Inhaltsbereich

6.7 Zur Beteiligung von Frauen und Männern mit Migrationshintergrund in der Politik und im bürgerschaftlichen Engagement

Migrantinnen und Migranten haben - wenn sie nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen - einen Status, der ihnen die politische Partizipation in Deutschland erschwert. Soweit sie aus Staaten der EU stammen, können sie sich zwar an Kommunalwahlen beteiligen, nicht aber an Wahlen auf Landes- oder Bundesebene. Nicht-EU-Angehörige können auf keiner der genannten Entscheidungsebenen an Wahlen teilnehmen. Wie sich Migrantinnen und Migranten dennoch engagieren, ist bisher wenig erforscht. Es existieren zwei Jugendstudien, der DJI-Ausländersurvey und die 13. Shell Jugendstudie (Weidacher 2000; Deutsche Shell 2000), die türkische, italienische sowie - in der DJI-Studie - auch griechische Jugendliche und junge Erwachsene zu Themen politischer Partizipation befragten. In diesen 1997 und 1999 durchgeführten Surveys hatten die Interviewten keine deutsche Staatsbürgerschaft und wurden nicht zur Beteiligung an Wahlen befragt. Interessant ist die vergleichsweise hohe Organisation von jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund in Gewerkschaften, wobei es für die türkischen und griechischen Befragten deutliche Geschlechterunterschiede gab (Heß-Meining 2000: 208). So waren 23,7 Prozent der 18- bis 25-jährigen griechischen Männer in einer Gewerkschaft organisiert, aber nur 17,2 Prozent der Frauen dieses Alters. Die jungen türkischen Männer waren sogar zu 28,8 Prozent Mitglied einer Gewerkschaft, die gleichaltrigen Frauen lediglich zu 13,4 Prozent (ebd.). Der 2000 durchgeführte Integrationssurvey des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung[169] zeigt, dass sich junge türkischstämmige Frauen auch bei der Entscheidung für eine Parteimitgliedschaft stärker als türkischstämmige Männer zurückhalten (Glatzer 2004: 84).

Durch die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts zum 1.1.2000 wurde die Einbürgerung für viele Zuwanderungsgruppen erleichtert und die Einbürgerungszahlen stiegen. Es ist also für eine relevante Anzahl von Migrantinnen und Migranten möglich geworden, sich an parlamentarischen Formen von Politik in Deutschland zu beteiligen. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass diese Änderungen neueren Datums sind und politisches Engagement von Zuwanderern auf höherer politischer Ebene noch keine Tradition hat. Betrachtet man die Lebensläufe von Bundestagsabgeordneten, so sind für die laufende Legislaturperiode lediglich zwei weibliche Bundestagsabgeordnete mit Geburtsort in der Türkei festzustellen. In der Wahlperiode 1998-2002 waren ein männlicher Abgeordneter und eine weibliche Abgeordnete mit türkischem Migrationshintergrund vertreten. Bis dato hat es in Deutschland noch keine Migrantin und keinen Migranten in einem Ministeramt gegeben. Aus diesen wenigen Zahlenangaben wird deutlich, dass zumindest auf bundespolitischer Ebene ein Geschlechtervergleich der politischen Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund noch wenig sinnvoll ist.

Aufschlussreicher wären zurzeit Analysen des bürgerschaftlichen Engagements der Migrantenbevölkerung in Deutschland. Neben der Beteiligung an den vorwiegend von der deutschen Population dominierten Formen des Engagements ist dabei auch die Vielfalt von Vereinigungen eigenethnischer Herkunft zu berücksichtigen.

Für den Bereich des freiwilligen Engagements türkischer Migrantinnen und Migranten liegen mit der Studie des Zentrums für Türkeistudien "Freiwilliges Engagement von Türkinnen und Türken in Deutschland" aktuelle Daten vor (Halm/Sauer 2004). Hier wurde wie im Freiwilligensurvey zwischen einfacher Mitgliedschaft und freiwilligem Engagement unterschieden (Kapitel 6.6.1).

Während sich die Männer türkischer Herkunft kaum häufiger als die deutschen von Gemeinschaftsaktivitäten oder freiwilligen Engagements ausschließen (Abbildung 6.15), sind Frauen türkischer Herkunft deutlich seltener als deutsche Frauen aktiv, die 2004 lediglich zu 32 Prozent keine Aktivitäten vorzuweisen hatten (Abbildung 6.15, Abbildung 6.21). Frauen türkischer Herkunft sind auch auffallend weniger bürgerschaftlich aktiv als türkische Männer (Abbildung 6.21).

Abbildung 6.21: Gemeinschaftlich aktive und freiwillig engagierte Türkinnen und Türken (bzw. Deutsche türkischer Herkunft) in Deutschland 2004 (in %)

Anmerkung: Alle Personen, die "irgendwo mitmachen" ohne formal Verantwortung zu übernehmen, werden als "gemeinschaftlich aktiv" bezeichnet. Wenn diese Personen unbezahlt oder gegen eine geringe Aufwandsentschädigung Aufgaben oder Arbeiten in Vereinen, Initiativen, Projekten oder Selbsthilfegruppen übernehmen, werden sie nicht als "gemeinschaftlich aktiv", sondern als "freiwillig engagiert bezeichnet (Picot 2001:125).
Datenbasis: Survey "Freiwilliges Engagement von Türkinnen und Türken in Deutschland"
Quelle: Halm/Sauer 2004: 159

Die Raten freiwilligen Engagements, d.h. die tatsächliche Mitarbeit etwa in Vereinsfunktionen, fallen bei den befragten Türken in Deutschland im Vergleich zu den Interviewten deutscher Herkunft ausgesprochen niedrig aus. Im Durchschnitt liegen sie bei knapp 10 Prozent, türkische Frauen engagieren sich hier mit 7,1 Prozent nochmals weniger als türkische Männer.




Artikel ausdrucken Zur Druckansicht Seite 1 von 2  | weiter