Folgenden zunächst ein internationaler Vergleich, ein Zeitvergleich sowie ein regionaler Vergleich zur Lebenserwartung von Frauen und Männern gezogen (Kapitel 8.2). In Kapitel 8.3 wird dann dargelegt, wie der subjektiv wahrgenommene Gesundheitszustand und die medizinisch diagnostizierten Krankheiten von Frauen und Männern mit dem Alter, der sozialen Schicht, dem Einkommen und dem Familienstand variieren. In diesem Zusammenhang wird dokumentiert, wie häufig und wie lange Frauen und Männer ein Krankenhaus zu Behandlungszwecken aufsuchen und inwiefern Frauen und Männer von unterschiedlichen körperlichen und psychischen Erkrankungen sowie Todesursachen betroffen sind. In Kapitel 8.4 wird auf gesundheitsbewusste bzw. riskante Verhaltensweisen von Frauen und Männern eingegangen. In Kapitel 8.5 wird der Einfluss der Arbeitswelt auf die Gesundheit von Frauen und Männern thematisiert. Schließlich folgen Befunde zum Gesundheitszustand und zu den spezifischen Gesundheitsrisiken von Migrantinnen und Migranten (Kapitel 8.6). Kapitel 8.7 bietet einen Überblick über die Ergebnisse.
[198] Schon in den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts definierte die Weltgesundheitsorganisation WHO Gesundheit nicht mehr nur negativ in Abgrenzung zu Krankheit, sondern in einem positiven, umfassenden Sinn: "Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen" (WHO 1946). Diese Definition war lange Zeit maßgeblich für die Gesundheitsforschung. Sie beschreibt allerdings einen Idealzustand, der wohl kaum von einem Menschen über einen längeren Zeitraum genossen werden kann. Auf Grund dessen nimmt die jüngere Gesundheitsforschung diese Definition zwar häufig als Grundlage, modifiziert sie jedoch im Hinblick auf die individuellen Lebensbedingungen.


