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7.3 Armutsrisiko und soziale Absicherung im Zeitvergleich

Bereits im ersten Armuts- und Reichtumsbericht in Deutschland wurde ein kontinuierlicher Anstieg der Armutsrisikoquoten von 1983 bis 1998 festgestellt (Bundesregierung 2001: 25). Mit dem zweiten Armuts- und Reichtumsbericht wird deutlich, dass sich diese Entwicklung bis zum Jahr 2003 fortgesetzt hat. Die Armutsquote ist zwischen 1998 und 2003 von 12,1 Prozent auf 13,5 Prozent gestiegen (Bundesregierung 2005: 18). Dass dieser Anstieg trotz einer erheblichen Zunahme der (Langzeit)arbeitslosen so moderat ausfiel, ist dem System sozialer Transfers zu verdanken, das ganz erheblich zur Vermeidung von Armutsrisiken beiträgt.

Obwohl die sozialen Sicherungssysteme auf einen Ausgleich sozialer Risiken hin angelegt sind, können sie die besonderen Einkommensrisiken von Frauen, die sich aus deren kulturell verankerter und strukturell nahe gelegter Verantwortung für Kinder und aus den begrenzten öffentlichen Kinderbetreuungsangeboten bisher ergeben, nicht völlig ausgleichen. Generell ist die Armutsquote von Frauen 2003 aber nur noch 1,8 Prozentpunkte (1998: 2,6 Prozentpunkte) höher als die von Männern (Tabelle 7.1). Bei einer generellen Zunahme des Armutsrisikos glichen sich die Armutsquoten von Frauen und Männern in den letzten Jahren also einander an. In Einpersonenhaushalten erreichte das steigende Armutsrisiko von Männern fast das leicht rückläufige von Frauen. An der überdurchschnittlichen Armutsquote allein Lebender wird deutlich, wie sehr ein Zusammenleben mit anderen Erwachsenen das Armutsrisiko von Frauen und Männern mindert. An der ganz besonders prekären Lage von allein Erziehenden hat sich in den letzten Jahren nichts geändert (Tabelle 7.1). Eine noch höhere Armutsquote als die in Tabelle 7.1 ausgewiesenen Gruppen haben derzeit Arbeitslose (Armutsquote 41 %, Bundesregierung 2005: 21).

Tabelle 7.1: Gruppenspezifische Armutsrisikoquoten1 geordnet nach Geschlecht und Haushaltstyp in Deutschland 1998 und 2003 (in %)

1 Armutsrisikogrenze 60 Prozent der laufenden verfügbaren Äquivalenzeinkommen (Neue OECD-Skala)
2 Kinder: Personen unter 16 Jahren sowie Personen von 16 bis 24 Jahren, sofern sie nicht-erwerbstätig sind und mindestens ein Elternteil im Haushalt lebt
Datenbasis: EVS
Quellen: Bundesregierung 2005: 21, Tabelle I.3; nach Berechnungen von Hauser/Becker 2004

Das Armutsrisiko des allein Erziehens, das zu über 80 Prozent Frauen tragen (Kapitel 5.1), bleibt auch 2003 sehr hoch. Die verbreitete Kinderarmut in Deutschland wird von Kindern allein Erziehender geprägt (Bundesregierung 2005: 59 ff.). Ein gutes Drittel der allein Erziehenden lebt mit Transferleistungen unter der Armutsgrenze (Tabelle 7.1). Lebensgemeinschaften, in denen zwei Erwachsene mit Kindern leben, können die Kosten für Kinder, wie Tabelle 7.1 zeigt, wesentlich besser auffangen. Grabka und Krause kommen auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für das Jahr 2003 zu ähnlichen Ergebnissen. Das Armutsrisiko von Familien hängt neben der Erwerbssituation der Haushaltsmitglieder auch vom Alter des jüngsten Kindes ab. Allein Erziehende sind überdurchschnittlich von Armut betroffen. Mit steigendem Alter des jüngsten Kindes nimmt aber das Armutsrisiko ab, weil die Erwerbsbeteiligung mit dessen Alter zunimmt (Kapitel 5.4). Paarhaushalte mit Kindern sind dagegen einem geringeren Armutsrisiko ausgesetzt, da meist ein Elternteil dauerhaft erwerbstätig ist. Paarhaushalte mit Kindern ohne eine/-n Bezieher/-in von Erwerbseinkommen sind einem noch höheren Armutsrisiko ausgesetzt als allein Erziehende (Grabka und Krause 2005).

Besonders gravierend ist zwischen 1998 und 2003 die Armutsquote von Arbeitslosen gestiegen, und zwar von 33,1 Prozent auf 40,9 Prozent (Bundesregierung 2005: 21). Die Zahl der arbeitslos gemeldeten Sozialhilfeempfängerinnen stieg zwischen 1995 und 2003 um 50 Prozent, die der arbeitslos gemeldeten -empfänger um knapp 40 Prozent (Bundesregierung 2005: Anhangtabelle II.7). Die Sozialhilfequote von Frauen lag 2003 bei 3,7 Prozent, die der Männer bei 3,1 Prozent (ebd.: 60 f.). Dauerhaft von Armut waren 2003 rund 4 Prozent der Bevölkerung betroffen, insbesondere Personen mit einem niedrigen Qualifikationsniveau, allein Erziehende, Personen in Haushalten mit drei oder mehr Kindern und in Haushalten, die von Arbeitslosigkeit betroffen waren.[172] Unter Frauen (10,3 %) ist die chronische Einkommensarmut verbreiteter als unter Männern (7,5 %). Im Vergleich zu 1998 ist das Risiko der dauerhaften Armut um 2,9 Prozent (Frauen) bzw. um 2,1 Prozent (Männer) angestiegen (Bundesregierung 2005: Anhang X. Ergebnisse im Überblick).

Der Lebensunterhalt von Frauen wird noch immer in besonderem Maße auch durch Angehörige gesichert (Abbildung 7.2). 2004 liegt der Anteil der Frauen, die angeben, ihr Lebensunterhalt sei überwiegend durch Angehörige gesichert, bei 36 Prozent, der Anteil der Männer mit einer solchen Abhängigkeit beträgt dagegen nur 22 Prozent (Abbildung 7.2).

Abbildung 7.2: Überwiegender Lebensunterhalt von allen Frauen und Männern in Deutschland 1961 bis 2004 (in %)




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