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6.1 Einleitung
Frauen waren lange Zeit so deutlich weniger in Parlamenten, politischen Führungspositionen, aber auch an der Basis von Parteien anzutreffen, dass der politische Sektor eine rein männliche Domäne zu sein schien. Dieser Eindruck hat sich inzwischen relativiert, einerseits weil die Forschung das gesellschaftliche und politische Engagement von Frauen auch jenseits der institutionalisierten Politik sichtbar gemacht hat und andererseits, weil die Beteiligung von Frauen an den Verfahren und Organen der politischen Interessenvertretung in Relation zu den entsprechenden Aktivitäten von Männern zugenommen hat. Frauen beteiligen sich heute wie Männer an Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen. Ihr Anteil an Parteimitgliedschaften sowie Ämtern und Mandaten hat sich vergrößert (Kapitel 6.4). Trotz dieser unverkennbaren Fortschritte bleiben Frauen in vielen Bereichen der institutionalisierten politischen Interessenvertretung unterrepräsentiert.
Als Frauen in Deutschland 1919 das aktive und passive Wahlrecht erhielten, war dem eine Phase der Demokratieentwicklung in Deutschland vorausgegangen, in der Männer das Geschehen auf der Bühne der Politik alleine beherrschten. Ihr Verständnis von Politik war es, das in die Entwicklung der Verfahren demokratischer Entscheidungsfindung einging. Die demokratischen Institutionen etablierten sich als eine Sphäre, in der Frauen vieles fremd, uneinsichtig und unsympathisch erschien und in der sie selbst als fremd wahrgenommen wurden (Hagemann-White 1987). "Politik ist Männersache", das meinten 1992 laut Eurobarometer noch 34 Prozent der Deutschen und nahmen mit diesen Vorbehalten gegenüber Frauen in der Politik einen Spitzenplatz in Europa ein (Hoecker 1998b: 78). Vor diesem historischen Hintergrund ist zu verstehen, dass Frauen mehr Distanz zu politischer Verantwortung wahren als Männer und Männer sich viel eher dazu herausgefordert sehen, politische Verantwortung zu übernehmen. Die gewachsenen Parteistrukturen, Arbeitszeitsrukturen und Entscheidungsverfahren sind an männlichen Normalbiografien orientiert und nehmen zum Beispiel auf Familienaufgaben ihrer Parteimitglieder meist wenig Rücksicht. Dies erschwert vor allem Frauen die Übernahme von Ämtern und Mandaten. Für ein politisches Fortkommen ist die so genannte Ochsentour, die fortwährende Präsenz an Gemeinde- und Parteiveranstaltungen, immer noch notwendig. Der Verweis auf die "männliche" Prägung der politischen Kultur in Deutschland kann einerseits die geringere Bereitschaft von Frauen, politische Ämter zu übernehmen, erklären. Er macht andererseits begreifbar, dass manche politischen Organe Frauen, insbesondere solche mit Kindern durch ihre Arbeitsweise systematisch ausgrenzen und Nachwuchs eher in jungen Männern sehen (Geißel/Penrose 2003; Westle 2001). Solchen eher verdeckten Diskriminierungen von Frauen stehen heute große Bemühungen in vielen Parteien gegenüber, über innerparteiliche Gleichstellungsmaßnahmen, etwa Quoten, die Partizipation von Frauen auf allen Ebenen der Parteien abzusichern. Parteien, aber auch viele andere Großorganisationen und demokratisch legitimierte Gremien fungieren heute vermutlich als Politisierungsagenturen für Frauen und als Männerbünde, die Frauen Chancen verweigern. Die Geschlechterbeziehungen und Interaktionsstrukturen im politischen Alltag von Frauen und Männern sowie deren Strukturierung und Ritualisierung in politischen Organisationen sind bisher allerdings nur wenig untersucht. Wer solchen Fragen nach den womöglich geschlechtsgebundenen Rekrutierungs-, Verdrängungs- und Selektionsmechanismen keine Bedeutung beimessen möchte, sucht nach Erklärungen für die geringere politische Partizipation von Frauen in ihrer geringeren Bildungs- und Erwerbsbeteiligung. Es ist bekannt, dass höher Gebildete sowohl politisch interessierter als auch engagierter sind. Da erst die in den 60er-Jahren geborenen und jüngeren Frauen einen etwa gleich hohen Anteil an Abitur und Hochschulabschlüssen erreicht haben wie die Männer ihres Alters, konnte in der Vergangenheit mangelndes politisches Engagement von Frauen mit deren durchschnittlich geringerer Bildung erklärt werden. Der Faktor Bildung ist zwar sicherlich eine notwendige, aber doch nicht hinreichende Voraussetzung für eine politische Beteiligung. Wie weiter unten deutlich wird, zeigen jüngere Frauen - trotz einer durchschnittlich höheren Schulbildung - kein größeres politisches Interesse als ältere. Ein weit engerer Zusammenhang scheint zwischen der Erwerbsbeteiligung von Frauen und ihrer politischen Partizipation zu bestehen. Im europäischen Vergleich zeigte sich, dass in Ländern mit höherer weiblicher Erwerbsbeteiligung (wie Skandinavien) auch die politische Beteiligung von Frauen größer ist (Hoecker 1998a). Dieser Zusammenhang verweist noch einmal auf die Bedeutung der nationalen "politischen Kultur" (Hoecker 1998a), die Frauen eine je spezifische Rolle im öffentlichen Leben wie im Beruf zuweist bzw. zugesteht.
Im Folgenden ist nun zunächst vorgesehen, die in Deutschland erreichte Partizipation von Frauen im europäischen Vergleich zu betrachten. Dies soll eine Einschätzung der Situation in Deutschland erleichtern (Kapitel 6.2). Dann folgt ein Rückblick auf die Beteiligung von Frauen an den institutionalisierten Formen der Politik in den letzten Jahrzehnten im früheren Bundesgebiet und in der DDR (Kapitel 6.3). Schließlich wird sich das Kapitel einer präzisen Beschreibung der aktuellen Beteiligung von Frauen und Männern am politisch-administrativen System zuwenden. Hier wird es darum gehen, die Beteiligung von Frauen und Männern an Wahlen, Parteien, Parlamenten und an den politisch besonders einflussreichen Positionen zu beschreiben (Kapitel 6.4). Auf geschlechtsspezifische Unterschiede in den politischen Interessen wird im Kapitel 6.5 eingegangen. Schließlich werden Befunde zum bürgerschaftlichen Engagement[157] von Frauen und Männern und zu deren Beteiligung an informellen politischen Aktionen präsentiert (Kapitel 6.6). Zusätzlich wird auf das politische und bürgerschaftliche Engagement von Migrantinnen und Migranten eingegangen (Kapitel 6.7). Das Kapitel endet mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse.


