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4.1.2 Zur Veränderung der Geburtenziffern in Deutschland
Werfen wir nun einen Blick auf den Fertilitätswandel in Deutschland. Die aktuelle Geburtenziffer für das Jahr 2003 beträgt 1,34 Kinder pro Frau (Angaben des Statistischen Bundesamtes). Ein Rückblick auf die Entwicklung der Geburtenziffern im früheren Bundesgebiet bzw. inWestdeutschland in den letzten fünf Jahrzehnten zeigt einen rapiden Rückgang von 2,51, dem höchsten Wert im Jahr 1965, auf 1,41 Kinder im Jahr 2000 (Abbildung 4.3). Der niedrigste Wert (1,28) wurde Mitte der 80er-Jahre erreicht. In den anderen Jahren bewegen sich die zusammengefassten Geburtenziffern wellenförmig zwischen 1,28 und 1,45; seit 1996 bis 2000 lag der Wert relativ konstant bei etwas über 1,4 Kindern pro Frau in Westdeutschland.
Abbildung 4.3: Zusammengefasste Geburtenziffer (Kinder pro Frau) in Westdeutschland1 und Ostdeutschland2 1950 bis 2000
1 bis 1992 früheres Bundesgebiet
2 Ostdeutschland einschl. Berlin-Ost
Datenbasis: Geburtenstatistik
Quelle: Statistisches Bundesamt: Tabelle 1.3.7
In der DDR betrugen die Geburtenziffern in den 80er-Jahren noch gut 1,7 Kinder pro Frau (Staatliche Zentralverwaltung für Statistik 1989: 380) Wie aus Abbildung 4.3 zu ersehen ist, brach die Fruchtbarkeitsrate in den neuen Bundesländern nach der "Wende" stark ein; 1993/94 war ein Tiefststand von 0,77 Kindern pro Frau erreicht. Für die ostdeutschen Bundesländer bedeutet die Geburtenziffer von 1,21 Kindern pro Frau im Jahr 2000[105] daher bereits eine leichte Erholung. Während die ostdeutsche Entwicklung nach 1990 als Reaktion auf eine Phase extremer Unsicherheit zu interpretieren ist, hat die langfristige Entwicklung im Westen sehr komplexe Ursachen.
Die sinkenden Geburtenziffern stehen in engem Zusammenhang mit der Veränderung von Lebensplänen, von Geschlechterrollen, beruflichen Möglichkeiten und Anforderungen. Frauen bekommen u.a. deshalb weniger oder keine Kinder, weil ihnen höhere Bildung sowie eine eigene Berufstätigkeit und Karriere wichtig geworden sind, aber keine ausreichenden Möglichkeiten für die Betreuung von Kindern zur Verfügung stehen (zur Kinderlosigkeit in Abhängigkeit zur Schulbildung siehe Kapitel 4.5.3 sowie zur Vereinbarkeitsproblematik Kapitel 5). Unterstützt bzw. z.T. ausgelöst wurde die Entwicklung zu sinkenden Geburtenzahlen zusätzlich durch die Verfügbarkeit effizienter Verhütungsmittel. An dem Verlauf der Fertilitätskurve für das frühere Bundesgebiet ist abzulesen, dass der entscheidende Einbruch der Gesamtfruchtbarkeitsrate, der so genannte Pillenknick, zwischen 1965 und 1975 geschah. In diese Zeit fällt ebenfalls die Bildungsexpansion, von der in hohem Maß junge Frauen profitierten (Kapitel 1, Abbildung 1.1) und für die damit einhergehend eigene berufliche Ziele realisierbar wurden. Seit 1975 wurde im früheren Bundesgebiet eine Geburtenrate von maximal 1,45 Kindern pro Frau erreicht.
Interessant ist ebenfalls die Darstellung der zusammengefassten Geburtenziffern nach deutscher bzw. nicht-deutscher Staatsangehörigkeit, die für das frühere Bundesgebiet bzw. Westdeutschland zwischen 1970 und 1999[106] vorliegen (Abbildung 4.4).
Abbildung 4.4: Zusammengefasste Geburtenziffern (Kinder pro Frau) für Frauen mit deutscher und ausländischer Staatsangehörigkeit1 in Westdeutschland 1970 bis 1999 
1 Ausländerinnen und Ausländer sind Personen ohne deutschen Pass
Datenbasis: Geburtenstatistik
Quelle: Statistisches Bundesamt: Tabelle 1.3.7
Für die in der Bundesrepublik ansässigen Migrantinnen waren in den 70er-Jahren bis Anfang der 80er-Jahre weit höhere Geburtenziffern im Vergleich zu deutschen Frauen festzustellen. Nach einem ersten Einbruch der Fertilität in der ersten Hälfte der 80er-Jahre auf durchschnittlich 1,38 Kinder lagen die Geburtenziffern der Frauen mit nicht-deutscher Staatsangehörigkeit anschließend wieder für einige Jahre deutlich höher als die der deutschen. Seit Mitte der 90er-Jahre hat sich die Geburtenrate der Frauen mit Migrationshintergrund jedoch der der deutschen Frauen wieder angenähert. 1999 lag sie bei 1,39 und damit sogar etwas niedriger als die der weiblichen deutschen Bevölkerung (durchschnittlich 1,40 Kinder). Auf Grund fehlender neuerer Daten muss jedoch offen bleiben, ob dieser Trend anhält. Es deutet sich mit den niedrigen Geburtenziffern der späten 90er-Jahre jedoch an, dass es in der Migrantenbevölkerung ebenfalls zu einer Neuformierung von Familienbildungsprozessen kommt.
[105] Bedingt durch eine Gebietsreform in Berlin ist es dem Statistischen Bundesamt für die Jahre ab 2001 nicht mehr möglich diese Kennzahl getrennt nach Ost- und Westdeutschland auszuweisen.
[106] Spätere Daten liegen vom Statistischen Bundesamt nicht vor, da das neue Staatsbürgerschaftsrecht keine einfache Fortschreibung mehr zulässt.


