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4.1.1 Geburtenziffern im europäischen Vergleich

Die erhebliche Steigerung der Lebenserwartung (Abbildung 8.3) führte zusammen mit dem Sinken der Geburtenziffer in vielen Staaten Europas dazu, dass die aktive Familienphase im Lebenslauf vieler Frauen und Männer relativ zur Gesamtlebenserwartung kürzer wurde. Das Sinken der Geburtenziffer wurde in Deutschland nicht nur dadurch verursacht, dass Paare weniger Kinder bekamen, sondern auch, dass mehr Paare kinderlos blieben. Insofern stehen die Geburtenziffer und private Lebensformen von Frauen und Männern in enger Beziehung.

Zusammengefasste Geburtenziffer:

"Summe der altersspezifischen Geburtenziffern je 1000 Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren" (Statistisches Bundesamt, Bevölkerungsstatistik, Tabelle 1.4). Die Berechnung der zusammengefassten Geburtenziffer erfolgt durch Multiplikation der altersspezifischen Geburtenziffer mit der Länge des Altersintervalls (also hier des Alters zwischen 15 und 49 Jahren). Die zusammengefasste Geburtenziffer sagt somit aus, wie viele Kinder 1.000 Frauen in diesem Altersintervall bekommen haben.

Der besseren Darstellbarkeit und Lesbarkeit wegen wird im Folgenden die zusammengefasste Geburtenziffer je Frau verwendet und verkürzt als Geburtenziffer bezeichnet.

Der europäische Vergleich der Geburtenziffern für die Zeit von 1980 bis 2002 verweist auf einen markanten Wandel: Die Geburtenziffern sind in fast allen Mitgliedsstaaten erheblich gefallen (Abbildung 4.1). Lag 1980 die durchschnittliche Geburtenziffer in Europa bei 1,88 Kindern pro Frau, so ist sie bis 2002 auf 1,46 gesunken. Mit 1,34 Kindern pro Frau liegt Deutschland unterhalb des europäischen Durchschnitts. Die süd- und osteuropäischen Länder haben die markantesten Einbrüche in der Geburtenrate zu verzeichnen. Für das deutliche Absinken der Geburtenziffern in der gesamten EU sind in den einzelnen Ländern sicherlich unterschiedliche Gründe verantwortlich. So wird in den osteuropäischen Länden möglicherweise die Unsicherheit infolge der Transformationsprozesse ein Sinken der Geburtenziffern verursacht haben. In Südeuropa stehen andere gesellschaftliche Veränderungen, etwa eine Modernisierung der Lebensformen, im Vordergrund. Es gibt  auch Ausnahmen von dem beschriebenen Trend: In Frankreich, Schweden und Belgien sind die Geburtenziffern nahezu gleich geblieben und in Finnland, Dänemark und Luxemburg sogar leicht gestiegen.[104] Entgegen früherer Beobachtungen, gehen heute in vielen Ländern hohe Frauenerwerbsquoten mit hohen Geburtenziffern einher. So sind z.B. mehr als 90 Prozent der Isländerinnen erwerbstätig; mit einer Geburtenrate von 1,93 gehören sie aber gleichzeitig zu den kinderreichsten Ländern Europas (Süddeutsche Zeitung 12./13.2.2005). Italien, mit einer Frauenerwerbsquote von 60 Prozent , gehört dagegen mit einer Geburtenrate von 1,26 zum Schlusslicht Westeuropas.

Abbildung 4.1: Geburtenziffern im europäischen Vergleich 1980 und 2002 (Kinder pro Frau)

Anmerkungen: Zypern: nur von der Regierung kontrolliertes Gebiet
2002: EU Schätzungen Eurostat; Spanien und Frankreich: vorläufige Angaben; Italien, Vereinigtes Königreich: nationale Schätzungen (einschließlich Vorausschätzungen)
Quelle: Eurostat 13/2004: 5

Ein weiteres Schlaglicht auf die Veränderungen von Familienformen wirft die Entwicklung des Anteils außerehelicher Geburten, die auch als Ausdruck veränderter Geschlechterrollen interpretiert werden kann. Wie Abbildung 4.2 zeigt, ist dieser Prozentsatz in allen europäischen Ländern ausnahmslos und deutlich gestiegen. Offenbar scheint in vielen Ländern Elternschaft nicht mehr in dem Maße wie vor einigen Jahrzehnten an die Ehe geknüpft zu sein. Lag der Anteil außerehelicher Geburten 1980 noch in den meisten Ländern unter 10 Prozent, so beträgt er zwei Jahrzehnte später im Durchschnitt bereits knapp 30 Prozent. Estland und Schweden nehmen mit einem Anteilswert von 56 Prozent die Spitzenposition ein und sind - zusammen mit Dänemark - als Vorreiterländer einzustufen. Deutschland liegt mit einem Wert von 26,1 Prozent nicht-ehelicher Geburten im Jahr 2002 unter dem europäischen Durchschnitt (29,2). In westeuropäischen Ländern gehen hohe Quoten nicht-ehelicher Geburten tendenziell mit hohen Geburtenziffern einher; neuere Partnerschaftsformen stehen also keineswegs in Widerspruch zu einer Familienorientierung.

Abbildung 4.2: Anteil der außerehelichen Lebendgeborenen im internationalen Vergleich 1980 und 2002 (pro 100 Lebendgeborene)

Anmerkungen: Zypern: nur von der Regierung kontrolliertes Gebiet
2002: für EU und Spanien vorläufige Angaben; für Belgien und Italien Schätzungen Eurostat
Quelle: Eurostat 13/2004: 5

[104] Neuere Untersuchungen legen nahe, dass die vergleichsweise hohe Geburtenrate in den drei skandinavischen Ländern mit einer auf dem Gleichheitsprinzip basierenden Familienpolitik zusammenhängt (Neyer 2004: 3).