Service-Angebote
Inhaltsbereich
4.4.3 "Späte" Mutter- und Vaterschaft
Unter "später Mutter- bzw. Vaterschaft" wird im Folgenden die Familiengründung ab einem Alter von 35 Jahren verstanden. Diese Altersgrenze lehnt sich an die Festlegung der Medizin an. Die fruchtbare Phase, in denen Frauen Kinder bekommen können, ist auf ein Alter bis etwa 50 Jahre begrenzt. Die Wahrscheinlichkeit schwanger zu werden nimmt bereits ab dem Alter von ca. 30 Jahren ab. Zudem gibt es bei älteren werdenden Müttern sowohl eine höhere Wahrscheinlichkeit genetischer Veränderungen beim Embryo (wie etwa Down-Syndrom) als auch ein höheres Fehlgeburtsrisiko.
Abbildung 4.9 verdeutlicht die in den letzten Jahren auffallende Zunahme der Erstgeburten von verheirateten Frauen, die bei der Geburt des Kindes mindestens 35 bzw. 40 Jahre und älter waren.[112] Seit Beginn der 90er-Jahre nimmt der Anteil später ehelicher Erstgeburten für Frauen ab 35 Jahren stetig zu; er hat sich innerhalb von zwölf Jahren fast verdreifacht, indem er von 5,7 Prozent auf 16,9 Prozent im Jahr 2003 gestiegen ist. Diese Quote stieg bei den "besonders späten" Erstgeburten, nämlich bei Frauen ab 40 Jahren, zunächst ebenfalls kontinuierlich an. Zusätzlich erfolgte in dieser Altersgruppe seit 1998 jedoch ein verstärkter und im Jahr 2003 sogar sprunghafter Anstieg. 1991 hatten nur 0,8 Prozent der erstgeborenen Kinder eine Mutter von 40 Jahren und älter, im Jahr 2000 waren es 1,8 Prozent und 2003 bereits 3,9 Prozent. Bei dieser Entwicklung handelt es sich vermutlich nicht nur um eine Ausnahmeerscheinung, sondern auf Grund des kontinuierlichen und in den letzten Jahren sogar zunehmenden Trends möglicherweise um den Beginn einer "Normalisierung" später Erstgeburten. Dieser Wandel geht bei Frauen einher mit einem steigenden Bildungsniveau, der zunehmenden Partizipation am Arbeitsmarkt und dem Interesse am beruflichen Vorwärtskommen. Dass der Aufschub der Familiengründung verstärkt durch besser ausgebildete Frauen getragen wird, wird in Kapitel 4.5.3 aufgegriffen und detaillierter belegt.
Abbildung 4.9: Lebendgeborene erste Kinder von miteinander verheirateten Eltern nach dem Alter der Mutter in Deutschland (in % an allen ersten Geburten) 
Datenbasis: Geburtenstatistik
Quelle: Statistisches Bundesamt
Aber auch für Männer ist eine Familiengründung abhängig vom Lebensalter. Auch wenn Männer potenziell bis ins hohe Alter ein Kind zeugen können, so gibt es doch ein "soziales Zeitfenster" für eine Vaterschaft. Nach den Ergebnissen von Tölke (2005) nimmt die Wahrscheinlichkeit einer Erstvaterschaft ab Mitte 30 bereits signifikant ab. Aus der Untersuchung "männer leben" (Helfferich u.a. 2004) geht zudem hervor, dass auch Männer subjektiv ein solches Zeitfenster wahrnehmen und nur 10 Prozent der Befragten eine Vaterschaft für zeitlich unbegrenzt möglich halten.[113] Dieser subjektiven Einschätzung entspricht auch ein weiteres Ergebnis dieser Studie, dass nämlich zwei Drittel der über 44-jährigen kinderlosen Männer keine Kinder wollen.
Einige wichtige Zwischenergebnisse des Abschnitts 4.5 seien an dieser Stelle zusammengefasst:
Das durchschnittliche Heiratsalter Lediger ist in Deutschland seit 1991 für Frauen um drei Jahre (von 26 Jahre auf 29 Jahre in 2003) und für Männer um dreieinhalb Jahre (von 28,5 Jahre auf 32 Jahre in 2003) gestiegen. Außerdem erhöhte sich das durchschnittliche Alter der Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes in diesem Zeitraum von 26,9 Jahre auf 29,4 Jahre.
Der Anteil von Geburten bei unter 18-Jährigen hat sich in den letzten Jahren nur leicht erhöht. Waren 1996 0,6 Prozent aller Geburten Müttern unter 18 Jahren zuzurechnen, betrug dieser Wert 2002 1 Prozent.
Der Prozentsatz der von verheirateten Frauen ab 35 Jahren geborenen ersten Kinder ist von knapp 6 Prozent im Jahr 1991 auf knapp 17 Prozent im Jahr 2003 gestiegen (in Prozent aller Erstgeburten).
Die gewünschte ideale Kinderzahl 20- bis 34-jähriger Frauen beträgt in Deutschland nur noch 1,7. Lediglich 52 Prozent der kinderlosen 18- bis 44-jährigen Frauen und sogar nur 34 Prozent der kinderlosen Männer dieser Altersgruppe sind sich sicher, dass sie "bestimmt" Kinder haben wollen.
Es zeichnet sich in diesen Zahlen ein soziales Phänomen des Hinausschiebens von Heirat und Elternschaft ab, das in den vergangenen zwölf Jahren - nach einer zumindest für Westdeutschland bereits vorausgegangenen Steigerung - neue Dimensionen angenommen hat. Weiterhin nimmt das in anderen Ländern, z.B. Großbritannien, viel diskutierte Problem der Teenagerschwangerschaften in Deutschland quantitativ einen eher geringen Umfang ein. Das für Deutschland brisante Thema in diesem Zusammenhang ist das Hinauszögern, die Verringerung und letztlich das Aufgeben des Kinderwunsches. Der genaue Umfang konnte an dieser Stelle nur für Frauen dargestellt werden, da es hierzu für Männer keine Daten aus der amtlichen Statistik gibt. Allerdings deutet sich in den Ergebnissen der Studie "männer leben" wie aus den Daten des Statistischen Bundesamts zu Lebensformen bei Männern eher ein noch größeres Hinauszögern des Elternwerdens an. Wie bereits oben angesprochen, lebt gerade in den jüngeren Altersgruppen bis 34 Jahre stets ein sehr viel kleinerer Anteil an Männern mit Kindern im Vergleich zu Frauen. Erst im Alter von 35 bis 44 Jahren leben Männer im vergleichbar hohen Umfang wie Frauen mit Kindern (Tabelle A 4.1, Tabelle A 4.2).


